Erkenntnis Updates

Content-ID: 027|01 | Autor: Gerd | Stand: 19.11.2020

Erkenntnis Updates

Neue Einsichten zu aktuellen Themen

box = nähere Details finden Sie in der Fakten-Kiste am Ende dieses Beitrags.

Nicht nur Betriebssysteme oder Software brauchen Updates. Auch redaktionelle Beiträge, die über längeren Zeitraum Gültigkeit besitzen sollen, müssen regelmäßig gecheckt werden. Deshalb gibt es auch zu früheren Artikeln auf Unbehagen.at aktuelle Entwicklungen und neue Erkenntnisse zu berichten. Konkret braucht es ein Update für: „Bedingungsloses Grundeinkommen“ und „Meine Corona-Lernkurve“. Zufriedenstellend ist für mich, dass ich mit meinen damaligen Analysen, Vorhersagen und Schlussfolgerungen auch heute noch voll auf Kurs liege. Trotzdem: Was bisher geschah, bestätigt nicht nur das längst Veröffentlichte. Es zwingt auch, sich den Themen noch einmal, dafür aber mit erweitertem Fokus und neuen Sichtweisen zu stellen.

Neues zum bedingungslosen Grundeinkommen

Ergänzung zum Beitrag „Es regne Geld“ vom 27.8.2020 | Zum Original-Beitrag »

Die Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen, für zumindest Teile der Bevölkerung, hat seit dem Erscheinen o. a. Artikels an Fahrt aufgenommen. Und das aus gutem Grund. Immerhin bekommen wir durch die Corona-Lockdowns einen Vorgeschmack darauf, was passiert, wenn der Markt-Mechanismus von Angebot und Nachfrage unter Druck gerät. Zum Glück kann, durch staatlichen Einfluss (sprich Rettungspakete auf Pump), die wirtschaftliche Abwärtsspirale kurzfristig gestoppt werden. Offen ist hingegen, ob bei langanhaltendem Stillstand der Folge-Crash verhindert werden kann. Aber auch, ob es nach einer verlängerten Krise noch ausreichend Substanz gibt, das „alte Wirtschaftssystem“ wieder in Schwung zu bringen. Langsam macht sich die Erkenntnis breit, dass ein Weitermachen wie bisher eher zum Scheitern verurteilt ist als der Versuch, Wirtschaft grundlegend neu zu denken. So hat uns im Kampf gegen Corona das exzessive Modell der Kurzarbeit bereits Vorgeschmack auf ein Grundeinkommen der Menschen gemacht. Aus der Sicht der Arbeitnehmer*innen ist diese Hilfsleistung tatsächlich ein Lohn für keine Leistung. Auch wenn der Erhalt der Arbeitsplätze ein gutes Fundament der Unternehmen für den Re-Start nach der Krise darstellt. Die eigentliche Wirkung dieses Paketes ist es, dass die Menschen weiter konsumieren und ihre Schulden bedienen können. Dafür reicht die gewohnte Sozialleistung, das Arbeitslosengeld, nämlich vielfach nicht aus!

Es liegt daher nahe, dass jene, die sich ehrlich um die Sicherung der ökonomischen Grundlagen unserer Gesellschaft Gedanken machen, auch nach alternativen Ansätzen forschen. Dabei steigt die Zahl jener, die erkannt haben, dass auch nach der Pandemie der Rhythmus von Wertschöpfung, Umverteilung der Kaufkraft und Konsum stocken kann. Zum einen deshalb, weil damit zu rechnen ist, dass künftige Krisen rascher und vehementer den Flow der Marktwirtschaft brechen werden. Zum anderen, weil wir selbst Entwicklungen eingeleitet haben, die das gewohnte Markt-Gleichgewicht (zer-)stören werden. Paradoxerweise handelt es sich dabei auch um Veränderungen, die wir offensiv anstreben und sogar herbeisehnen. Die Digitalisierung (über das Maß des Notwendigen hinaus) ist so ein Geist, den wir jetzt rufen, jedoch später kaum mehr beherrschen werden. Unglücklicherweise hat sich die Diskussion um die Arbeitswelt der Zukunft auf das Thema „Homeoffice, ja oder nein“ eingeschossen. Die eigentliche Frage wäre hingegen, „ob es genügend Jobs gibt, von denen man leben kann“. Die Befürchtungen, dass durch die digitale Steigerung der Produktivität mehr Jobs verloren gehen, als an anderer Stelle geschaffen werden, sind durchaus gerechtfertigt. Viel mehr noch: Bei Weitem nicht alle Ersatz-Jobs werden gleich hochwertig, gleich gut bezahlt und gleich regelmäßig ausfallen wie noch heute. Abgebaute oder prekäre Jobs verstärken nicht nur den bereits ausgelösten Trend zu einem Leben an der Armutsgrenze und in Isolation. Sie wirken sich auch über die Summe der verfügbaren Einkommen direkt auf den Markt aus und fehlen in den Kassen der Unternehmen. Genau hier setzt die heutige Diskussion um ein Grundeinkommen als private Absicherung und als primärer Wirtschaftsimpuls an. Die Wissenschaftlerin Barbara Prainsack, Professorin an der Universität Wien, wird in ihrem neuen Buchbox dazu sehr deutlich. Unter dem Titel „Vom Wert des Menschen“ widmet sich die Autorin sowohl den grundlegenden, moralischen Fragen zur gerechten Umverteilung von Einkommen als auch konkreten Lösungsansätzen.

Krempeln wir endlich die Ärmel hoch

An dieser Stelle wiederhole ich meine Forderung, eine ideologiefreie Diskussion alternativer Formate zur aktuellen Leistungsgesellschaft zuzulassen. Ich fordere zudem die politisch Verantwortlichen dazu auf, Denk-Werkstätten zu diesem Thema zu gründen. Die Ziele sind: Abschaffung von Armut bzw. Armutsgefährdung und ansprechende Teilhabe aller Menschen an unserer Wohlstandsgesellschaft. Dass dabei auch Schlagworte wie Enteignung und Millionärssteuer die Runde machen werden, ist dem Thema geschuldet. Letztendlich wird sich aber ein Konzept durchsetzen, das die Ziele erreichen kann. Es wird zudem allen Bürger*innen (auch den reichen) maximalen Spielraum einräumen und unsere Kultur von „Wohlstand“ und „Leistung“ nicht abschaffen, sondern um den Wert „Solidarität“ ergänzen.

Die Corona-Lernkurve steigt weiter

Ergänzung zum Beitrag „Meine Corona-Lernkurve“ vom 25.5.2020 | Zum Original-Beitrag »

Kurz nach der ersten Corona-Welle hatte ich die Zeit, meine persönlichen „Learnings“ aus der Krise zu ziehen und abseits des Lockdowns auch zu hinterfragen. Das Ergebnis daraus ist: Was mir Corona vor Augen geführt hat, besitzt auch im bedrohungsfreien Leben seine Gültigkeit. Ich bevorzuge auch ohne Corona Abstand zu mir wildfremden Leuten. Die Politik bleibt unfähig oder unwillig, sich mehr als einem Thema zu widmen. Das Klima wandelt und wandelt sich und die Leute sind, grob zusammengefasst, wie sie eben sind. Jetzt, mitten in der 2. Pandemie-Welle, sind weitere Erkenntnisse aufgetaucht, die ich in das Leben danach mitnehmen werde.

11) Die Gesellschaft ist schon gespalten

Viele unter uns haben erst während Corona bemerkt, dass quer durch die Gesellschaft ein Riss verläuft. Aktuell aber geht es nicht mehr nur um Ansichtssachen und Wohnzimmer-Ideologien. Die Pandemie, oder besser gesagt deren Bekämpfung, hat auch den Trend zu einer Radikalisierung der Menschen massiv verstärkt. Wir erleben z.B. in Amerika einen Fundamental-Populismus, der durch eine Viertel-Million Pandemie-Opfer eher gestärkt denn infrage gestellt wurde. Aber auch der Aufbau einer Neo-Neonazi-Bewegung am Rande der Corona-Diskussion verdeutlicht den Bruch in der Gesellschaft. Dabei schlägt anarchistische Verwirrung tatsächlich Brücken zu neo-nationalsozialistischen Bürgerkriegsphantasien. Der Hass und die Verachtung demokratischer und solidarischer Grundwerte, die dabei auf die Straße getragen werden, wird tatsächlich noch Menschenleben fordern. Und die überwältigende Mehrheit der Demokratie-Befürworter*innen hat sich in den Gesinnungs-Lockdown begeben und sieht weg!

12) Systemrelevanz ist Ansichtssache

Jede Krise generiert eigene Schlagworte, wenn Kritik an ihrer Bewältigung auftaucht. Systemrelevanz ist eines davon. So waren es in der Finanzkrise in den Nuller-Jahren die großen Banken, die als systemrelevant gerettet werden mussten. Während Corona sind es die einfachen Leute in den Versorgungs- und Pflegeberufen, denen Unverzichtbarkeit attestiert wird. Und doch sind diese Beispiele ganz unterschiedlich zu bewerten. Die Bankenrettung war der Gesellschaft damals unfassbar viel Geld wert. Die Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens und einer wirtschaftlichen Grundleistung während Corona durch Pfleger*innen, Kassierer*innen oder Zusteller*innen gab’s hingegen fast gratis. Das weckt in mir das Gefühl, dass selbst Dankbarkeit, egal ob finanziell oder in der öffentlichen Wahrnehmung, Verhandlungssache ist. Wenn also künftig Grundleistungen zu retten sind, wird das Feilschen wieder von vorne losgehen. Selbst wenn es sich um Systemrelevantes dreht, wie Demokratie, Pflege, Pensionen u.v.m.

13) Ich habe genug von Schlagworten

Wie geht es Ihnen, wenn Sie täglich gefühlte 1.000 Mal das Wort „Lockdown“ hören? Es mag schon sein, dass es kein passendes deutsches Wort dafür gibt und es daher „alternativlos“ ist. Auf den Wecker gehen einem die „Lockdown“-Rufe der Politiker*innen und Medien allemal. Apropos „alternativlos“: Auch da geht mir der Feit’l im Sack auf. Es ist nämlich gar nichts alternativlos im Leben! Es mag schlechtere Lösungen geben oder passende Alternativen über die Zeit vergeigt worden sein. Trotzdem gibt bzw. gab es sie. So war auch der 2. Lockdown nicht alternativlos. Auch das Home-Schooling nicht, das bis Anfang April ja noch „Fernunterricht“ geheißen hatte. Aber auch Begriffe wie „Risikogruppe“, „Polizistinnen und Polizisten“, „Ausgangsbeschränkung“, „Impfgegner*innen“ oder „Verschwörungstheorie“ u.v.m. verlieren meine Aufmerksamkeit, wenn sie öfter als 20 Mal pro Tag gesagt werden. Also: Wenn ich wieder einmal eine Schlagwort-Pandemie durchstehen muss, setze ich mir Kopfhörer auf oder lese ein gutes Buch.

Gedanken zur Gesellschaft nach Corona hat sich auch Zukunftsforscher Hans Holzinger gemacht und in seinem neuen Buch „Post-Corona-Gesellschaft“box veröffentlicht. Was aber nehmen Sie aus der Pandemie für sich mit? Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass keine Infektion und keine dramatischen Erlebnisse darunter sind. Ich unterstelle aber, dass die vergangenen Monate und auch die nächsten für uns eine sehr prägende Zeit darstellen. Wir wissen mehr, wir ticken anders und wir haben Dinge erlebt, die ohne Krise nie zu uns durchgedrungen wären. Ich würde mich freuen, auch an Ihrer Lernkurve teilhaben zu können und lade Sie ein, mir diese via angefügtem Feedback-Formular zu skizzieren. Bis dahin wünsche ich Ihnen: Lassen Sie sich nicht runterziehen und bleiben Sie gesund!

 

Salzburg, 2020/11 – Gerd

box = Fakten-Kiste
Buchtipp Bedingungsloses Grundeinkommen

Vom Wert des Menschen | Barbara Prainsack | Brandstätter Verlag | Wien, 2020

[Klappentext] Geld ohne Leistung? Einfach so? Und wer soll das bezahlen? Das sind nur einige Fragen, wenn es um das bedingungslose Grundeinkommen geht – Fragen, die angesichts der Folgen der Corona-Krise aktueller sind denn je. Barbara Prainsack liefert endlich Antworten. Und das abseits von Ideologien, sondern aus der Sicht von Betroffenen: dem Tiroler Gastronomen, der kaum Fachkräfte findet. Dem IT-Unternehmer, der überzeugt ist, dass mit einem Bürgergeld „alle auf der faulen Haut“ lägen. Oder den Eltern einer Jung-Akademikerin, die sich fragen, ob es für ihre Tochter mehr als unbezahlte Praktika gibt. Prainsack, international renommierte Expertin für Technologiepolitik, erklärt verständlich zentrale Begriffe, deckt falsche Argumente auf und erhellt, wie die Umsetzung in Österreich, Deutschland und Europa gelingen kann. Ein Leitfaden für das Sozialsystem von morgen, bei dem eine Frage im Mittelpunkt steht: Wie viel ist der Mensch in Zeiten der Digitalisierung und tiefgreifender Umbrüche noch wert? Die Antwort betrifft uns alle.

 

Buchtipp Post Corona

Post-Corona Gesellschaft | Was wir aus der Krise lernen sollten | Hans Holzinger | my Morawa Verlag | Wien, 2020

[Klappentext] Die Corona-Pandemie hat unseren Turbogesellschaften zugesetzt. Viele Unternehmen und große Teile des öffentlichen Lebens wurden heruntergefahren. Systemrelevant waren nicht mehr jene Banken, die in der Finanzkrise gerettet werden mussten, sondern jene Menschen, die im Bereich der Grundversorgung und der Gesundheitsberufe ihren Job machten. Der Flugverkehr kam weitgehend zum Erliegen, die von Autos überfüllten Straßen waren für kurze Zeit Geschichte. Die Natur erschien sich zu erholen, in Venedig kamen die Delfine zurück. Die Politik zeigte Handlungsfähigkeit. Viele hofften, dass wir aus der Coronakrise unsere Lehren ziehen würden. Und mit derselben Entschlossenheit auch die Klimakrise und andere Umweltkrisen angehen würden. Doch was haben wir tatsächlich gelernt? Der Nachhaltigkeitsforscher Hans Holzinger sucht darauf Antworten und er macht Zukunftsvorschläge für eine Ökonomie der Nähe. Groß ist die Gefahr, dass wir rasch wieder zum Zustand von „davor“ zurückkehren, die Pandemie nach einer kurzen Schockstarre möglichst umgehend wieder hinter uns lassen wollen. Möglich ist aber auch, das erzwungene Innehalten dazu zu nutzen, aus dem ökologisch desaströsen und kulturell fragwürdigen Hamsterrad des „Immer mehr“ und „Immer schneller“ auszubrechen. Wir können uns fragen, worauf es wirklich ankommt im Leben, wie wir neue Balancen zwischen Beruf, Familie und Freizeit finden, wie wir unsere Wirtschaften nachhaltig und fair gestalten können und eine Politik Mehrheiten findet, die dafür die passenden Regeln setzt.

Hinweise

Denk Werkstätten: Gemeint sind Arbeitsgruppen, die sich unvoreingenommen einem Thema nähern und ohne Ergebnisvorgabe mögliche Lösungen ausarbeiten.

Amerika nach der Wahl: Abermillionen infizierte Menschen, > 250.000 Todesopfer und ein Corona-Leugner wird fast Präsident.

Neo-Neonazis: Im Soge der Pandemie haben die Neonazi-Sympathisant*innen neuerdings regen Zulauf aus dem Eck der Corona-Leugner*innen.

Lese-Tipps:

Vom Wert des Menschen | Warum wir ein bedingungsloses Grundeinkommen brauchen | Barbara Prainsack | Brandstätter Verlag | Wien, 2020

Post-Corona Gesellschaft | Was wir aus der Krise lernen sollten | Hans Holzinger | my Morawa Verlag | Wien, 2020

Link-Tipps:

Grundeinkommen:

Falter (nur mit Abo): https://www.falter.at/zeitung/20201111/stellen-sie-sich-vor–1200-euro-fuer-jeden-ab-16-jahren/_dd276d6c78?ver=a »

Standard: https://www.derstandard.at/story/2000121627584/grundeinkommen-ohne-bedingungen-immer-mehr-oesterreicher-sind-dafuer »

SN (nur mit Abo): https://www.sn.at/wirtschaft/oesterreich/corona-befeuert-diskussion-um-ein-grundeinkommen-95501032 »

Post Corona:

Wienerzeitung.at: https://www.wienerzeitung.at/meinung/gastkommentare/2070391-Die-Post-Corona-Kultur.html »

Bundeszentrale für politische Bildung (de): https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/coronavirus/307394/gesellschaftspolitische-folgen »

Der Standard: https://www.derstandard.at/story/2000121169394/wie-die-pandemie-die-gesellschaft-spaltet »

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