Das Riech-Register

Content-ID: 055|01 | Autor: Gerd | Stand: 17.6.2021

Das Riech-Register

Erinnerungen durch die Nase

Olfaktorisch ist das Zauberwort dieses Sommers. Damit umschreibt die Wissenschaft den Geruchssinn und seine außergewöhnliche Fähigkeit, Erinnerungen abzurufen. Und zwar in der komplettesten Form, die uns Menschen zur Verfügung steht. Anders als andere Reize, sind Gerüche in unserem Gehirn zusammen mit ganzen Geschichten abgelegt. Über sie werden, ob wir wollen oder nicht, tiefe Empfindungen, innere Filme und tief vernetzte Erlebnisblöcke in unser Bewusstsein zurückgeholt. Und zwar ohne Chance, sie jemals zu löschen. Das funktioniert im Guten, aber auch zu dunklen Episoden in unserem Leben. Wir kennen das aus persönlichen Erfahrungen. Was das Olfaktorium jedoch mit dem Jahr 2021, dem UNO-Welt-Jahr zur Abschaffung von Kinderarbeit zu tun haben könnte, erschließt sich erst auf den zweiten Blick.

Jetzt, nach Corona und vor einem wohl grenzenlos freien Sommer, drängen sich Gerüche, die uns an früher erinnern, im Sekundentakt in den Vordergrund. Die warmen Tage, geschnittenes Gras, das Chlor in Schwimmbädern oder brutzelndes Grill-Gemüse liefern die guten Geschichten des Lebens zurück ins Unterbewusstsein. Vor allem aber machen sie Lust auf mehr. Mehr Urlaub, mehr Freiheit, mehr Events, mehr Kultur und viel mehr ich mit dir. Dieses Phänomen, dass Gerüche der direkte Zugang zur Vergangenheit als Gesamtpaket sind, hat sich das Marketing längst zunutze gemacht. So spielen die Kirche und die Wirtschaft jedes Jahr zur Weihnachtszeit die große Klaviatur der aromatischen Verführung. Dabei wecken Kekse, Kerzen und Kinderpunsch Erinnerungen und Sehnsüchte nach Frieden, Gesellschaft und Geschenken. Und alle sind glücklich.

Aber auch Omas Küche, ein Pferdestall, die Turnhalle und viele andere Orte mit typischen Aromen starten in vielen von uns die inneren Lieblingsfilme, wieder und wieder. So teilen sich z.B. heute noch die Duftmarken der Urlaubsfreuden ganzer hessischer Generationen in entweder Meeresluft oder Alpenduft – je nachdem, an welchen immergleichen Ort man als Kind jedes Jahr gekarrt wurde. Aber auch Eiseskälte, Moder, kalter Rauch oder abgestandene Essensreste riechen. Und wie für jedes olfaktorisch hinterlegte Glücksgefühl, hat unser Gedächtnis auch für Negatives eine Menge an tiefen Emotionen parat. So werden durchaus auch Panik, Existenzangst, Verzweiflung, Einsamkeit oder Repressionen über Gerüche aus der Vergangenheit geholt und in unser Hier und Heute ausgeliefert. Lebensecht und dramatisch real.

Segen und Fluch durch die Nase

Die Tatsache, dass mit dem Geruchssinn ein enormes Reservoir an Empfindungen in unserem Gehirn verknüpft sind, hat mittlerweile große therapeutische Bedeutung. Wichtig dabei ist es, dass man nichts erfinden, suggerieren oder vorgaukeln muss. Vieles, was hier ausgelöst werden kann, wurde schon einmal real erlebt und in unserem Gehirn abgespeichert. Zum Beispiel verhilft es Menschen mit Demenz, die gezielt mit positiv besetzten Gerüchen aus der Vergangenheit konfrontiert werden, zu entspannen. Oder Opfer von Gewalt meiden oft alkohol-schwangere Settings in Wohnungen oder Bars. Personen mit Missbrauchserfahrung in ihrer Kindheit befällt manchmal Unruhe in muffigen Hinter- oder süßlich inszenierten Kinderzimmern. Erfahrene Begleiter*innen von Menschen mit psychisch belasteter Vergangenheit erkennen auf den ersten Blick, wenn Situationen eintreten, die die Geister der Vergangenheit wieder hervorrufen. Und sie spüren dann genau, durch welche Hölle mancher Mensch gegangen sein musste, die manchmal vergessen, nie jedoch überwunden werden kann. Welche Bilder und Gefühle glauben Sie, befallen Minderjährige auf der Flucht, wenn sie irgendwann wieder mit dem Gestank mangelnder Lager-Hygiene und brennenden Unterkünften konfrontiert werden? Was glauben Sie, braut sich in den Köpfen von Kindern zusammen, die mit 7 Jahren in Jeans-Manufakturen in Dhaka, mit 9 in den Kobaltminen im Kongo oder mit 10 als Kindersoldat*in in Somalia ihrer Kindheit beraubt wurden.

Endlich: Jetzt bin ich doch noch beim Welt-Jahr 2021 zur Abschaffung von Kinderarbeit gelandet. Rund 160 Millionen Kinder müssen heute für ihren Unterhalt bzw. den ihrer Familie selbst sorgen. Großteils unter dramatischen Bedingungen. Weitere gut 30 Millionen sind auf der Flucht. All diese Kinder erleben aktuell eine Prägung, die mit unserer Vorstellung davon, jung und geborgen zu sein, recht wenig zu tun hat. Im Gegenteil: Ihre Seele nimmt für jetzt und die Zukunft empfindlichen Schaden. Und das ohne Chance auf Erlösung. Dafür sorgen Worte, Bilder und vor allem Gerüche, die wie aus dem Hinterhalt das Erlebte wieder und wieder ins Zentrum des Bewusstseins zerren. Meist dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Ich selbst bin in wohlbehüteten Verhältnissen aufgewachsen. Mir fehlt die Vorstellungskraft dafür, was Kinder auf der Flucht, in Missbrauchssituationen oder durch Ausbeutung durchmachen mussten und müssen. Ich kann jedoch dafür einstehen, dass das ein Ende hat. Geht es nicht darum, dass ab sofort Kindern weltweit traumatisierende Erfahrungen erspart bleiben?

Also bitte nicht vergessen: 2021 ist das Jahr der Beendigung von Kinderarbeit – tun Sie was!

Salzburg, 06|2021 – Gerd

Hinweise

2021 ist tatsächlich das UNO Welt-Jahr für den Kampf gegen Kinderarbeit, aber kaum jemand weiß davon. Ob es jetzt an mangelnder Bewusstseinsbildung liegt oder am bequemen Umstand, dass (billige) Kinderarbeit immer noch eine Quelle des Wohlstandes in den reichen Gegenden dieser Welt ist, ist egal. Es wäre ein Leichtes, zumindest erste Schritte gegen einige Missstände zu setzen. So zielt z.B. in der EU das Lieferkettengesetz direkt auf faire Arbeitsbedingungen und den Ausstieg aus Kinderarbeit ab. Was aber machen wir Europäer*innen? Wir jammern über höhere Preise, anstatt uns freuen …

Der Verweis auf die hessischen Reisegepflogenheiten entstammt mehrfachen Erzählungen, ist jedoch nicht pauschal anwendbar.

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