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Es regne Geld!

Vom Tanz ums bedingungslose Grundeinkommen

BGE = Bedingungsloses Grundeinkommen

Für die einen ist es das Wundermittel gegen Ungleichheit und Armut im Lande. Für die anderen ist es die bittere Pille aus der Schreckenskammer des Sozialstaates. Im Sog von Corona wurde die Diskussion über Geld vom Staat, ohne Gegenleistung, wieder einmal angefacht. Während wirtschaftsliberale Kreise davon nicht begeistert sind, sehen Verfechter*innen des Sozialstaates eine neue Chance, wieder ins Gespräch zu kommen. Vielleicht gelingt dieses Mal eine fachliche Auseinandersetzung ohne Polemik und Populismus – nicht nur auf wissenschaftlicher Ebene, sondern auch in der Bevölkerung. Das würde uns guttun.

Aktuell in die Schlagzeilen gekommen ist das Thema durch ein Projekt in Deutschland. Dabei sollen ab dem Frühjahr 2021 insgesamt 120 Personen für 3 Jahre ein monatliches Einkommen von € 1.200,- erhalten. Im Zentrum des Versuchs steht die Frage, wie sich diese Art der Leistung auf den Alltag der Betroffenen auswirkt. Dabei geht es zum einen darum, die „Faulheitsthese“1) zu hinterfragen. Also zu prüfen, ob die Motivation, am Erwerbsleben teilzunehmen, von anderweitiger sozialer Absicherung nicht beeinträchtigt wird. Zum anderen werden die Auswirkungen auf das soziale Leben der Testpersonen beobachtet. Auch wir in Österreich wären gut beraten, uns der Diskussion zum BGE offener zu stellen als bisher, anstatt sie (mit großem Aufwand) zu unterdrücken. Nicht, um tatsächlich gleich den Sozialstaat umzukrempeln, sondern um endlich neue Gedankenspiele zur nachhaltigen Sicherung von Lebensqualität und Wohlstand in unsere Köpfe zu lassen. Und das ist, wie wir aus Corona gelernt haben, dringend notwendig!

Die zentrale Frage, auf die die Diskussion um ein BGE jetzt aufbauen sollte, ist nicht jene, ob Menschen etwas erhalten dürfen, ohne dafür eine Leistung zu erbringen. Auch nicht, ob die bestehende Wirtschaftsordnung überhaupt in der Lage wäre, den dafür nötigen finanziellen Mehraufwand zu stemmen. Die wahre Problemstellung in dieser Auseinandersetzung ist, dass die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Konzepte nicht mehr in der Lage sind, allen Bürger*innen ein würdiges Auskommen zu sichern. Das aber ist die Kernaufgabe der Politik – auch in Österreich. Wir wissen heute aus konkreter Erfahrung, dass weder kapitalistische oder neoliberale Wirtschaftsansätze2) noch der Sozialismus bisher in der Lage waren, diese Aufgabe zu lösen. Im Gegenteil: Neoliberale Staaten steuern direkt auf eine ¾-Gesellschaft3) zu. Diese und andere Systeme sind anfällig für Ausbeutung, Korruption und Günstlingswirtschaft. Deshalb braucht die Gesellschaft dringend eine ergebnisoffene Suche nach neuen Lösungsansätzen und nicht die Leugnung des Problems.

Ob jetzt ein BGE eine praktikable Lösung auf die offene Frage des wirtschaftlichen Ausgleichs in der Gesellschaft sein kann, steht dabei noch gar nicht fest. Muss es auch nicht! Mangels visionärer Alternativen, ist eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Varianten einer Grundsicherung, dringend geboten. Es geht nicht darum, erste utopische Ideen mit aller Macht Wirklichkeit werden zu lassen. Ziel muss sein, am Ende eines evolutionären4) Prozesses eine taugliche Lösung für ein gewaltiges, komplexes Problem zu finden. Dazu braucht es neue Konzepte, da die alten nicht mehr taugen. Ob das jetzt ein Grundeinkommen, nur Teile davon oder ein ganz anderer Ansatz sein wird, wird sich nur dann herausstellen können, wenn wir die Diskussion ergebnisoffen und ehrlich führen.

1) Faulheitsthese = Hypothese, dass Bezieher*innen eines Grundeinkommens keine regelmäßige Erwerbstätigkeit mehr ausüben wollen.
2) Neoliberalismus = das freie Spiel der Kräfte auf unregulierten Märkten – siehe auch: https://unbehagen.at/015-neoliberal-wirtschaften/3) ¾-Gesellschaft = wirtschaftliche Absicherung für lediglich 75 % der Bevölkerung, die restlichen 25 % leben in Armut (z.B. Hartz 4, Sozialhilfe bzw. Mindestsicherung, geringe Mindestpensionen, „working poor“ etc.)
4) Evolutionär = sich eigenständig entwickelnd

Worin besteht die Herausforderung?

Die derzeitige Diskussion findet überwiegend „schwarz-weiß“ statt. Dabei stößt kategorische Ablehnung auf euphorische Zustimmung, wobei beide Lager kaum in der Lage sind, ihre Sichtweise mit Fakten zu hinterlegen. Es entscheidet meist das stärkere Vorurteil. Das muss sich ändern.

Wir wünschen uns ein Bollwerk gegen die Armut.

Weltweit nimmt zwar die Zahl der von extremer Armut betroffenen Menschen kontinuierlich ab. Trotzdem leben noch immer rund 40 % der knapp 8 Milliarden Menschen auf dieser Erde unter der Armutsgrenze. Auch in Österreich, einem der reichsten Länder der Welt, gibt es ein Leben in Armut oder an der Kippe dazu. Darunter leiden ganz besonders viele Kinder. Bei uns findet Armut jedoch oft im Verborgenen statt. So ist rund jede 6. in Österreich lebende Person1) nicht in vollem Umfang sozial integriert, da ihr die dafür nötigen finanziellen Ressourcen fehlen – Tendenz steigend. Viele Betroffene haben sogar einen Job, von dem sie nicht leben können, oder beziehen Transferleistungen2), die nicht reichen. Dabei sorgt das soziale Netz3) nicht, wie vermutet, für ein würdiges Leben der Betroffenen, sondern lediglich für das nackte Überleben in einer parallelen Armutsgesellschaft. Armen und armutsgefährdeten Menschen sollte daher über ein BGE eine soziale Teilhabe an der Gesellschaft erhalten bleiben. Ohne Neid und Generalverdacht auf Sozial-Missbrauch. So weit die Theorie …

Die Wirtschaft braucht einen Mindestumsatz

Der Glaubenssatz der 1990er Jahre, dass es „wenn es der Wirtschaft gut geht, allen gut geht“, ist längst Geschichte. Spätestens mit Corona hat sich gezeigt, dass die aktuellen Wirtschaftsideologien nicht mehr in der Lage sind, allen Menschen im Lande ein würdiges Leben zu ermöglichen. Ja nicht einmal mehr, allen Unternehmen ausreichend Erlöspotenzial zu bieten. Das liegt weniger an den Unternehmen als an den sich verschärfenden Rahmenbedingungen. So sorgen zunehmend Krisen und steigender Wettbewerbsdruck dafür, dass immer mehr Steuergeld in die Rettung ganzer Branchen investiert werden muss. Dieses Geld kommt jedoch längst nicht mehr in vollem Umfang in der Gesellschaft an. Daher ist es für viele an der Zeit, den wirtschaftlichen Ausgangsimpuls umzukehren. Dabei wird die verlässlichste Konstante im Wirtschaftskreislauf, der private Konsum, an den Start der Wertschöpfungskette gesetzt. Immerhin ist er schon jetzt für gut 50 % der österreichischen Wirtschaftsleistung verantwortlich. Das heißt, dass wenn ausreichend verfügbares Einkommen im Umlauf ist, auch die Betriebe davon profitieren werden. Und zwar nicht nur jene, die für die Befriedigung von Grundbedürfnissen zuständig sind, sondern auch Wohlstandsbranchen, die in Krisenzeiten besonders stark betroffen sind.

Reizwort „bedingungslos“

Konsequent zu Ende gedacht, bedeutet „bedingungslos“ tatsächlich die Gewährung eines BGE ohne Rücksicht auf Vermögen, Erwerbseinkommen, Alter, Familienstand und andere Merkmale. Damit steigen der Kreis der Bezieher*innen und die Kosten enorm4). Für viele Menschen reicht dieses Szenario schon als „Totschlag-Argument“ in der aktuellen Diskussion. Zudem ist es vielfach unvorstellbar, dass z.B. auch reiche Menschen Geld erhalten würden. Besonders schlimm aber empfinden einige Menschen, dass für dieses Einkommen nichts geleistet werden muss. Überwiegend ältere Personen leben oft noch nach dem Glaubenssatz, dass Lohn nur gegen Arbeit gewährt werden darf. Dass trotz BGE die Mehrzahl der Menschen konventioneller Arbeit nachgehen wird, um persönliche Ziele zu verwirklichen, ist noch nicht erwiesen. Das wiederum schürt die Angst nach einer Verschärfung des Fachkräftemangels. Demgegenüber sichert ein finanzieller Risikoausgleich soziale Dienstleistungen im familiären Umfeld und fördert den Umstieg vom klassischen Beruf auf eigene Projekte. So könnte, an der richtigen Stelle eingesetzt, ein Grundeinkommen wie ein Motor für Innovation und alternative Wertschöpfung wirken.

Wer trägt die Kosten?

Egal in welcher Variante, ein BGE geht immer zulasten des Staatshaushaltes. Dabei stimmt schon: Müsste man ein bedingungsloses Grundeinkommen aus dem heute gepflegten Wirtschaftsansatz finanzieren, wäre man schnell an seinen Grenzen angelangt. Lediglich die Summe der Sozialausgaben und Transferleistungen gegenzurechnen wird nicht reichen. Immerhin würde eine Vollvariante eines Grundeinkommens in Österreich mit € 1.200,- pro Person und Monat (12x) ein Budget von 130 Milliarden Euro verschlingen. Das wären ⅔ jenes Geldes, das dem Staat, den Bundesländern und Gemeinden insgesamt für die Erfüllung ihrer Ausgaben zur Verfügung steht. Zum Vergleich: Aktuell fließen 112 Mrd. Euro ins soziale Netz. Was aber spricht dagegen, sich eine effektivere Form der Gegenfinanzierung auszudenken? Selbstverständlich gibt es längst kreative Finanzierungsansätze – auch abseits von neuen Steuern und solidarischer Umverteilung. Es gab lediglich noch kaum die Gelegenheit, neuartige Konzepte unvoreingenommen zu diskutieren. Auch deshalb wäre es dringend notwendig, dass die Auseinandersetzung um ein BGE rasch an Fahrt aufnimmt. Es braucht im Diskurs nämlich mehr harte Fakten und weniger „Killer-Phrasen“.

1) Statistik Austria: https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/soziales/gender-statistik/armutsgefaehrdung/index.html
2) Transferleistungen: Leistungen vom Staat, wie z.B. Arbeitslosengeld, Pensionen, Sozialhilfe u.v.m.
3) Populistisch auch „soziale Hängematte“ genannt, in die zu flüchten es sich nicht lohnen soll.
4) In Österreich leben rund 9 Millionen Einwohner, für die der Finanzierungsbedarf des Grundeinkommens bei € 1.200,-/Person und Monat mit rund 130 Milliarden Euro errechnet wurde.

Bedingungslose Gedankenspiele

Begehen wir an dieser Stelle nicht jene Fehler, die sich bei entscheidenden Diskussionen zur Gestaltung der Zukunft so oft einschleichen. Verwechseln wir unsere Erwartungshaltung nicht mit dem späteren Endergebnis. Vergessen wir aber auch nicht, dass Zukunftsprojekte einen Prozess und nicht ein „heute auf morgen“ abbilden. Denken und arbeiten wir lieber „agil“1) an der Zukunft und lassen auch Gedankenspiele zu.

Bedingungen für „bedingungslos“

… zumindest auf dem Weg zu einer umfassenden Lösung: Warum nicht für den Bezieher*innen-Kreis eines Grundeinkommens Regeln aufstellen und „bedingungslos“ dahingehend interpretieren, dass keine individuelle Gegenleistung nach Erhalt des Geldes gefordert ist? Was spricht dagegen, ein Grundeinkommen erst ab 16 Jahren zu gewähren? Oder ab einem frei gewählten Stichtag für einen Zeitraum von insgesamt 5 Jahren – gerne auch teilbar?

Bürger*innen-Card

Stellen Sie sich vor, jede Person ab 16 Jahren erhält eine Karte mit Bezahlfunktion, die jedes Jahr vom Staat mit einem Geldbetrag (z.B. 3.000,-) aufgefüllt wird. Mit dieser Karte können z.B. Lebensmittel, Urlaube, Mieten und Betriebskosten, 1-2-3-Tickets, E-Räder, Schulartikel, Lederhosen u.v.m. bezahlt werden. Einzige Voraussetzung ist, dass die Unternehmen ihren Sitz in Österreich haben und ihre Gewinne auch hier versteuern. Das steigert über zusätzlichen privaten Konsum das BIP und damit auch die Steuereinnahmen der Republik. Die Unternehmen haben eine sichere Einnahmequelle und der Mehrumsatz finanziert die nächste Runde der Bürger*innen-Card mit.

Der Staat braucht neue Einnahmequellen!

Damit ist nicht ein Rückfall in Zeiten der verstaatlichten Industrie gemeint, sondern eine aktivere Rolle des Staates als Investor. Geschäftsideen fördern, Entwicklungen finanzieren, Patente anmelden bzw. Lizenzen vergeben, internationale Kooperationen anbahnen oder sich an Firmen beteiligen bringt Rendite. Dazu kommt, dass über Digital- und Spekulationssteuern und die Umsetzung lange fälliger Reformen, z.B. in der Verwaltung, zusätzliche Mittel freigeschaufelt werden können. Das alles könnte Extra-Geld zur Finanzierung eines BGE sein.

Direktzahlung ins Pensionssystem

Überweisen wir doch im Namen jedes Menschen zwischen 18 und 65 Jahren in Österreich einen Beitrag zur Alterspension in Höhe von € 400,- monatlich an die Versicherung. Damit sollte mit Pensionsberechtigung eine ausreichende Mindest-Alterspension garantiert sein. Ebenso wichtig aber ist, dass die nicht mehr benötigten Pensionsbeiträge der zurzeit arbeitenden Bevölkerung deren Nettogehalt aufbessern, das schafft Kaufkraft. Oder sie könnten wahlweise als Ansparmodell für eine höhere Alterspension eingesetzt werden. Zudem gibt es keine Verlierer*innen mehr im Pensionssystem, wie aktuell z.B. Mütter mit Kindererziehungszeiten.

1) Agil (im Projektmanagement) = flexibel, anpassungsfähig, aktiv und in der Lage, Projektziele und Abläufe an die neu bewerteten Zwischenergebnisse anzupassen und abzuändern(!)

Politische Statements

Im Vorfeld dieses Beitrages habe ich politische Parteien um ihre Einschätzung zum Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“ gebeten. Ich wollte dabei die Chance geben, zu erläutern, was aus der Sicht der jeweiligen Ideologie Gegenstand der Diskussion sein sollte und worauf sich ein Pro oder Contra letztendlich stützt. Dieses Angebot haben 2 Parteien – die SPÖ und die deutschen Grünen – angenommen: DANKE! Von der ÖVP, den Neos und den österreichischen Grünen habe ich leider keine Antwort erhalten. Das stimmt mich traurig, da es auf politischer Ebene längst ausformulierte Konzeptpapiere noch aus der Zeit vor Corona geben müsste. Ich interpretiere das Schweigen der Parteien daher als Versuch, noch einer Diskussion zu entkommen, der sie sich früher oder später doch stellen müssen.

Anfrage Mail (Österreich)

O-Ton: „Eines der kommenden Themen in meinem Blog wird das „Bedingungslose Grundeinkommen“ sein, das in der Öffentlichkeit seit längerem diskutiert wird. Ich stelle dabei fest, dass aktuell zwar sehr emotional dafür bzw. dagegen argumentiert wird, kaum jemand jedoch vom Gleichen zu sprechen scheint. Mein Ziel ist es, der interessierten Öffentlichkeit die zentralen Inhalte der Diskussion und die wichtigsten Pro- und Contra-Argumente näherzubringen.

Ich bitte Sie, mir bei meinen Recherchen zu diesem Thema behilflich zu sein und mir folgende Fragen zu beantworten. Dabei bitte ich Sie um Statements, die ich in der gegebenen Form auch zitieren darf.

Frage 1: Befürworten Sie ein „Bedingungsloses Grundeinkommen“ grundsätzlich oder lehnen Sie dieses Format einer Grundsicherung ab?

Frage 2: Welche Zielsetzungen, Leistungen, Kriterien, Finanzierungsfragen etc. beinhaltet das Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“, auf das Sie sich in der aktuellen Diskussion beziehen (egal ob pro oder contra)?

Frage 3: Was sind aus Ihrer Sicht die schwerwiegendsten Argumente für oder gegen das oben beschriebene Modell eines „Bedingungslosen Grundeinkommens“?

Frage 4: Wie wichtig ist der Begriff „bedingungslos“ in der laufenden Diskussion für Sie?

Frage 5: Haben Sie eigenes Info-Material und Stellungnahmen bzw. Verweise auf Literatur, Berechnungen, Studien etc. das Ihre Position in der laufenden Diskussion weiter erklärt?“

Rückmeldung SPÖ

O-Ton: „… vielen Dank für Ihr Schreiben. Wie Sie selbst darin anmerken, ist das Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ hoch komplex und wird daher breit diskutiert und oft emotional gehandhabt.

Gleich zu Beginn möchten wir Ihnen mitteilen, dass das Bedingungslose Grundeinkommen derzeit nicht prioritär auf der Agenda der SPÖ steht. Als politische Bewegung setzen wir grundsätzlich auf den Vorrang eigenständiger Arbeit, die den Menschen Selbständigkeit und Sinn sowie Chancen und Freiheit gibt. Wir machen uns für die Schaffung von Arbeitsplätzen genauso stark wie für aktivierende Arbeitsmarktmaßnahmen und faire Löhne, von denen man gut leben kann. Das wichtigste Ziel muss sein, Beschäftigung zu schaffen, um Armut zu verhindern.

Wie bereits angemerkt, ist das Thema BGE derzeit nicht prioritär für die SPÖ. Aus diesem Grund verfolgen wir auch kein konkretes Modell.

Es gibt eine Reihe von Argumenten, die gegen eine Ad-hoc-Einführung des BGE sprechen:

  • Das BGE wäre ohne starke Einschnitte im Sozialbereich schwer finanzierbar. Das würde auch unseren starken Sozialstaat gefährden.
  • Mangelnde Treffsicherheit: Ein Großteil des Geldes, das für das BGE ausgeschüttet würde, käme auch Menschen zugute, die es gar nicht brauchen. Dieses Geld würde für Transferleistungen fehlen.
  • Gefahr, dass Arbeitslosigkeit zementiert wird.
  • Gefahr, dass sich überkommene Rollenbilder verfestigen: Ein BGE könnte dazu führen, dass Frauen ihre Erwerbstätigkeit reduzieren und wieder an den Herd und in Betreuungsaufgaben gedrängt werden.

Aufgrund der eben angeführten Argumente setzen wir uns dafür ein, Armut in ihren verschiedenen Facetten zu bekämpfen und unseren Sozialstaat weiter zu stärken. Statt einem bedingungslosen Grundeinkommen muss soziale Absicherung auf mehreren Ebenen greifen, etwa via Arbeitslosengeld, Pensionen, Krankengeld oder einer Mindestsicherung, von der man leben kann. Daher setzen wir uns beispielsweise auch vehement für die Erhöhung des Arbeitslosengelds von 55 auf 70 Prozent des Nettolohns ein. Und wer arbeitet, muss auch gut davon leben können. Dazu braucht es den Mindestlohn von 1.700 Euro steuerfrei. Wie schon angemerkt, ist und bleibt unser wichtigstes Ziel die Schaffung von guten Arbeitsplätzen. Aktuell sind rund 400.000 Menschen ohne Arbeit (Stand August 2020). Eine schrittweise Verkürzung der Arbeitszeit – wie bei unserem vorgeschlagenen Modell der geförderten 4-Tage-Woche (https://www.spoe.at/2020/06/27/4-tage-woche-staerkt-wachstum-und-beschaeftigung/) – würde zusätzliche Arbeitsplätze schaffen und wäre daher ein wichtiger Schritt.

Dass das BGE eher keine Wirkung auf den Arbeitsmarkt hat, zeigt etwa ein Experiment aus Finnland. Sie können den Bericht u.a. hier nachlesen: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-02/finnland-grundeinkommen-arbeitslosigkeit-arbeitsmarkt-experiment-studie. Neben der 4-Tage-Woche und anderen Beschäftigungsmaßnahmen haben wir zudem ein umfassendes „Kraftpaket“ (https://www.spoe.at/2020/07/06/kraftpaket/) erarbeitet, um einem wirtschaftlichen und sozialen Desaster der Corona-Krise entgegenzuwirken.

Zum Abschluss möchten wir noch festhalten, dass wir, auch wenn das BGE für uns derzeit nicht prioritär ist, für eine offene Diskussion ohne Scheuklappen sind. Denn unsere Arbeitswelt und auch die Verteilung von Erwerbsarbeit ist – Stichwort Digitalisierung – großen Veränderungen unterworfen, weshalb verschiedene Facetten betrachtet werden müssen.

Sehr geehrter Herr Sendlhofer, wir hoffen, dass wir Ihre Fragen beantworten konnten und verbleiben

mit freundlichen Grüßen, das SPÖ-Team!“

Rückmeldung Grüne Deutschland

O-Ton: „… vielen Dank für Ihre Mail. Wir GRÜNE wollen über Möglichkeiten einer Garantiesicherung für Kinder, junge und ältere Menschen oder gar für alle, also auch für Erwachsene diskutieren.

Und wir wollen damit eine breite gesellschaftliche Debatte vorantreiben und Fragen von der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, das ein selbstbestimmtes Leben mit der  Möglichkeit auf soziale und kulturelle Teilhabe ermöglicht, über die Frage einer Wertschöpfungsabgabe bis hin zu institutionellen Reformen der Sicherungssysteme in den Blick nehmen.

Viele von unseren Vorschlägen von der Kindergrundsicherung bis zur Garantierente wurden vom Vorschlag eines Grundeinkommens beeinflusst.

Wir wollen diese Ideen weiterdiskutieren. Dafür brauchen wir noch Antworten auf bisher nicht geklärte Fragen. Und wir wollen auch Erfahrungen aus anderen Ländern berücksichtigen und das Grundeinkommen in einem Modellprojekt erproben.

Grundsätzlich wurde die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens oder eines bedingungslosen Bürgergelds, wie es auch genannt wird, bereits seit den 80er Jahren in akademischen Kreisen und gerade auch im Umfeld der Grünen diskutiert. Die Debatte wurde dann durch die Deutsche Einheit unterbrochen.

Ob prekäre Arbeitsverhältnisse, Digitalisierung der Arbeitswelt oder Alleinerziehende:  Seit immer mehr Menschen von sozialer Ausgrenzung oder der Sorge davor betroffen sind, wurde die Debatte über die Angemessenheit und Leistungsfähigkeit unseres Sozialstaates wieder aktuell.

Es fehlen bisher aber immer noch fundierte Erkenntnisse, ob sich bestimmte Probleme durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens lösen ließen.

Denn klar ist: es darf nicht passieren, dass sich der Staat seiner Sorgepflicht gegenüber denjenigen entzieht, die Hilfe besonders notwendig haben, Menschen mit einem höheren Unterstützungs- und Förderungsbedarf.

Die meisten sozialstaatlichen Institutionen lassen sich außerdem  auch auf lange Sicht nicht ersetzen.

Die Rentenversicherung kann nicht über Nacht abgeschafft werden, über viele Jahrzehnte wären erworbene Ansprüche zu bedienen. Auf die Krankenversicherung, Pflegeversicherung oder auch die Eingliederungshilfe für Behinderte kann nicht verzichtet werden.

Dazu kommt, dass die unterschiedlichen, in der Debatte immer wieder angeführten Finanzquellen, sowohl von ihren Erträgen her, als auch in ihrer Wirkungen auf die Wirtschaft und die Verteilung sehr verschieden.

Wir werden an dem Thema auch in der kommenden Legislaturperiode weiterarbeiten.“

Salzburg, 2020/08 – Gerd

Blog-Details
  • Content-ID: 017|01
  • Autor: Gerd
  • Stand: 27.08.2020
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