Durchhalteparolen

Content-ID: 069|01 | Autor: Gerd | Stand: 7.10.2021

Durchhalteparolen

Nur den Anschluss nicht verlieren!

Wer kennt nicht die Panik, die eine*n befällt, wenn sich abzeichnet, dass die Kräfte für eine gewählte Anstrengung nicht reichen. Kann das Ziel noch erreicht werden oder droht die Aufgabe, das Versagen? Zum Beispiel beim Mountainbiken. Der Weg nach oben ist steil und lang, aber das Ziel lohnt jede Mühe. Die Kraft reicht auch gut am Anfang und es geht zügig voran. Dann jedoch lässt sie sukzessive nach. Und lange, bevor das Ende in Sicht ist, ist plötzlich offen, ob und wie die Tour zu schaffen ist. Entweder das Tempo wird verschärft, was die Beine zwar schneller auslaugt, jedoch das Ziel näher rücken lässt. Oder es heißt kürzertreten. Diese Taktik streckt zwar die Ausdauer, aber auch die Zeit der Anstrengung. Egal, wofür die Entscheidung fällt: Es bleibt bis zum bitteren Ende unklar, ob jemand erfolgreich sein wird oder vorzeitig vom Rad steigen muss. Ich nenne das ein „Verrecken in der Etappe“ – zumindest beim Mountainbiken.

Dieses Gefühl, noch während des Weges anerkennen zu müssen, dass ein gestecktes Ziel womöglich außer Reichweite gerät, ist nicht nur dem Sport vorbehalten. Und es ist auch kein Drama, Grenzen anzuerkennen. Das ganze Leben lang gibt es Situationen, in denen Ziele neu definiert, Pläne geändert oder Kompromisse eingegangen werden müssen. Eine ganze Management-Schule hat sich der Flexibilität verschrieben, die es braucht, sich den wechselnden Bedingungen der Märkte anzupassen. „Agil“ ist das neue Zauberwort, wenn es darum geht, durch Krisen und den Wettbewerb zu manövrieren. Aber selbst Agilität hat Limits. Nämlich dann, wenn das Ziel keines ist, das verhandelt werden könnte. Der Klimawandel, bzw. die Politik dagegen, ist so ein Thema, das nicht beliebig umgedeutet und verwässert werden kann. Immerhin hat Mutter Erde uns Menschen diesen Sommer zur Veranschaulichung einige „Muster-Plagen“ gesandt. Quasi als Hausaufgabe mit der Botschaft: Ganz oder gar nicht!

Jetzt, nicht irgendwann!

Es klingt logisch, wenn die Aktivist*innen von Fridays for Future lautstark skandieren: „What do we want? CLIMATE JUSTICE! When do we want it? NOW!“ Denn der Klimawandel hat tatsächlich einen Zahn zugelegt und drängt vehementer denn je zu einer raschen Lösung. „JETZT“ oder halt gar nicht mehr: Was ist an dieser Botschaft so schwer zu verstehen? Dabei stimmt natürlich, dass das Rennen gegen den Klimawandel dramatisch an Rasanz zugelegt hat. Früher hätten einige schlaue Maßnahmen gereicht und der Weg hätte in die richtige Richtung geführt. Heute aber, nach Jahrzehnten des Nichtstuns, ist die Gülle mächtig am Dampfen. Oder, um beim MTB-Beispiel zu bleiben: Dieser Bergauf-Trail ist jetzt steil, verblockt und mit tückischen Hindernissen übersät. Jetzt wird sich weisen, ob die Kolleg*innen in der Spitzengruppe, die sich dem Klimaschutz verschrieben haben, das Zeug haben, Geschichte zu schreiben.

Übertragen auf den politischen Alltag, ist höchst ungewiss, ob die Kraft der Grünen in der österreichischen Regierung reicht, das Rennen gegen die Klimaignoranz zu gewinnen. Das ist keine Kritik am Willen und am Engagement des politischen Personals. Maximal steht hier die Fähigkeit der Selbstreflexion zur Diskussion, mit der die eigene Leistung bewertet wird. Es ist vielmehr der berechtigte Zweifel daran, ob die unbestritten ambitionierten Vorsätze reichen werden, konkret zu liefern. Während in den vergangenen Monaten Corona und der Seniorpartner in der Regierung die Schlagzeilen dominiert haben, hat sich die grüne Themenpolitik mit Sub-Headlinern beschäftigt. Auch wenn einige wichtige Klima-Projekte eingeleitet werden konnten, eine Trendwende in der Klimapolitik ist längst wieder auf der langen Bank gelandet. Seien wir uns ehrlich: Billige Öffi-Tickets, Kritik an Schnellstraßen oder ein Erneuerbaren-Gesetz (u. v. m.!) sind zwar wichtige Bausteine einer Ökologisierung Österreichs. Angesichts der enormen Herausforderung sind sie jedoch mehr Peanuts als Meilensteine.

Einer dieser dringend nötigen Leuchttürme grüner Politik hätte die lange angekündigte ökosoziale Steuerreform werden können. Sie ist es aber nicht. Es ist eine klassische Steuerreform unter den wehenden Fahnen des türkisen Regierungspartners geworden, mit grünen Fußnoten. Was lange als ökologischer Game-Changer gehandelt wurde, der CO2-Preis, ist zur Randnotiz verkommen. Schlimmer noch, die halbherzigen Regeln wurden für Ewigkeiten in einer Marginalität einzementiert, die der Menschheit im Kampf gegen den Klimawandel nicht weiterhilft. Keine Spur mehr von CLIMATE JUSTICE und noch weniger von NOW. Müssen wir uns jetzt mit dem Gedanken anfreunden, dass das grüne Team seine Pläne, die Klimakrise konkret abzuwenden, endgültig geopfert hat? Oder, um im Rad-Jargon zu bleiben, deutet vieles darauf hin, dass die Kolleg*innen im Rennen um die CO2-Neutralität Österreichs wohl „in der Etappe verrecken“ werden. Ambitioniert gestartet, vom Rennverlauf gezeichnet und letztendlich abgehängt braucht es aktuell nämlich mehr Power, um ein akzeptables Ergebnis zu erreichen. Besonders dann, wenn knapp vorbei nicht reicht!

Salzburg, 10|2021 – Gerd

Hinweise

[Persönliche Meinung] Ich bin selbst Verfechter einer ambitionierten Klimapolitik und erwarte, nach einer Reihe nicht erfüllter Erwartungen, seitens der Grünen in der Regierung endlich zählbare Ergebnisse. Zählbar bedeutet für mich, dass die vereinbarten Klimaziele rasch erreicht werden. Nicht mehr und nicht weniger. Die bisherigen Projekte mit grüner Handschrift in der Regierung sind unbestritten toll. Sie sind aber auch mehr „nice“ denn „need to have“, Randstücke im Puzzle zum klimaneutralen Big Picture der Zukunft. Um aus der Politik der eigenen Blase herauszukommen, wäre es daher längst an der Zeit, die positive Stimmung in der Bevölkerung in breit akzeptierte Klimapolitik umzuwandeln. Dazu aber müsste die Mehrheit der Menschen in ihrer Welt abgeholt werden. Das jedoch geschieht nicht. Im Gegenteil: Mit überheblichen Belehrungen und moralischer Überlegenheit schafft man Widerstände. Aufklärung, Bewusstsein und in Folge Begeisterung brauchen eine bürgernähere Politik, als wir sie aktuell erleben. Und zwar von jeder Seite.

agil = gewandt, wendig, flexibel

Climate Justice = Klimagerechtigkeit

MTB = Mountainbike

Trail = Weg, Steig, Spur

Selbstreflexion = das eigene Fühlen, Denken und Handeln analysieren

Marginalität = von geringer Bedeutung

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