Gemüse-Experiment

Content-ID: 065|01 | Autor: Gerd | Stand: 9.9.2021

Das Gemüse-Experiment

Vom Grünzeug und Kontakte ernten

Sich selbst zu versorgen ist in (siehe Hinweise). Vor allem der private Anbau von Gemüse, Kräutern und Obst ist voll im Trend. Egal ob solo oder in Gemeinschaft, ob auf öffentlichem Grund, im Garten oder am Balkon: Ernten, was man selbst gesät hat, gibt das Gefühl, etwas geschaffen zu haben. Damit schließen wir heute wieder an die Tradition unserer Ahnen an, die sich bis Mitte der 70er-Jahre, wo es ging, selbst versorgt haben. Oft versorgen mussten, war es doch damals nicht selbstverständlich, günstig an ausreichend gute und gesunde Lebensmittel zu gelangen. Zurzeit bringt jedoch noch ein ganz anderer Mangel fremde Menschen dazu, sich gemeinsam an Projekte heranzuwagen. Es ist die zunehmende Isolation im leer gewordenen sozialen Umfeld. Dagegen bietet ein in Gemeinschaft betriebener Garten besonders niederschwellig Kontakt zu anderen Menschen. Meine Frau hat daher vor drei Monaten ein derartiges Projekt ins Leben gerufen.

Aktuell entsteht unser Gemeinschaftsgarten im Herzen von Morzg. Das ist ein traditionsbehafteter Außenposten der Stadt Salzburg mit viel Grün im Straßenbild und in der Wahlurne. Der Standort des Gartens ist, trotz seiner zentralen Lage, so vergessen, so geheim, dass selbst Google-Earth ihn nur als unscharfen Fleck ausweist. Es gibt dort weder Wasser noch Strom. Eingebettet zwischen einem bewaldeten Abhang und den Rückseiten akkurater Villengärten, verstärken Brennnesseln und Buschranken die dichte Grasnarbe des Wiesenstücks. Das macht es zwar zur Schwerarbeit, dem Boden bepflanzbare Streifen abzuringen. Dafür bieten sich aber auch viele Gelegenheiten, durch Blühstreifen, Bienenweiden, Baumfrüchte und grünes Naschwerk für die Wildtiere, das Areal mit der Natur zu teilen. Immerhin sind wir mit unserem Gemeinschaftsprojekt nur Gäste vor Ort. Gäste, nicht nur des Grundbesitzers, sondern vor allem des tierischen und pflanzlichen Lebens, das sich über die Jahre dort eingerichtet und arrangiert hat.

Der steinige Weg zum Glück

Wie wohl bei jedem derartigen Projekt, startete auch unseres mit dem Traum von selbstbestimmter Versorgung mit frischem Bio-Gemüse. Von der Unabhängigkeit von einer Lebensmittelindustrie, um deren Ruf es längst nicht mehr zum Besten steht. Und vom Glück, irgendwann die Früchte eigener Arbeit zu ernten. Quasi als persönliche Belohnung in einem rundum fremdbestimmten Leben. Gleich darauf folgte eine Reihe an Erkenntnissen, die eine*n schnell wieder auf den Boden zurückholten. Dazu gehört unter anderem, dass ohne bäuerliches Grundwissen und gute Planung nur wenig auf den Teller kommen wird. Aber auch, dass Kreuzschmerzen oder Schwielen an den Händen einfach dazugehören. Ebenso wie umgewidmete Freizeit, die eigentlich Hobbys und Genuss-Aktivitäten vorbehalten wäre. Die wichtigste Erkenntnis ist jedoch, dass diese Art der Versorgung, zumindest am Beginn, die teuerste aller ist. Teurer als der Einkauf direkt beim Bauern, im Hofladen oder am Wochenmarkt.

Wie in jedem ertragsorientierten Projekt spielt nämlich auch hier die Produktivität eine tragende Rolle. Erst wenn es gelingt, ein Maximum aus den Beeten herauszuholen und dabei die Fruchtfolge dem Tagesbedarf anzupassen, amortisiert sich der Aufwand irgendwann. Dazu kommt, dass ehrlicherweise nur ein Teil des eigenen Bedarfes gedeckt werden kann. Es bleibt trotzdem noch reichlich Kaufkraft beim Gemüsehandel hängen. Und letztlich ist man auch beim Privat-Anbau den gleichen Risiken ausgesetzt wie der gewerbliche Betrieb. So bringen z.B. Frost, Dürre und Unwetter Ernteausfälle und Mehrkosten weit jenseits des Ertragspotenzials. Die Frage hinter den Fragen zum eigenen Anbau ist daher nicht, wieweit die Geldbörse entlastet werden kann. Vielmehr interessieren die Mehrwerte, die in einem derartigen Projekt stecken. In unserem Fall ist es die Chance, Kontakte zu knüpfen. Menschen in das Projekt zu holen, die man so nie und nimmer kennenlernen würde.

Team-Building de luxe

Es liegt aktuell im Trend, einen größeren Garten in Gemeinschaft zu bewirtschaften. Wer aber teilt diesen Wunsch noch? Mit etwas Glück trifft man bei der Suche nach Gleichgesinnten auf Leute, die bereit sind, sich aktiv einzubringen. Ganz ehrlich: Teil-NEHMER*innen gäbe es wie Sand am Meer. Mit-MACHEN hingegen ist nicht ganz so beliebt. Unverbindlich zu schnuppern, wenn das Beet anbaufertig da liegt, die Infrastruktur steht und andere für die Feldpflege sorgen, wenn man selbst keinen Bock darauf hat, dafür fänden sich viele. Und das auch nur zu einem Anerkennungsbeitrag, der die tatsächlichen Kosten unmöglich decken kann. Erst wenn Interessent*innen darauf brennen, selbst die Schaufel in die Hand zu nehmen, sich in die Planung einzubringen und das Projekt langfristig fair mitzufinanzieren, kann auch etwas weitergehen. Findet jedoch eine solidarisch-aktive Gruppe zueinander, hat das Projekt gute Chancen, mittelfristig zur Selbstversorgung der Beteiligten beizutragen. Und zwar zu annehmbaren Kosten und in gewünschter Qualität.

Aber auch der soziale Mehrwert steigt dann ins Unbezahlbare. Ziehen alle an einem Strang, lässt es sich harmonisch durch die üblichen Probleme der gemeinschaftlichen Willensbildung lavieren. Auch führen unterschiedliche Leistungen, Routinen und Ansprüche dann nur selten zu unerwünschter Gruppendynamik. Wer kennt nicht die hoheitlichen Scharmützel der Nachbar*innen in Schrebergärten oder auf Campingplätzen? Ähnliches greift auch in größeren Gartenbaugruppen gerne um sich. Vor allem dann, wenn statutarisches Regelwerk den Prozess der Gemeinschaftsbildung ersetzen soll. Nur wer Verantwortung für die Gruppe übernimmt, ist auch an deren Funktionieren interessiert. Im Kleinst-Gemüse-Anbau helfen dabei kollektive Teilprojekte. Ob die Kartoffeltürme, die Hochbeet-Zeile, der Beerengarten, das Mist-Beet oder die Bienenweiden: Alle säen und alle ernten. Damit aber ist das eigene Beet nur mehr Teil eines größeren Ganzen. Wer also den maximalen Ertrag aus dem Projekt lukrieren möchte, sollte mit den anderen gut auskommen.

Unterschätzt wird zudem oft die positive Ausstrahlung einer harmonischen, engagierten Gruppe auf ihre direkte Umgebung. Dazu gehört auch die interessierte Nachbarschaft, die vom Pflanzstart bis zum Erntedank mit einem mitfiebert und mitfeiert. Oder die hilfsbereiten Alt-Eingesessenen, die mit Pferdemist und Regenwasser aushelfen. Aber auch die Kinder der Umgebung, die, beim Naschen im Beerengarten erwischt, gespielt „streng getadelt“ werden „müssen“. Und natürlich die ansässigen Förder*innen, die kiebitzen, guten Rat teilen, Info-Zettel aufhängen und dem Projekt Reichweite verleihen. Durch 3 Monate Gemeinschaftsgarten sind zum Beispiel wir, meine Frau und ich, mehr als Morzger*innen anerkannt, als durch 13 Jahre Hauptwohnsitz.

Summary

Gemeinschaftsprojekte, wie z.B. Gärten, sind ideale Netzwerk-Gelegenheiten zu einem Personenkreis, der sich über das Teilen von Interessen und Zielen auf privater Ebene erschließen lässt. Sie sind damit sozialer Entfaltungsraum und ein wahrer Pool für Freundschaften, Vertrauen bzw. Vertrautheit. Sollte dann noch der Wunsch nach Selbstversorgung mit biologischen Lebensmitteln in Erfüllung gehen, Gratulation. Denn: Selbst gesätes, gezogenes und geerntetes Gemüse in der Küche ist einfach ein geiles Gefühl!

 

 

Salzburg, 09|2021 – Gerd

Hinweise

Teil 1 einer Serie zu Selbstversorgung auf verschiedenen Ebenen. Damit sind nicht nur Initiativen gemeint, die privat und solo für einen Hauch von Unabhängigkeit sorgen sollen. Darüber hinaus sind Projekte, die von einer Gemeinschaft von Menschen zum kollektiven Nutzen betrieben werden, besonders en vogue. Egal, ob Wohn-Projekte, Co-Working, Co-Gardening, Sharing- oder Energie-Gemeinschaften. In der Bevölkerung, aber auch seitens der Regierungen, werden derartige Wege zu einer Grund-Autarkie verstärkt beschritten und auch gefördert. Aber auch Regionen und Länder entwickeln wieder verstärkt den Wunsch, sich möglichst unabhängig und frei von negativen Einflüssen zumindest mit dem Notwendigsten selbst versorgen zu können (Teil 2). Bleibt noch die Auseinander-Drift auf geopolitischer Ebene, in der Welt-Mächte einerseits auf hoheitliche Autonomie setzen (z.B. America First), andererseits jedoch ein neues Format der Hegemonie installieren, um künftigen Bedrohungs- und Mangelszenarien frühzeitig entgegenzuwirken (Teil 3).

Akkurat = ordentlich

Autonomie = Selbstständigkeit

Autarkie = wirtschaftliche Unabhängigkeit

Hegemonie = Vorherrschaft eines Staates gegenüber anderen

En vogue = franz. für „im Trend“

 

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