Das Datenschutz-Match

Content-ID: 048|01 | Autor: Gerd | Stand: 29.4.2021

Das Datenschutz-Match

High Noon der Tech-Giganten

Hintergrundinfo: Was steckt tatsächlich hinter den Reibereien der IT-Multis rund um den Datenschutz? Die Strategie von Apple, den Schutz persönlicher Daten auf eigenen Geräten stärken zu wollen, hat weltweit zu gemischten Reaktionen geführt. Auf der einen Seite jubeln Datenschützer*innen über das vermeintliche Einlenken des IT-Riesen. Auf der anderen Seite macht sich bei Trittbrettfahrer*innen des Daten-Sammlers Panik breit. Immerhin ist deren Geschäftsmodell ohne neue, immer noch privatere Informationen zu einzelnen User*innen ernsthaft in Gefahr. Das führt zur paradoxen Situation, dass Monster-Unternehmen wie z.B. Facebook, die skrupellos auf Kosten der Konkurrenz Milliarden scheffeln, gegen ihresgleichen in den Krieg ziehen. Und das mit der Rechtfertigung, ihre eigenen dubiosen Daten-Strategien nicht mehr ungehindert bedienen zu können.

Dieses Kräftemessen der Tech-Giganten hat nur bedingt damit zu tun, künftig die Rechte der Nutzer*innen stärker respektieren zu wollen. Vielmehr geht es schon jetzt um die beste Ausgangssituation für die nächsten Stufen der Massen-Digitalisierung. Deshalb hat nicht nur Apple, sondern auch Google ein neues Feature angekündigt, das vordergründig die persönlichen Daten der Nutzer*innen schützen soll. Damit reißen jedoch die (neben Microsoft) größten Anbieter von Betriebssystemen und Browsern das Fundament vieler datengetriebener Geschäftsmodelle ein. Und das ist nun einmal der leichte Zugang zu sensiblen, für Manipulation und Überwachung geeigneten Informationen. Apple und Google machen künftig Facebook, Amazon & Co zu Bittsteller*innen sogar für deren eigene Trackings, um Seiten-übergreifende Big-Data-taugliche Datensätze zu generieren. Mit den aktuellen technischen Vorstößen scheren beide Konzerne aber auch aus dem Schwarm der Datenkraken aus, die sich aktuell im Visier der Datenschützer*innen befinden.

Was ist der Plan?

Apple hat beschlossen, ab sofort die Nutzer*innen seiner Plattformen im Anlassfall zu fragen, ob sie dem Einsatz von „Third Party Cookies“ zustimmen. Diese Art von Cookies ist weit verbreitet. Sie werden oft über Webseiten und Apps auf ein Gerät eingeschleust, um mehr als üblich auszuspionieren. Ihr Mehrwert liegt darin, dass sie nicht nur die Nutzung einer Web-Seite aufzeichnen. Meist lesen diese Cookies alle Aktivitäten quer über alle Web-Seiten und diverse Apps mit und senden dazu Informationen an oft zwielichtige Auftraggeber*innen. Damit können vertiefte User*innen-Profile erstellt, mit Kontakt- und anderen Daten „veredelt“ und Direkt-Marketer*innen zur Verfügung gestellt werden. So wurde der Brexit Wirklichkeit, Donald Trump Präsident oder es dominieren dubiose Werbe-Botschaften die besuchten Web-Seiten, nur weil man vor 2 Tagen irgendwo darüber gechattet hatte. Gegen den Plan, ab sofort die Nutzer*innen offen entscheiden zu lassen, von wem sie ausspioniert werden wollen, laufen jetzt andere IT-Konzerne und die Werbebranche Sturm. Immerhin geht es um Werbeeinnahmen und Manipulationserfolge, die sich teuer verkaufen lassen.

Google geht über Android bzw. den Browser Google Chrome den Weg, die (3rd Party) Cookie-Technik grundsätzlich auszuschalten. Mit FLOC soll ein gänzlich neuartiges Trackingverfahren etabliert werden. Das Kürzel steht dabei für „Federated Learning of Cohorts“. Es bezieht sich auf die Definition von Interessensgruppen, denen eine Person aufgrund ihres Surf-Verhaltens zugeordnet werden kann. Damit kehrt Google vordergründig in die klassische Marketing-Theorie des Zielgruppendenkens zurück. Die Erkenntnisse aus exzessiven Big-Data-Jahren machen dieses Instrument jedoch zu einer extrem scharfen Waffe für Marketing-Expert*innen. Vor allem macht es die Jagd nach gläsernen Kund*innen überflüssig. Was jedoch sinnvoll klingt, hat im Mitbewerb starke Gegner*innen. So scheint dieser Vorstoß zur Neuordnung des Tracking-Marktes daran zu scheitern, dass mit Firefox, Edge oder WordPress wichtige Internet-Technologien nicht mitziehen wollen. Zudem sind noch längst nicht alle Unklarheiten zum Datenschutz und Wettbewerbsrecht geklärt. Trotzdem kann dieser Vorstoß als Warnung vor einem neuen Schub an Disruption im Internet gewertet werden.

Big Data am Scheideweg

Der Zeitpunkt, gerade jetzt den Kampf um den Olymp der Digitalisierung auszurufen, ist von den Konzernen nicht willkürlich gewählt worden. Bereits vor vielen Jahren haben Kenner*innen der Szene vorausgesagt, dass Big-Data für Marketing-Zwecke rasch ein zufriedenstellendes Maß erreicht haben wird. Jede Investition in die Gewinnung sensiblerer Daten würde dann nur mehr geringe Mehrwerte generieren. Und genau das ist längst eingetreten. Klassisches Marketing, das die Interessen einzelner Personen über Bedürfniscluster bedient, reicht aus, um schon heute sensationelle Ergebnisse zu erzielen. Es braucht daher nicht mehr zwingend tiefst persönliche Details, um erfolgreich Zielgruppen für eine Geschäftsanbahnung zu erschließen. Sensiblere Daten werden höchstens zum Zwecke der Überwachung, der Manipulation oder eines Betrugs ausgelesen. Es ist daher kein Wunder, dass z.B. Facebook, als wichtiger Dienstleister für politische Parteien, Verschwörer*innen oder Hard-Selling-Agenturen, ein Wegfall tagesaktuell personalisierbarer Analyse-Daten knochenhart treffen würde. Diese neuen Entwicklungen von Apple und Google bedeuten natürlich nicht, dass sie sich gänzlich aus dem Geschäft mit kritischen Daten zurückziehen wollen. Im Gegenteil: Sie scheinen lediglich die Karten im Spiel um Tracking- und Datenhoheit neu mischen zu wollen, und sich die Asse in den eigenen Ärmel zu stecken.

Zudem hat diese Entwicklung nur bedingt Einfluss auf Big-Data und die meisten damit beschäftigten Branchen. So bleibt das Angebot an datengetriebenen Werbeformaten garantiert so bunt, wie es heute schon ist. Zusätzlich haben Anbieter*innen betrieblich nutzbarer Big-Data-Lösungen noch einen riesigen Rest-Markt zu beackern, in dem der Sprung in die Digitalisierung noch nicht geschafft ist. Da ist es vordergründig egal, ob es täglich neuartige Techniken gibt oder etablierte Lösungen verkauft werden müssen. Mit der zurzeit erhältlichen Range an Tools für Daten-Management und -Analyse, wären die meisten Betriebe ohnehin heillos überfordert. Zum anderen hat sich Big Data in Wissenschaft und Forschung längst zu einem autonomen Geschäftsfeld entwickelt. Jetzt sollte die Finanzierung dieser Disziplinen weniger über die freie Wirtschaft und mehr über Forschungsaufträge und internationale Kooperationen laufen. Dann werden Big-Data-Felder wie die Krebs-Früherkennung oder die Klimaforschung schrittweise unabhängiger von Unternehmen, die es nebenbei auch auf persönliche, schützenswerte Daten abgesehen haben.

Schlussendlich ist es egal, ob sich Apple, Google oder deren Konkurrent*innen im aktuellen Tracking-Streit durchsetzen. Wichtig ist, dass nicht die User*innen die Bauernopfer im Kampf um die Vorherrschaft im Daten-Dschungel werden. Dafür gilt es, rasch die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Und wann, wenn nicht jetzt, wo die Tech-Giganten selbst ihr Geschäftsmodell überarbeiten, wäre der beste Zeitpunkt für die Gesetzgebung, wieder das Ruder zu übernehmen?

Salzburg, 04|2021 – Gerd

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Cohort = engl. für Kohorte = in der Datenanalyse für Gruppen mit demographischen und zeit-spezifischen Gemeinsamkeiten verwendet

Tracking = engl. für das aktive Verfolgen Ihrer Spuren im Internet

WordPress = weltgrößtes Tool für die Erstellung  von Web-Seiten

3rd party cookie = engl. für Cookies von Beobachter*innen, die zwar nicht funktional mit einer Web-Seite zu tun haben, jedoch trotzdem Daten zu Ihrem Surf-Aktivitäten auslesen

Hard Selling = aktive, besonders aufdringliche Verkaufsaktivitäten

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