Bargeld im Visier

Content-ID: 061|01 | Autor: Gerd | Stand: 5.8.2021

Das Bargeld im Visier

Auf ewig unser

box = nähere Details finden Sie in der Fakten-Kiste am Ende dieses Beitrags.

In regelmäßigen Abständen dringt die Diskussion um die Abschaffung bzw. die Reglementierung von Barzahlungen in der EU an die Oberfläche. Oft als Ablenkung zu anderen knackigen Themen der Tagespolitik eingesetzt, hat auch jetzt wieder ein Lieblingsaufreger der Österreicher*innen Saison. Was aber unterscheidet die Diskussion um den Klimawandel von jener um die Abschaffung des Bargeldes? Zwar fordern beide Themen von Staaten, Unternehmen und Menschen den Mut, etwas zu verändern. Lediglich braucht es für ersteres rasch den Umstieg vom Gewohnten zum Erforderlichen. Die Abschaffung des Bargeldes scheint hingegen mehr Schlagzeile denn reale Notwendigkeit für die Gesellschaft zu sein. Vor allem deshalb, weil Probleme wie Korruption, Schattenwirtschaft oder Geldwäsche, die ursächlich mit Bargeld in Zusammenhang gebracht werden, auch jedem Format elektronischen Geldes erhalten bleiben.

Raus aus dem Bargeld heißt daher nicht automatisch rein in eine sichere Zukunft. Im Gegenteil: Es gibt gute Gründe, neben digitalem Geld auch am System Bargeld festzuhalten. Seien wir uns ehrlich: Trotz rasantem Fortschritt wird immer eine analoge Welt parallel zur digitalen existieren. Es braucht schlichtweg auch dann funktionierende Systeme, wenn Digitales nicht verfügbar bzw. nicht sicher anzuwenden ist. Fehlen hingegen niederschwellige Zugänge zu den zentralen Abläufen im Alltag, werden welche geschaffen. Wer meint, mit einem technischen Gerät (Handy) vor einem anderen (Terminal) herumzufuchteln, wäre schon die einfachste Variante, Werte auszutauschen, irrt gewaltig. Sind an einer Bargeld-Transaktion gerade einmal zwei Parteien beteiligt, sind es z.B. bei der Kreditkarte oder im Online-Banking schon ungleich mehr. Grundsätzlich steigt mit der Komplexität eines Systems auch die Zahl der Möglichkeiten für Überwachung, Kriminalität und Funktionsausfälle. Davon sind auch digitale Bezahlformate und Kryptowährungen betroffen. Das jedoch läuft dem Bedürfnis der Menschen nach Kontrolle zuwider. Die Gesellschaft sucht immer nach dem einfachsten, sichersten und transparentesten Weg, sich selbst zu organisieren. Das bedeutet auch, wenn Bargeld abgeschafft wird, wird als Alternative wieder so etwas wie Bargeld erfunden werden – simpel, funktional und vor allem analog.

Einfacher geht es nicht!

Bereits lange vor Christus haben entwickelte Zivilisationen erkannt, dass es sich durch den Einsatz von Geld statt Tauschware bequemer und risikoärmer handeln lässt. Statt eineinhalb Schweine gegen fünf Säcke Weizen tauschen zu müssen, wechselten ab sofort Münzen die Besitzer*innen. Damit lassen sich seit damals Bedürfnisse nicht nur über inhaltliche, örtliche und zeitliche Differenzen befriedigen. Geld bot sich in Form einer Währung auch als Maßeinheit für die Bewertung von Waren an. Damit war der „Preis“ als Einheit erfunden, die heute noch als bestimmendes Maß seriösen Wirtschaftens gilt. Selbst moderne Wirtschaftsstrukturen stützen sich auf das uralte System des „vergleichenden Einpreisens“ von Produkten und Leistungen. Getoppt werden diese Errungenschaften, die eigentlich auf jedes Zahlungsmittel übertragen werden können, nur mehr durch die Eigenschaft, dass Bargeld leicht zu transportieren und unmittelbar, ohne Hilfsmittel, einzusetzen ist. Besonders in Krisen wie z.B. Überschwemmungen oder im Fall von Cyber-Crime und in Überwachungsstaaten ist ein Geldschein unschätzbar wertvoller als eine App auf dem Handy oder ein Lesegerät im Offline- oder Überwachungsmodus.

Bargeld hat sich seit seiner Erfindung als die direkteste, unkomplizierteste und sicherste Weise des Austausches von Waren und Werten etabliert. Genau an diesem Punkt aber treffen sich die Argumente der Befürworter*innen einer Abschaffung von Bargeld und jene der Gegner*innen. Doch beide Seiten konfrontieren einander lieber erbittert mit Nebensächlichkeiten, als über große strukturelle Herausforderungen zu beratschlagen, die auch digital nur schwer überwunden werden können. So meinen die einen, anonymes Bargeld würde Missbrauch und damit Korruption, Steuerbetrug und Geldwäsche mehr Vorschub leisten als digitale Formate. Die anderen halten dagegen, dass keines der bisherigen und angekündigten Digitalformate als Alternative zum Bargeld zwingend bessere Lösungen zur Bewältigung dieser Probleme bieten muss. Und die Gegner*innen der Total-Digitalisierung haben noch mehr gute Argumente. Cyber-Crime ist und bleibt für jedes digitale Zahlungsmittel eine unkalkulierbare Bedrohung. Kryptowährungen sind nicht zwingend transparent und überwachbar. Und kein digitales Geldsystem ist vor den Folgen eines Blackouts gefeit.

Worum geht es wirklich?

Es war weltweit noch nie so viel Geld im Umlauf wie heute. Rund 7 Billionen Euro beträgt das Geldvermögen der Deutschen (Bank und bar), etwa ein Zehntel davon jenes der Österreicher*innen. Dagegen nimmt sich der volkswirtschaftliche Schaden durch Pfusch oder Steuerhinterziehung eher bescheiden aus. Leider aber steht diese Ballung an gehorteter Kaufkraft den Märkten nicht zur freien Verfügung. Es braucht daher neue Ideen, gezielter und direkter an dieses Geld heranzukommen.

Kontra Bargeld: Der Kampf gegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche wird auch mit der Abschaffung des Bargelds nur überschaubare Erfolge liefern. Jedoch können sich über die vollständige Digitalisierung des Zahlungsverkehrs ausgewählte Kräfte im Wirtschaftskreislauf erhebliche Vorteile sichern. So gelangen neue Zahlungsmittel (z.B. der Diem von Facebook oder diverse Kryptowährungen) einfacher in Umlauf und bieten die Chance, ganze Wertschöpfungsketten zu isolieren. Diese neuartigen „Wirtschaftsräume“ öffnen wiederum neue Spielarten der (durchaus erlaubten, jedoch moralisch bedenklichen) Markt-Manipulation und der Umverteilung verfügbarer Kaufkraft. Kein Wunder also, dass die dominanten Konzerne dieser Welt, aber auch die Finanzindustrie und viele Regierungen danach trachten, mit neuen Formaten von Zahlungsmitteln mehr Kontrolle über das Vermögen der Menschen und deren wirtschaftliche Gebarung zu erlangen.

Pro Bargeld: An vorderster Stelle steht die Forderung der Menschen nach Selbstbestimmung. Gemeint ist nicht der rasche Zugriff auf jenen Besitz von Privatpersonen, der krisensicher in Immobilien angelegt ist oder Geldinstituten vertrauensvoll zur Aufbewahrung überantwortet wurde. Es geht um das Gefühl, im Eventualfall Herr oder Frau der Lage zu bleiben. Besonders dann, wenn rasch und umfassend der Einsatz liquider Mittel notwendig ist. Dabei gilt: Je weniger besessen wird, desto mehr zählt die physische Verfügbarkeit von Geld. Deshalb wurden in der Vergangenheit auch Goldmünzen verschenkt. Nicht wegen der Sammelfreude, sondern um tragbare, weltweit anerkannte werthaltige Gegenstände im Krisenfall bei der Hand zu haben. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Spätestens, wenn nach einem Blackout der Wert Ihres Handys auf dessen Bestandteile reduziert ist und Ihnen keinen Zugang zum Bankkonto bietet, werden Sie sich Scheine oder Golddukaten im Börsel wünschen.

Hybride Kompromisse: Letztendlich werden sich, nach langem, medienwirksamem Tauziehen, die Verantwortlichen auf die Beibehaltung des dualen Systems aus analogem Bargeld und digitalen Zahlungsformaten einigen können. Einerseits, um die Menschen – auch jene, die weniger Vermögen besitzen – bei Laune und liquide zu halten. Und andererseits, um den großen Umbrüchenbox auszuweichen, derer es bedarf, wenn tatsächlich das Bargeld aus dem Sortiment der Zahlungsmittel verschwinden sollte. 

Salzburg, 08|2021 – Gerd

box) = Fakten-Kiste
Begleitende Forderungen

Für die Ausgestaltung einer möglichen Zukunft des Zahlungsverkehrs ohne Bargeld stehen einige Umbrüche ins Haus, die in der Diskussion mitbedacht werden sollten:

  • Mit Abschaffung des Bargeldes und damit der Möglichkeit, täglich verfügbares Geld in Eigenverantwortung aufzubewahren, haben die Staaten eine 100%ige Einlagensicherung des digital verwalteten Geldes zu gewähren.
  • Mit dem Zwang zum elektronischen Geldverkehr ist den Bürger*innen (jeden Alters und in jeder Vermögenslage) eine entsprechende Infrastruktur bereitzustellen: Konten (gebührenfrei), Zahlungs-Technik (Karten, Apps etc.), Handys (sofern für den Zahlungsverkehr benötigt) u.v.m.
  • Es ist eine praktikable Regelung für Zahlungen mit Devisen (Bargeld in anderen Währungen) zu treffen. Auch der Einsatz fremden Geldes im innereuropäischen Zahlungsverkehr, quasi als Ersatz für abgeschaffte EURO-Banknoten und -Münzen, wäre zu regeln.
  • Es sind praktikable Lösungen für die Einführung und das Handling regionaler „Währungen“ (z.B. regionale Einkaufsgutscheine) zu entwickeln. Auch im Hinblick auf die steuerliche Behandlung diverser „Ersatz-Zahlungsmittel“.
  • Es müssen Möglichkeiten erhalten bleiben, einen fremdinitiierten Zahlungsverkehr über digitale Konten (z.B. ein „Euro-Wallet“ der EZB) zu unterbinden.

 

Hinweise

[Persönliche Meinung] Die Pläne zur Abschaffung des Bargeldes in Europa fußen überwiegend auf der Unterstellung, dass die Menschheit an sich schlecht sei. Für die politischen Eliten sind Betrug und Schwarzgeld unter den Bürger*innen der Normalfall, vor dem der Staat zu schützen ist. Dass tatsächlich nur wenige schwarze Schafe einen (zugegeben großen) Schaden anrichten, geht in der Diskussion unter. Es wäre jedoch nicht minder legitim, den Verantwortlichen vorzuwerfen, mit der Reglementierung des baren Zahlungsverkehrs den (organisatorisch) einfachsten Weg zu gehen. Denn dass die bereits bestehenden Möglichkeiten der Finanzverwaltung und Justiz ausreichen würden, kriminelle Machenschaften drastisch zu reduzieren, ist ein offenes Geheimnis. Lediglich weigern sich die betroffenen Staaten, darin zu investieren. Damit aber wäre es kein Thema, Bargeld, zumindest als analoges Back-up zu digitalen Träumereien, als Zahlungsmittel zu erhalten.

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