Kreislaufwirtschaft

Ressourcen entknappen

Vom Potenzial der Kreislaufwirtschaft

Am 22.8.2020 ist wieder Welterschöpfungstag. Ab dann hat die Weltbevölkerung jene Ressourcen aufgebraucht, die für dieses Jahr zur Verfügung gestanden wären. Corona-bedingt erreichen wir heuer dieses Datum etwas später als üblich, aber doch deutlich vor Ablauf des Jahres. Wir verbrauchen einfach viel zu viel an Ressourcen. Aber was können wir gegen diese Verschwendung tun? Eine der Strategien dagegen ist die Kreislaufwirtschaft1).

Dabei geht es um nichts weniger als den schlauen Umgang der Menschheit mit Rohstoffen und Ressourcen. Das eigentlich Geniale am Konzept der Kreislaufwirtschaft (engl. circular economy) ist, dass wir Bürger*innen dabei nicht nur als Wähler*innen mit von der Partie sind. Wir können, sollen und müssen auch selbst mitmachen. Unser Beitrag zu einer besseren Welt ist ein nicht unwesentlicher. Das ist wertschätzend und spornt an. Wer sich aktiv am Sammeln und Trennen von Müll, am Reparieren alter Geräte oder am Einsparen von Verpackung beteiligt, schafft echte Mehrwerte. Daher: Bitte ausprobieren und Zeichen setzen.

Aber worüber reden wir im Detail? Laut Definition des Europäischen Parlaments umfasst Kreislaufwirtschaft die Wiederverwertung von Rohstoffen, die Vermeidung von Abfall und die Verlängerung der Lebensdauer von Produkten. Damit sollen Produkte und Rohstoffe möglichst lange in Gebrauch gehalten bzw. wiederverwendet (recycelt) werden. So schrumpft der Müllberg und sinkt auch der Bedarf an neuen Rohstoffen. Zudem werden neue Geschäftsmodelle rund um die Themen Abfallwirtschaft, Recycling und Reparatur geschaffen.

SCHAUBILD – Europäisches Parlament: Kreislaufwirtschaft – Definition und Vorteile »

1) Europäisches Parlament: https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/economy/20151201STO05603/kreislaufwirtschaft-definition-und-vorteile

Wo stehen wir heute?

Wichtige Roh- und Hilfsstoffe für die Produktion von Gütern sind weltweit knapp geworden. Zudem können sie oft nur mit großen Schäden für die Umwelt gewonnen und verarbeitet werden. Das betrifft die Landwirtschaft ebenso wie industriell verarbeitete Rohstoffe1) oder Ressourcen2) für den Produktionsablauf3) selbst. Die stete Neugewinnung der benötigten Materialen belastet die Erde und die Menschen über Gebühr. Die Folgen sind teils katastrophal:

  • Langfristig ist die Versorgung der (weltweit) wachsenden Bevölkerung nicht mehr gewährleistet.
  • Die Abhängigkeit einzelner Länder von anderen Staaten und internationalen Konzernen steigt.
  • Die Arbeitsbedingungen beim Abbau von Rohstoffen und für die (Massen-)Produktion von Gütern werden weltweit immer schlechter.
  • Es entsteht zusätzlich Müll, der weltweit zwar exportiert, jedoch kaum recycelt wird.
  • Nebeneffekte: Wälder werden abgeholzt, Böden unbrauchbar gemacht, es herrscht regional Wassermangel, die biologische Vielfalt geht verloren und das Klima kippt.

Dagegen hilft in großem Stil wohl nur die Reduktion des Ressourcenverbrauchs. Diese Strategie erfordert jedoch auch die Änderung unserer Art zu leben und zu wirtschaften. Die Diskussionen dazu werden zwar bereits geführt. Eine weltweite Einigung der Staaten, Unternehmen und Menschen scheint jedoch ein Ding der Unmöglichkeit. Gegen die Ausbeutung der Erde steht daher die Suche nach Alternativen zu einzelnen Rohstoffen und Produkten ganz oben auf der Liste. Dabei sollen unbegrenzte, möglichst umweltverträgliche Ressourcen, die knapp gewordenen ablösen. Aber auch die Lenkung der Nachfrage der Menschen, weg von kritischen Produkten, hin zu neuen Lösungen, verspricht hohe Erfolgsaussichten.

So bietet die Kreislaufwirtschaft einen äußerst smarten4) Ansatz, die Ressourcen der Erde zu schonen. Smart deshalb, weil Produkte länger genutzt und erst später ersetzt werden. Darüber hinaus sind ausrangierte Produkte auch lukrative Rohstoffquellen. So wurden in vielen Staaten bereits Standards für Müllvermeidung, Abfallsammlung und Wiederverwertung etabliert, die laufend verbessert werden (sollten). Zudem hat die EU im März 2020 einen überarbeiteten Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft verabschiedet. Dabei sind einerseits Maßnahmen zur verbesserten Produktgestaltung und die Schaffung nachhaltiger Produktionsprozesse im Fokus. Andererseits soll die Position der Verbraucher*innen gestärkt werden. Spätestens jetzt kommen Sie ins Spiel. Kreislaufwirtschaft ist nämlich nicht nur ein Maßnahmenpaket für Staaten und Unternehmen. Sie ist auch für Sie und mich eine nennenswerte Chance, die Welt zu verändern!

1) Zum Beispiel Metalle, seltene Erden, Zement, Edelmetalle, fossile Brennstoffe, Baumwolle u.v.m.
2) Ressourcen = Mittel zur Herstellung von Produkten oder Leistungen
3) Zum Beispiel Wasser, Chemikalien, Energie u.v.m.
4) smart = englisch für schlau, in der Technologie auch für optimierte, selbststeuernde Systeme

Wir können auch selbst anpacken!

Unsere Rolle als Bürger*innen

Die Parteien wählen, die für Ressourcenschonung eintreten, ist eine Sache. Als Konsument*in die Märkte für nachhaltige Produkte aus ressourcenschonender Herstellung zu stärken, ist eine andere. Es geht aber auch weniger anonym und weit effizienter, Akzente bei der Umsetzung von Kreislaufwirtschaft zu setzen. Selbst anpacken und regionale Strukturen bedienen heißt längst die Devise. Der Aufwand hält sich in Grenzen, der Nutzen ist spürbar und es tut nicht weh, gescheit mit Ressourcen umzugehen.

Unser Umgang mit Altstoffen

Beginnen wir mit dem rasanten Wachsen der Müllberge. Nicht nur gewerblicher Abfall, auch der Hausmüll, nimmt immer bedenklichere Ausmaße an. So finden sich bereits heute 1,5 Mio. Tonnen Restmüll in den Abfalleimern der Österreicher*innen1) – Tendenz steigend. Damit ist Müll allgemein zu einem globalen Wirtschaftsfaktor geworden. So importiert Österreich rund 240.000 Tonnen Plastikmüll jährlich, eher um sie zu verbrennen, nicht zu recyclen2). Plastikmüll wird allgemein in Österreich eher verbrannt, als wiederverwertet. So werden nur rund 25 % des recycelbaren Kunststoffes auch tatsächlich wiederverwendet. Es ist aktuell nämlich billiger, Plastik (aus Erdöl) neu zu produzieren, als Recycling-Material zu verwenden. Das wiederum könnte die Steuerzahler*innen ab Jänner 2021 pro Jahr 124 Mio. Euro an Strafe kosten. Dieses Geld in die Vermeidung und verbesserte Wiederverwertung von Kunststoff zu investieren, wäre aber irgendwie sinnvoller, oder? Werfen Sie aber auch andere Gegenstände die Sie nicht mehr benötigen nicht einfach weg. Lassen Sie sie entweder Profis für Recycling oder Wiederverwertung zukommen oder sorgen Sie dafür, dass sie Menschen erhalten, die sich Neuware nicht leisten können. Auch das spart Ressourcen.

Wir verlängern die Nutzungsdauer

Haltbarkeit ist heute kein Ziel mehr von Produzent*innen. Der Begriff „Obsoleszenz“ umschreibt dabei, dass Hersteller*innen den Zeitpunkt, an dem Produkte unbrauchbar werden, selbst herbeiführen. Das soll die Kund*innen früher als gewollt zum Kauf eines Ersatz-Produktes zwingen. Dieses Vorgehen ist gar nicht so wenig verbreitet. Sie werden sich wundern, wie viele Produkte, ein paar Monate nach Ende der Garantiefrist ihren Geist aufgeben. Dazu kommt, dass eine Reparatur dieser Produkte oft nicht möglich ist. So verhindern das Fehlen spezieller Werkzeuge, exklusive Ersatzteile oder der komplizierte Zugang zur Fehlerstelle eine Wiederherstellung des Gerätes. Dagegen hat die EU längst eine Richtlinie erlassen, welche die Hersteller*innen von z.B. elektrischen Geräten dazu zwingt, Reparaturen möglich zu machen. Finden Sie sich daher bitte nicht damit ab, dass Geräte, die rasch ihren Geist aufgeben, durch neue ersetzt werden müssen. Bemühen Sie lieber den Kundendienst oder nutzen Sie eine der zahlreichen (nicht kommerziellen) Repair-Cafés, um ihr Gerät wieder in Schuss zu bringen. Bleiben Sie bitte auch den regionalen Anbieter*innen treu. Sie reparieren das Produkt und sie vernichten nicht Unmengen an erstklassiger Ware, die Kund*innen nicht gefällt. So werden lt. Berechnungen der Uni Bamberg z.B. vom Versandhandel in Deutschland ca. 4 % aller retournierten Waren verschrottet, weil ein neuerlicher Verkauf zu teuer ist.

1) Salzburger Nachrichten, 19.8.2020: https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/sammeln-ohne-disziplin-kommt-jetzt-ein-pfand-auf-batterien-91667086
2) Neue Vorarlberger Tageszeitung, 14.8.2020: https://www.neue.at/oesterreich/2020/08/14/oesterreich-viertgroesster-eu-importeur-von-plastikmuell.neue

Ein sinnvoller Umgang mit den Ressourcen dieser Erde ist ein Gebot der Stunde. Wir verbrauchen zu viele Rohstoffe in zu kurzer Zeit. Dem gegenüber ergreifen wir zu selten die Chance, eingesetzte Ressourcen mehrfach zu nutzen. In dieser Hinsicht sollte die Menschheit intelligenter sein! Dazu bräuchte es nur eine Nachnutzung von Geräten durch neue Besitzer*innen, die Verlängerung der Lebensdauer und die Rückgewinnung einzelner Rohstoffe. Mit dem Einsatz recyclingfähiger Materialen und einer hohen Wiederverwertungsquote ließe sich der Bedarf an Produkten soweit reduzieren, dass der Ressourcenverbrauch auf ein erträgliches Maß sinken würde. Die entgangenen Umsätze der Produzent*innen ließen sich durch neue, zukunftsfähige Geschäftsmodelle locker ausgleichen. Die eigentlichen Gewinner*innen wären damit die Welt und wir Menschen, die darauf leben.

Salzburg, 2020/08 – Gerd

Blog-Details
  • Content-ID: 016|01
  • Autor: Gerd
  • Stand: 20.08.2020
Anmerkung

Die große Schwester der Kreislaufwirtschaft ist die Vermeidung von Müll und überflüssigem Ressourceneinsatz. Insbesondere beim regionalen Bezug von Waren lassen sich viele Umweltsünden vermeiden. Es gibt Lebensmittel und Konsumgüter ohne Plastikverpackung. Es gibt Gemüse aus dem eigenen Beet, dem Permakultur-Stadtteilgarten oder den örtlichen Bio-Betrieben. Es gibt die Möglichkeit, Autos, Werkzeug und Haushaltsgeräte mit Freunden zu teilen. Und es gibt immer die Möglichkeit etwas nicht oder nicht gleich zu kaufen oder konsumieren. Dabei verlieren Sie nichts, sie können höchstens gewinnen!

Lesestoff

Kreislaufwirtschaft in der EU | Eine Zwischenbilanz | Sepp Eisenriegler | 2020, Verlag Springer Gabler

Cradle to Cradle | Einfach intelligent produzieren | Michael Braungart | 2014, Piper Taschenbuch

Die Donut-Ökonomie | Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört | Kate Raworth | 2018, Carl Hanser Verlag

Revolutionäre Permakultur | Durch nachhaltiges Gärtner ein funktionierendes Ökosystem aufbauen und zum erfolgreichen Selbstversorger werden – Dein Kompaktratgeber | Nora Peters | 2020, Eigenverlag

Linktipps

BOKU Presse: https://boku.ac.at/universitaetsleitung/rektorat/stabsstellen/oeffentlichkeitsarbeit/themen/presseaussendungen/presseaussendungen-2020/13082020-kreislaufwirtschaft-auf-dem-raumschiff-erde-seit-1900-drastisch-gesunken »

Sammlung Präsentationen Re-Use Konferenz 2020, Graz: https://www.arge.at/oesterreichische-re-use-konferenz-2020/praesentationen-der-oesterreichischen-re-use-konferenz-2020/ »

Umweltjournal.at: https://www.umwelt-journal.at/was-bedeutet-kreislaufwirtschaft-wo-setzt-man-an/ »

Plattform für Kreislaufwirtschaft: https://www.circularfutures.at/themen/kreislaufwirtschaft/eu-klw-aktionsplan-2020/ »

Utopia.de (Ratgeber): https://utopia.de/ratgeber/kreislaufwirtschaft-das-steckt-dahinter/ »

Der Standard: https://www.derstandard.at/story/2000114437525/muell-mit-potenzial-der-lange-weg-zur-kreislaufwirtschaft »

Die Presse: https://www.diepresse.com/5768024/ein-gesetz-gegen-verschwendung »

ZDF Mediathek: https://www.zdf.de/nachrichten/zdf-morgenmagazin/prof-maja-goepel-zu-nachhaltigkeit-100.html »

NDR Mediathek: https://www.ndr.de/ratgeber/verbraucher/Plastikfrei-leben-Wie-geht-das,plastikfrei120.html »

Kleine Zeitung: https://www.kleinezeitung.at/wirtschaft/wirtschaftktnhp/5821068/Oesterreich-hinkt-hinterher_Pfand-oder-NichtPfand-wird-zur »

EU Parlament: https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/economy/20151201STO05603/kreislaufwirtschaft-definition-und-vorteile »

WDR.de: https://www.ardmediathek.de/ard/video/die-story/plastikland-deutschland/wdr-fernsehen/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTQxMWFjMDVlLWI0Y2UtNDcyNS1iZWJlLTUzMjU5OTdjMTgxOQ/  »

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