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Content-ID: 056|01 | Autor: Gerd | Stand: 24.6.2021

Einhundertdreißigtausend

Wegwerfen, was das Zeug hält

box = nähere Details finden Sie in der Fakten-Kiste am Ende dieses Beitrags.

Wieder einmal hat eine Negativ-Schlagzeile über Amazon die Kritiker*innen des maßlosen Online-Handels auf die Barrikaden gebracht. Aktuell soll Amazon, einer geheimen Recherche des britischen TV-Senders ITV zufolge, an nur einem Standort in nur einer Woche 130.000 Produkte zerstört haben, die von Käufer*innen zurückgesandt wurden. Großteils unbeschädigte, intakte Produkte wohlgemerkt, die auch einem Wiederverkauf zugeführt hätten werden können. Wurden sie aber nicht, sondern zu Müllhalden oder an Recycling-Höfe geliefert. Es ist nicht der erste Bericht, in dem angeprangert wird, dass die Kosten für die Lagerung und das Handling von Retouren weit über einem möglichen Verkaufserlös liegen. Ergo ist es für Konzerne wie Amazon wirtschaftlicher, aufwendig produzierte und voll funktionsfähige Ware zu zerstören.

Es mag schockieren, mit welcher Skrupellosigkeit der Online-Riese Amazon am Ende einer schier endlosen Wertschöpfungskette mit der Vernichtung von Retourware einer betriebswirtschaftlichen Realität Genüge tut. Zwar verdienen nicht wenige Menschen ihren Lebensunterhalt mit der Produktion und Lieferung (selbst) der geschredderten Ware. Es werden jedoch auch ohne Not das Klima über Gebühr belastet, massiv Ressourcen verschwendet und wertvolle Infrastruktur blockiert. Das jedoch sind die Wohlstandsfaktoren der Zukunft, die wir künftigen Generationen klauen. Es ist daher nicht nur Amazon – stellvertretend für eine Industrie ohne Gespür für Nachhaltigkeit – in die Pflicht zu nehmen. Diese Entwicklung, von der bedarfsgerechten zur maximal überschießenden Produktion, müssen auch wir Konsument*innen auf unsere Kappe nehmen. Wir sind mit unserem locker-lässigen Online-Shopping-Verhalten längst Teil dieses Systems. Die Forschungsgruppe für Retourenmanagement an der Uni Bamberg, die sich mit der Optimierung dieses Geschäftszweiges aus betriebswirtschaftlicher Sicht beschäftigt, bietet dazu interessante Einblicke zum Nachlesenbox.

Wir sind eine Vorhaltegesellschaft

Damit lässt sich gut das Verlangen umschreiben, sich teure Optionen offen zu halten, die jedoch nicht zwingend genutzt werden. So wurde während Corona diskutiert, die Produktion von Masken oder Impfstoffen regional vorzuhalten, um in zukünftigen Krisen besser gerüstet zu sein. Dass das hierzulande nur zu ruinösen Kosten möglich ist, wurde (kurzfristig) ausgeblendet. Aber auch die Tatsache, dass während Corona die Öffis trotz einbrechender Fahrgastzahlen weiter im Einsatz waren, offenbart eine zwar wichtige und nützliche, jedoch teure Vorhalte-Strategie. Gleiches gilt für Intensiv-Betten, Vorsorge-Immobilien oder das Rücktrittsrecht im Onlinehandel. Das ist grundsätzlich gut so! Dabei werden jedoch fallweise auch Ressourcen gebunden und negative Begleiteffekte generiert, die den Nutzen übersteigen. Allerdings ist nicht alles, was als mögliche Rückendeckung für den Eventualfall mitgeschleppt wird, empört abzulehnen. Im Gegenteil: Es werden wieder Situationen kommen, in denen es genau derartige Lösungen braucht, um über die Runden zu kommen. Wir sollen uns nur darüber im Klaren sein, dass die Angst vor künftigen Krisen einige der aktuellen zusätzlich befeuert. So werden die Klimakrise, der Ressourcenmangel, die Immobilien-Blase oder der zunehmende Druck auf das Wirtschaftssystem durch das Vorhalten von ungenützten Optionen weiter verschärft.

Dass z.B. der Online-Handel inklusive Retouren die Kosten treibt, Infrastruktur bindet und zudem noch das Klima massiv schädigt, ist mittlerweile anerkannt. Er ist aber auch ein Indiz dafür, dass unser Wirtschaftssystem trotz Vollgas in den Leerlauf schaltet. Dabei werden zunehmend Waren produziert und Leistungen abgerufen, die nie bei den Kund*innen ankommen. Das gilt übrigens nicht nur für die Lebensmittelbranche, in der 30 % der Produktion ungegessen weggeworfen werden. Auch von der Corona-Mode-Winterkollektion 2020/21 harren beispielsweise noch rund 500 Millionen Teile in Deutschland ihrer Vernichtung, ohne je verkauft worden zu sein. Dazu kommt, dass rund 50 % der Ware aus dem Online-Mode-Handel wieder retour gesandt und (teils) geschreddert statt wiederverkauft wird. Wir Konsument*innen spielen dabei eine immer entscheidendere Rolle, indem wir uns jede Option offen halten. Für uns steht die Vielfalt der Auswahl und die Freiheit, sie möglichst risiko-befreit zu nutzen, ganz oben. Uns ist es im schlimmsten Fall unangenehm, wenn die Ware entsorgt statt verwendet wird. Wichtig bleibt nur, dass wir sie kaufen könnten, wenn wir wollten. Damit erhalten wir zwar noch(!) ein geschätztes Viertel aller Arbeitsplätze entlang der globalen Lieferketten am Leben, die gar nicht gebraucht würden.

Wir könnten aber auch auf 25 % der produzierten Ware weltweit verzichten, ohne an Vielfalt, Verfügbarkeit und Preisstabilität in den Regalen und Online-Shops einzubüßen. Die entscheidende Frage dabei ist, wie die dadurch freigesetzten Arbeitskräfte und Ressourcen auf eine alternative Zukunft ausgerichtet werden können. Dann können wir endlich damit beginnen, das weltweite Überangebot an Produkten und Leistungen zählbar herunterzufahren.

Salzburg, 06|2021 – Gerd

box) = Fakten-Kiste
Forschungsgruppe Retourenmanagement

Die Forschungsgruppe Retourenmanagement der Uni Bamberg widmet sich u. a. der Optimierung des Wertschöpfungssystems rund um das Handling von Retouren. Dieses Thema wird zunehmend zu einem ebenso kritischen wie lukrativen Geschäftsfeld. Zwar steht bei dieser Arbeitsgruppe die Gewinnorientierung diverser Retouren-Systematiken im Vordergrund. Die statistische Grundlage dazu bietet jedoch interessante allgemeine Einblicke in die Welt der Rücksendungen und Widerrufe von Online-Käufen.

So wird in Deutschland beispielsweise jedes zweite Paket mit Fashion-Inhalten von den Empfänger*innen wieder zurückgesandt. Consumer-Electronics hingegen nur zu rund 15 % und Bücher zu 8 %. Über alle Branchen hinweg werden so jährlich rund 286 Millionen Sendungen von den Kund*innen wieder retourniert. Damit verursachen allein die Rücksendungen eine CO2-Belastung von 143.000 Extra-Tonnen. Berücksichtigt man, dass bei diesen Waren keine Erst-Lieferung nötig gewesen wäre, reden wir über jährlich rund 280.000 Tonnen an klimaschädlichem CO2, die vermeidbar wären.

Mehr Statistik gibt es unter: http://www.retourenforschung.de/definition_statistiken-retouren-deutschland.html »

Hinweise

Versandhandel zu betreiben bzw. zu nutzen birgt sowohl für Anbieter*innen als auch für Konsument*innen ein gewisses Maß an Verantwortung in sich. Es ergeht daher der Aufruf an beide Seiten, schon bei der Produktion und der Bestellung an die Vermeidung von Retouren zu denken und so unnötigen Belastungen des Klimas vorzubeugen.

Retouren = zurückgesendete Waren

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