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Meine Corona Lernkurve

Was nehme ich persönlich mit aus der Krise?

Gerade hat uns die Nachricht erreicht, dass die seit Mitte März 2020 geltenden Reisebeschränkungen in Europa ein Stück weit gelockert werden. Das könnte tatsächlich das Signal dafür sein, dass wir vorerst einmal das Gröbste überstanden haben. Aber täuschen wir uns nicht!

Die Erkrankungs- und Todesfall-Statistiken weisen in Österreich gottlob niedrige Werte auf. Die seelischen Herausforderungen sollten über den Sommer gut in den Griff zu bekommen sein. Lediglich die Kollateral-Schäden1) an den Fundamenten unserer Lebenswelten werden wohl noch längere Zeit unser Leben bestimmen. Die Arbeitswelt läuft auf Sparflamme. Die Wirtschaft hat argen Schaden erlitten. Und auch viele unserer lieb gewonnenen Gewohnheiten werden wohl länger nicht wie üblich zu konsumieren sein. Zudem können die Lockerungen des „Shut Downs“2) jederzeit wieder zurückgenommen werden.

Schon jetzt boomt der Markt für Post-Corona-Orakel3). Die Zahl der politischen Wünsche an die Zukunft und geschäftsträchtigen Weissagungen steigt exponentiell4). Doch für konkrete Vorhersagen, wie die Welt nach Corona aussehen wird, ist es wohl noch zu früh. Aber es schadet nicht, unsere Lernkurve aus der Krise zu überprüfen. Was haben wir bisher gelernt und was nehmen wir persönlich mit in die Zukunft?

1) Kollateral-Schäden = begleitende Schäden
2) Shut Down = englischer Ausdruck für das Herunterfahren eines Systems
3) Post-Corona-Orakel = gemeint sind vage Vorhersagen für die Zeit nach der Corona-Krise, dazu entsteht gerade ein eigener Blog-Beitrag
4) Exponentiell = prozentuale (in diesen Zusammenhang steile) Veränderung von Werten

Meine Top 10 Lerneffekte …

… die mir das Corona-Virus neben all seinen negativen Einflüssen auf mein Leben beschert hat. Weitere werden folgen:

1. Körperliche Distanz ist sehr okay!

Ich bin jemand, der sich nicht gerne in Menschenmengen aufhält. Das ist nicht nur bei Großveranstaltungen der Fall. Auch der schnelle Körperkontakt, den Menschen im Bus, auf der Rolltreppe, an der Bar oder beim Vordrängeln anbieten, ist nicht meins. Seit einigen Wochen aber kenne ich meine Wohlfühlzone ganz genau. Es ist so zirka ein Baby-Elefant, den ich auch künftig zwischen mir und wildfremden Menschen haben möchte. Eine imaginäre Knautschzone, die mich vor unangenehmen Drängeleien, schlechtem Atem und herumwirbelnden Schultaschen schützen soll. Na hoffentlich halten sich die Menschen auch nach Corona daran … wink

2. Die Klimaforschung hat doch recht

Die Corona-Pandemie gewährt uns tatsächlich einen kurzen realen Einblick in die Faktenlage zur Klima-Diskussion. So als hälfe uns der Seuchengott als Wiedergutmachung einer Krise bei der Bewältigung einer anderen. Er zeigt uns, dass der Mensch mit seinem Lebensstil aktiv an der Beschleunigung der Klimakatastrophe mitwirkt. Wir erleben gerade den empirischen1) Nachweis, dass die einfache Formel weniger Globalisierung = weniger Umweltschäden ebenso unumstößlich zu sein scheint wie die Einsteinsche Relativitätstheorie2). Dass der Klimawandel auch ohne menschliches Zutun stattfindet, ist uns schon länger klar. Dass wir Menschen aber in der Lage sein müssten, ihn entscheidend hinauszuzögern, ist die Botschaft von Corona.

1) empirischer Nachweis = eine aus Beobachtung gewonnene Erkenntnis
2) Albert Einstein (dt. Physiker) und seine bahnbrechende Formel e=mc2, die besagt, dass jegliche Materie aus Energie besteht und umgekehrt. Sie wird oft als Beispiel für eine unumstößliche wissenschaftlich Erkenntnis verwendet, die auch für zukünftige Entwicklungen Gültigkeit besitzt.

3. Sogar der Populismus1) hat Grenzen

Lange bevor wir die exponentielle Entwicklung der Corona-Fallzahlen in Österreich live mitverfolgen durften, hat sich eine andere Seuche weltweit rasant breit gemacht: Populismus in seiner fiesesten Form. Populismus ist nicht minder ansteckend als das Corona-Virus und genauso tödlich, wenn auch meist für andere als die Infizierten. Dass aktuell ein mikroskopisch kleiner Erreger den üblicherweise großspurigen Populist*innen die Grenzen aufzeigt, ist zwar kitschig, aber überfällig. Aktuell lernen wir, dass die Politik der alternativen Wahrheiten dann an ihre Grenzen kommt, wenn es um das Einlösen von Ankündigungen geht. Das ist wenigstens eine positive Nachwehe der Corona-Pandemie.

1) Populismus als politischer Stil setzt oft auf Abgrenzung der eigenen zu anderen Nationen oder Gruppen, eine Emotionalisierung der Menschen über Bedrohungsszenarien, die Verfälschung bzw. Leugnung von Fakten, eine scharfe, stark überzeichnende Rhetorik und jeglichen Verzicht auf Skrupel (= Hemmungen, Gewissensbisse)

4. Wir machen gerade einen Crashkurs1) in Komplexität

Die Pandemie offenbart uns aktuell bis ins Kleinste, wie unsere Gesellschaft und die Systeme, die wir zu unserem Wohl geschaffen haben, ticken. Corona breitet dabei hochkomplexe Themenfelder wie die Wirtschaft, die Politik, oder die Gesellschaft wie Organe auf dem Seziertisch vor uns aus. Wir sehen endlich die Zusammenhänge und die Schwachstellen, aber auch die Stärken und Ansatzpunkte für Verbesserungen. Wir erkennen die Fehler der Vergangenheit und mit etwas Fantasie auch jene, die es in Zukunft zu vermeiden gilt. Corona ist aber auch ein Lehrbuch für die dunkle Seite der Macht, wenn es um das Initiieren von Krisen, das Aushebeln der Märkte und das Schüren internationaler Konflikte geht.

1) Crashkurs = Unterricht, in dem Wissen schnell und kompakt vermittelt wird

5. Wir sind over-newsed, but under-informed1)

In der ersten Phase der Corona-Krise in Österreich schien alles perfekt zu laufen. Die Politik und Wissenschaft haben uns über alle Medien-Kanäle mit den wichtigsten Informationen versorgt. Wir wussten, was Sache ist und wie es weiter gehen soll. Damit schaffte man Vertrauen und Sicherheit! Das jedoch hat sich nach dem „Herunterfahren des Staates“ Mitte März schlagartig geändert. Hier scheint der Zeitpunkt zu liegen, ab dem im Handbuch für Krisen keine Patentlösungen mehr stehen. Seitdem strapaziert eine wahre Flut an Pressekonferenzen mit hohem Werbewert, jedoch abnehmendem Erkenntnisgewinn die Geduld der Menschen. Und die Medien spielen mit: Die Corona-Dauerschleife ohne zählbarem Mehrwert steigerte wieder den Frust und die Unsicherheit.

1) englisch, Schlagwort für zu viele Nachrichten (Sendungen), aber zu wenige greifbare Informationen

6. In vielen von uns steckt das Hausmeister-Gen

Beobachten, anstänkern und melden. So etwa stelle ich mir stark überzeichnet die Rolle eines klassischen 70er-Jahre Hausmeister-Ehepaares vor. Ich weiß, es handelt sich dabei um ein bösartiges Klischee ohne realem Bezug. Es beschreibt aber treffend die neue Berufung vieler durch die Pandemie in ihre Häuslichkeit zurückgedrängter Menschen. Immerhin gilt es in Zeiten von Corona Leben zu retten. Da kann es nicht falsch sein, fragwürdig erscheinende Menschen auf „Gefährder*innen-Verhalten“ zu checken und wenn sie nicht spuren auch anzuzeigen. Ich dachte zwar, diese zweifelhafte Art des Dienstes an der Gesellschaft wäre mit Ende des Zweiten Weltkrieges oder dem Zerfall des Ostblocks ausgestorben. Ist sie aber nicht!

7. Die Politik ist nicht multitasking-fähig

Klar, es gibt viele Menschen, die mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen können. Das nennt man Multitasking. Scheinbar aber endet diese Fähigkeit dann, wenn es darum geht, sich mehreren drängenden Querschnittsthemen1) simultan zu widmen. Corona ist so eine Querschnittsmaterie, die unser Leben an allen Ecken und Enden beeinflusst. Die drohende Wirtschaftskrise ebenso wie auch der Klimawandel, die Globalisierung, die Bildung und vieles mehr. Um unsere Gesellschaft angesichts dieser komplexen Vernetztheit der Krisen sicher in die Zukunft zu leiten, bräuchte es einen gesamtheitlichen Lösungsansatz. Der aber ist nicht in Sicht. Eine Krise nach der anderen abzuarbeiten ist definitiv zu wenig. Das sollten wir im Jahr 2020 besser können!

1) Querschnittsthemen = große Aufgabenstellungen, die wechselnden Einfluss auf viele Bereiche haben

8. Wahre Kreativität lebt im Verborgenen

Anfangs war es lustig, jenen Menschen, die aus dem Büro in ihre Wohnung ausgelagert wurden, auf Social Media beim Ausgelassen-sein zuzusehen. Irgendwann aber hätte ich mir die Beiträge über Kinder, Hunde, Schnitzerl, Pfitschi-Goggerl1), NMS-Masken oder Füße im Sonnenuntergang lieber erspart. Dann aber kam die Zeit, in der aus der lähmenden Langeweile heraus teilweise wunderbare Ideen geboren wurden. Ob kollaborative2) Musik-Formate auf sozialen Medien oder Geschäftsideen, die klein beginnen, es aber nicht bleiben müssen. Ob kreative Ansätze zur Überwindung menschlicher Distanz oder überraschende Bekenntnisse für eine bessere Welt. Ich liebe den Ideenreichtum der Menschen – auch wenn er viel zu selten ans Licht kommt. smile

1) Pfitschi-Goggerl = sehr einfaches Tischfußball-Spiel, bei dem man mit einem Geodreieck und einer größeren Münze (Spieler*in) eine kleinere Münze (Ball) in ein gegnerisches Tor bugsieren muss.
2) Kollaboration = Zusammenarbeit

9) Millionen Teamchefs haben jetzt einen Nebenjob

Es gibt in Österreich 3,4 Millionen Männer zwischen 16 und 76 Jahren. Ich gehe davon aus, dass knapp 90% davon Fußball-Experten und damit potenzielle Teamchefs sind. Also Leute, die sich mit dem Sport identifizieren. Profis, die mit massenhaft Expertise ausgestattet per Zuruf von der Tribüne aus Einfluss nehmen wollen. Jetzt aber pausiert der Fußball. Also wohin mit dem Fachwissen, vor allem aber mit dem Fluch, alles besser zu wissen, aber keiner hört zu? Irgendwie bietet sich da Corona an. Immerhin wurden wir über die Medien rasch zu Expert*innen gemacht. Es ist daher unsere Pflicht, hinter Gesichtsmasken hervor, via Leser*innen-Briefe oder von Balkonen herab die entscheidenden Tipps in die Welt zu tragen. Übrigens, je männlicher, desto lauter, selbstbewusster und kompromissloser. Und ich nehme mich da selbst nicht aus!

10) Mit der Natur ist nicht zu verhandeln

Wir verfallen gerne in Verzweiflung, wenn uns die Natur mit extremen Phänomenen schmerzhafte Opfer abringt. So als würde die Natur als Stellvertreterin Gottes uns für etwas bestrafen wollen, was wir bis zuletzt doch leugnen würden. Z.B. unser Leben im Übermaß oder dass wir unsere Nächsten nie so lieben könnten wie uns selbst. Aber keine Angst, das müssen wir nicht. Vielmehr gehört Corona ebenso wie BSE, Tsunamis, Kometeneinschläge oder Schwarze Löcher zum evolutionären Alltag des Universums. Wir sind den Elementen dieser Erde ziemlich egal und ausgeliefert. Bedenken wir das bitte, wenn Mr. Trump, Mr. Johnson oder die Herren Kurz und Kogler uns künftig weismachen wollen, sie hätten ein Mandat, um sich mit Seuchen, Unwettern oder dem Klimawandel an den Verhandlungstisch zu setzen.

To be continued (= engl. für wird fortgesetzt) …

 

Salzburg, 2020/05 – Gerd

Blog-Details
  • Content-ID: 004|01
  • Autor: Gerd
  • Stand: 28.05.2020
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