Absage Lobautunnel

Content-ID: 076|01 | Autor: Gerd | Stand: 9.12.2021

Darf die denn das?

Licht durch das Ende des Lobautunnels

Es hat großen Wirbel verursacht, als Umweltministerin Leonore Gewessler das Jahrhundertprojekt Lobautunnel versenkt hat. Nicht in einem Erdloch, das vorher gegraben werden musste. Dann wäre der Tunnel ja eh dort, wo er sein sollte. Nein, die 8 km lange unterirdische Straße, quer durch das Naturschutzgebiet Lobau, wird schlichtweg nicht gebaut. Ebenso wenig wie einige andere Großprojekte der österreichischen Autobahngesellschaft ASFINAG. Ganz Wien, Niederösterreich und das komplette Lager der Zu-Betonierer*innen im Lande sind jetzt in heller Aufregung. Durchaus mit Berechtigung: Dieses Projekt hat immerhin 20 Jahre Vorbereitung hinter sich und schon zig Millionen Euro gekostet. Zudem hat es alle bisherigen Naturschutzhürden erfolgreich gemeistert. Es lohnt sich jedoch trotzdem, einen großen Schritt zurückzusteigen und einen zweiten Blick auf dieses und ähnliche Bau-Vorhaben zu werfen. Gegen Stau, CO2, Lärm und Luftverschmutzung gibt es nämlich mehr wirksame Strategien als nur Beton. Ein generelles Umdenken in Verkehrsfragen ist eine davon. Kann die angesagte Mobilitätswende aber gelingen, wenn auf Probleme der Zukunft weiter nur mit den Lösungen der Vergangenheit reagiert wird? Oder leisten wir uns endlich einen Wechsel der Perspektiven in der Mobilitätspolitik?

Die Frau Ministerin hat sich jetzt dazu aufgeschwungen, die Frage hinter der Frage aufzuwerfen, die bei so manchem Straßenbauprojekt nie beantwortet wird. Nämlich: Wo sind die eigentlichen Ursachen von Verkehrsproblemen zu finden? Die Antwort im Falle der Lobau liegt nämlich aus heutiger Sicht längst nicht mehr nur in der Erkenntnis, dass zu vielen Fahrzeugen zu geringe Straßenkapazitäten zur Verfügung stehen. Wir leben in einer Zeit, in der ein Gutteil dieser zu vielen Fahrten gar nicht mehr notwendig wäre. Wir haben jetzt schon Techniken und Systeme, die Mobilität von Menschen, Gütern, Rohstoffen, Daten und Dienstleistungen anders zu organisieren als auf 4-16 Rädern. Und die Bandbreite an seriösen Alternativen steigt exponentiell. Daher bezieht sich die Master-Frage zum Projekt Lobau eher darauf, warum noch so viele Unternehmen und Menschen auf alte Mobilitätskonzepte setzen. Ein Teil der Antwort liegt natürlich in der Tatsache begründet, dass viele Ersatz-Angebote noch nicht verfügbar sind. Aber auch darin, dass die wilde Horde innovativer, kreativer Mobilitätsplaner*innen noch nicht von der Leine gelassen wurde. Dass die Region Transdanubien heute mit den Planungsdefiziten von früher leben muss, lässt sich nur bedingt ändern. Dass das Gebiet jenseits der Donau jedoch in 20 Jahren eine Verkehrserschließung nachState of the Art“ haben kann, ist der Traum, den es zu träumen gilt.

Gibt es alternative Lösungen?

Langfristig gibt es durchaus Alternativen zum Lobautunnel, die bis dato noch nicht geprüft wurden! Gelingt die Mobilitätswende tatsächlich, werden deren Effekte auch die Probleme jener Zeit lösen, in der der Lobautunnel einst geplant wurde – und noch weitere. Dazu braucht es jedoch eine Reduktion des Verkehrsaufkommens durch alternative Angebote und ein zeitgemäßes Nutzungsverhalten. Und nicht die unterschwellige Aufforderung, so weiterzutun, wie gewohnt. Das wiederum erfordert neue Techniken, die den Verkehr smart und optimiert gestalten können. Diese reichen bis hin zu neuartigen Mobilitätslösungen für Menschen und Güter, in denen sogar die Schiene ein alter Hut sein wird und bestehende Verkehrswege völlig neu bespielt werden können. Eigentlich öffnet die Entscheidung der Bundesministerin damit genau jenen Kräften Tür und Tor, die Innovation als tragenden Faktor in der Klimapolitik wähnen. Und das, inklusive Markt-Potenzial, Gebietsschutz, Förder-Kapital und politischer Rückendeckung. Wirtschaft, was willst du mehr?

Es stimmt schon: Die Stadt Wien und die Nachbargemeinden hatten ihre Entwicklungspläne auf die bereits beschlossene Verkehrslösung abgestimmt. Daher braucht es auch zeitnahen Ersatz, um die betroffenen Stadtteile und deren Bewohner*innen verkehrstechnisch anzubinden bzw. auch zu entlasten. Mit einem Blick in eine technisch planbare Zukunft bieten sich diese Zonen aber auch als Test- und Modellregionen für neue Mobilitätslösungen an. Trassen (für eigentlich alles), statt nur Straßen (für Autos), halb-autonome „live and ride“-Systeme inklusive schlauer „Last Mile“-Ansätze, Rohrpost, Gondeln u.v.m. stehen dabei jetzt schon auf der Liste. Aber auch über den heutigen technischen Horizont hinaus werden visionäre Entwicklungen weitere Antworten auf Mobilitätsfragen liefern. Die Logistik- und Versorgungsindustrie wird nicht ewig auf stinkende LKWs angewiesen sein. Ebenso wenig wird ein individualisierter ÖPNV noch lange auf fixen Schienen rollen. Oder wird die Arbeitswelt Autos brauchen, in denen nur eine Person sitzt und Lebenszeit vergeudet. Das aber ist alles Zukunftsmusik, der man schon heute die Rutsche legen muss. Der Rückschritt auf veraltete technische Lösungen wirkt dabei kontraproduktiv.

In meinem Blog habe ich schon öfter die Umweltministerin kritisiert. Dabei habe ich ihr u. a. eine zu kurz gegriffene Perspektive unterstellt. Im jetzigen Schritt, anhand konkreter kritischer Fälle Mobilitätspolitik grundsätzlich neu denken zu wollen, sehe ich endlich den großen visionären Ansatz, den es für erfolgreiche Umwelt- und Klimapolitik braucht. Danke, Frau Bundesministerin, dass Sie dieses Fass aufgemacht haben!

Salzburg, 12|2021 – Gerd

Hinweise

Transdanubien = östliche Gebiete von Wien und Umgebung jenseits der Donau

State of the Art = englisch für „nach letztem Stand der Dinge“

Live and ride-Systeme = Umschreibung für öffentliche Mobilität ab der Haustüre

Last Mile-Logistik = Lieferweg bis zur Haustür der Endkund*innen

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