Klima-Ninja

Content-ID: 023|01 | Autor: Gerd | Stand: 07.10.2020

Feel Alone Office

Schluss mit dem Arbeiten in Einzelhaft

box = nähere Details finden Sie in der Fakten-Kiste am Ende dieses Beitrags.

Corona hat Herbert regelrecht ins „Homeoffice“ gezwungen. Quasi ohne Vorwarnung, als dringliches Experiment: Niemand weiß, wie‘s funktionieren könnte, aber es muss gemacht werden. Letztendlich ist es dann für Herbert ganz gut gelaufen. Ein ruhiges Platzerl war in der 82m2-Wohnung rasch gefunden. Die EDV-Abteilung hat einen passablen Laptop hervorgezaubert und sicher ans Firmen-Netzwerk angedockt. Auch die Arbeitsroutinen haben sich schnell eingespielt und Herbert war binnen 3 Tagen „produktiv“. Das war vor 6 Monaten. Jetzt möchte Herbert aber, dass das wieder aufhört.

Was ihn betrifft, ist dieses Experiment schon früh gescheitert – und zwar in gleich dreifacher Hinsicht. „Homeoffice“ passt nicht zur Lebenssituation, die er und seine Familie sich über Jahre aufgebaut haben. Es hemmt seine berufliche Entwicklung. Und es belastet seinen seelischen Zustand in einer Form, die er nie für möglich gehalten hätte. Mit seinen Erfahrungen zu diesem Thema steht Herbert übrigens nicht allein da. Es ist zu wenig, individuelle Arbeitsumgebungen aus gewachsenen Organisationen herauszulösen und an private Rückzugsorte auszulagern. Expert*innen bestätigen, dass Unternehmenskulturen nicht so einfach in ihre Einzelteile zerlegt und neu zusammengesetzt werden können. Auch wenn uns das oft glauben gemacht wird. Genau das spüren Herbert und seine Kolleg*innen gerade schmerzlich am eigenen Leibe.

Ein Campingtisch ist kein Büro

Gesegnet ist, wer tatsächlich auf ein Office, also auf ein Büro, und nicht nur einen mickrigen Tisch in den eigenen 4 Wänden zurückgreifen kannbox. Das oft gezeigte Bild von Top-Manager*innen an ausladenden Wohnzimmertischen in der Eigentumsvilla lässt sich auf Herbert nicht anwenden. Auch auf keine/n seiner Kolleg*innen, die wie er die Wohnung jetzt auch tagsüber mit der Familie teilen müssen. Da kann es schon eng werden. „Homeofficer“ gehen zudem nicht mehr morgens weg, um abends heimzukommen. Sie leben praktisch im Büro. Das reduziert den sozialen und intellektuellen Radius der Betroffenen auf ein Minimum. So hat Herbert sein „Homeoffice“ rasch als Käfig empfunden. Oder wie er treffend ausdrückt: sein „Feel-Alone-Office“, ohne Tür zur gleichgesinnten Außenwelt.

Dabei ist es in der Wohnung jetzt alles andere als ruhig. Es ist laut, hektisch und konfliktbeladen geworden. Da kommt zumindest recht, dass Herbert an seinem Campingtisch in der Wäschekammer Ruhe findet. Und die braucht er auch, um mit seinen Projekten voranzukommen. Aber auch für den Rest der Familie muss aktuell die Wohnung Arbeits- und Privatsphäre zugleich sein. So hatten Mike und Anna, seine beiden Kinder, lange Zeit Online-Unterricht. Aber auch Carina, seine Ehefrau, ist zwar noch in Kurzarbeit, steht dabei jedoch regelmäßig für kleinere Aufträge auf Abruf bereit. So war es nur eine Frage der Zeit, bis das WLAN an seine Grenzen geriet. Oder bis der Zustand der Wohnung und die Geräuschkulisse als Hintergrund für Video-Konferenzen zum Thema wurden. Für Herbert steht heute fest, dass es künftig eine emotionale und räumliche Distanz zwischen Arbeiten und Schlafen braucht – wo und wie auch immer.

Von wegen Karriereplanung

Schon während seines Informatik-Studiums sah sich Herbert an der Spitze eines Teams, das spannende IT-Projekte zum Leben erweckt. Dieser Karriereplan schien bei seinem jetzigen Arbeitgeber voll auf Schiene zu sein. Die Aufgabenstellungen passten. Seine Arbeit weckte Interesse und die förderlichen Netzwerke bildeten sich wie von selbst. Jetzt im „Homeoffice“ aber scheint sich das Blatt gewendet zu haben. Seine Karriere steht nicht nur, er fühlt sich regelrecht zurückgeworfen. Dafür macht Herbert nicht Corona, sondern vielmehr den Umstand geltend, dass er in sein „Homeoffice“ abgeschoben wurde und andere nicht. Jetzt findet der informelle Austausch zu großen Projekten ohne ihn statt. Der aber ist wichtig. Stärken wie Kreativität, Innovationskraft und Lösungsorientierung können über sporadische Online-Konferenzen nur bedingt ausgespielt werden. Dazu braucht es nun einmal den direkten Austausch mit Vorgesetzten und Kolleg*innen.

Besonders aber trifft ihn, dass er nicht ins Strategie-Team berufen wurde, das aus dem „Homeoffice“ frühzeitig an den Arbeitsplatz zurückbeordert wurde. Vielleicht liegt es ja nur daran, dass er pendeln muss und nicht auf Abruf verfügbar ist. Seinen Karriereplan stört dieser Umstand jedoch empfindlich. Es ist nämlich offensichtlich, dass Corona auch für sein Unternehmen eine Möglichkeit ist, sich neu aufzustellen. Weniger Personal, höhere Produktivität und neue Geschäftsfelder sind, wie eh überall, die Themen der nahen Zukunft. Hier von Beginn an dabei zu sein, erhöht die Chance auf eine Führungsposition und verringert das Risiko, gekündigt zu werden. Jetzt stellt sich für Herbert eher die Frage, ob und in welcher Funktion er aus dem „Homeoffice“ wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren darf, und nicht, ob seine Träume irgendwann wahr werden.

Wenn sich die Seele wehrt

Herbert war lange davon ausgegangen, dass die düsteren Momente der letzten Monate auf eine beginnende Depression zurückzuführen waren. So wie viele andere Betroffene machte er Corona und die damit verbundenen Existenzängste dafür verantwortlich. Erst die Gespräche mit der Psychologin haben den Verdacht auf eine Anpassungsstörung gelenkt. Dabei spielen das „Homeoffice“ und der damit verbundene Verlust persönlichen Austausches eine größere Rolle als ursprünglich vermutetbox. Ähnlich wie bei vielen Senior*innen in ihrer Corona-Isolation, wirkt sich für Herbert das Aussetzen seiner sozialen Kontakte zunehmend traumatisierend aus. Das umfasst nicht nur die Gespräche und die gemeinsamen Routinen am Arbeitsplatz. Auch der Verlust der Teamzugehörigkeit und der kollektiven Leistungsfähigkeit machte und macht Herbert massiv zu schaffen.

Zum Glück hat Herbert im Zuge seiner Therapie rasch gelernt, emotional einen Schritt zurück zu treten und seine Gesamtsituation einzuschätzen. Damit hat er nicht nur wieder die Kontrolle über sein Leben zurückgewonnen. Er hat auch Routinen entwickelt, die ihn robuster im Umgang mit zukünftigen Belastungen am Arbeitsplatz bzw. im „Homeoffice“ machen. Er hat jetzt wieder motivierende Vorstellungen davon, wie sein Arbeitsleben in Zukunft aussehen soll. Egal ob im „Homeoffice“ oder im Büro, ob bei seinem bisherigen oder einem neuen Dienstgeber: Herbert hat wieder das Heft in der Hand!

Herberts Checkliste

Corona bietet aktuell nur wenige Möglichkeiten, sich gegen „Homeoffice“ zu wehren. Das wird sich jedoch ändern. Jetzt stürzt sich, angesichts der gemachten Erfahrungen mit Heimarbeit, eine ganze Industrie auf dieses Format und hat es zum Arbeitstrend der Zukunft hochstilisiert. Für viele Arbeitgeber*innen und auch einzelne Arbeitnehmer*innen mag diese Lösung attraktiv sein. Für Herbert aber braucht es mehr als das, was er während Corona erleben musste. Dazu hat er sich bereits mit seinem aktuellen Dienstgeber und dem Betriebsrat ausgetauscht. Auch die Politik, die Kammern und Medien haben bereits Post von ihm erhalten. Und via unbehagen.at geht seine Sicht der Dinge jetzt an eine breitere Öffentlichkeit. Zu guter Letzt aber ist vieles, das gute Arbeitsbedingungen im privaten Umfeld ausmacht, auch Verhandlungssache. Und da hat Herbert, wie so viele seiner Kolleg*innen, als anerkannte Fachkraft, gute Karten.

Sollte Herbert nach Corona je wieder ins „Homeoffice“ gehen, dann nur zu folgenden Bedingungen:

  • „Homeoffice“ muss psychologisch begleitet sein – sowohl betrieblich als auch extern.
  • Es darf keine wirtschaftlichen oder persönlichen Nachteile für „Homeoffice“-Nutzer*innen geben.
  • Wer zu Hause arbeitet, braucht (manchmal) Kinderbetreuung außer Haus.
  • Es sollten maximal 3 Tage „Homeoffice“ am Stück verlangt werden dürfen.
  • Die Organisation des Unternehmens kann auch „Homeoffice“-tauglich sein: Leitbild, Zielsetzungen, Organigramm und Team-Arbeit, Karrierepfade, Colab-Medien und -Formate u.v.m.
  • Team-Bildung und Teampflege dürfen nie vernachlässigt werden.
  • Für Kreativ- und Innovationsprozesse müssen Ressourcen am Arbeitsplatz vorhanden sein.
  • Als Alternative zu beengten Wohn-Situationen gelten Coworking-Plätze in den Wohnorten der Belegschaft.
  • Und es braucht mehr wirtschaftliche und rechtliche Rückendeckung der Dienstgeber*innen und des Staates, um zu Hause einen stimmigen Arbeitsplatz einrichten zu können. Aber das ist eine andere Geschichte …

 

Salzburg, 2020/10 – Gerd

box = Fakten-Kiste
Empfohlene Ausstattung für einen Homeoffice-Arbeitsplatz

Es gibt tatsächlich kaum brauchbaren Empfehlungen online, wie ein Heim-Arbeitsplatz gestaltet sein soll, um die psychischen und familiären Herausforderungen gut zu meistern. Dafür ist das Internet voll von Tipps zur EDV-Ausstattung, zur steuerlichen Absetzbarkeit und zu Möbeln und Büroartikeln.

Das heißt, es bleibt auch Ihrem Gespür überlassen, jenen Platz zu finden und zu gestalten, an dem Sie sich während der Heimarbeit wohlfühlen. Beachten Sie dabei bitte auch die Tagessicht- und Geräuschsituation, die Arbeitsfläche, die Rückzugsmöglichkeit, die Herzeigbarkeit bei Online-Konferenzen und natürlich die Nähe bzw. Distanz zu den Familienmitgliedern.

Sollten Sie Tipps und Links zu diesem Thema kennen: Bitte senden Sie die über das Kontaktformular auf dieser Seite an mich – ich werde sie gerne an dieser Stelle veröffentlichen.

Link | Dipl.Ing. Christine Hax Noske | Dissertation | Der Arbeitsplatz im Homeoffice | Mai 2019: https://repositum.tuwien.at/bitstream/20.500.12708/4457/2/Der%20Arbeitsplatz%20im%20Homeoffice.pdf

 

Homeoffice birgt Gefahren für die Seele

Das Thema „psychische Belastungen bei/durch Heimarbeit“ ist längst in der Gesellschaft und beim Gesetzgeber angekommen. Nicht nur durch Corona, auch in anderen Konstellationen, wirken sich die fehlenden bzw. veränderten Rahmenbedingungen während der Heimarbeit teilweise negativ aus. Scheuen Sie sich nicht, sich im Falle von psychischer Belastung Profis anzuvertrauen. Nur bei frühzeitigem Dagegenhalten sind langfristige Beeinträchtigungen für Ihre Gesundheit zu vermeiden. Es soll nicht geschehen, dass Sie sich unbemerkt in eine Arbeitsunfähigkeit hineinarbeiten.

Link | Innovatives Betriebliches Gesundheitsmanagement: https://www.ibg.at/isolation-im-homeoffice-ist-eine-ernsthafte-psychische-bedrohung/

Link | Wer viel von zu Hause arbeitet, leidet häufiger unter psychischen Problemen als Beschäftigte, die jeden Tag ins Büro fahren.: https://www.sueddeutsche.de/karriere/homeoffice-job-gesundheit-psyche-1.4603837

Erklärungen

Herbert gibt es tatsächlich! Sein Name wurde von der Redaktion (aus Datenschutzgründen) geändert. Wenn Sie Herbert ein Feedback geben wollen, nutzen Sie bitte das Kontakttool auf dieser Seite. Ihre Anregungen und Kritik werden verlässlich an ihn weitergeleitet.

informell = ohne formale Wirkung, hier: hinter den Kulissen

Produktivität = Verhältnis zwischen geleistetem Einsatz (Arbeit, Kosten, …) und Erfolg

Depression = psychische Krankheit | Symptome: Traurigkeit, Interesselosigkeit, Schuldgefühle, Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Konzentrationsschwächen, …

Anpassungsstörung = Reaktion auf ein einmaliges oder ein fortbestehendes belastendes Lebensereignis | Symptome: Veränderungen des Gemütszustandes, Störungen des Sozialverhaltens, …

Colab = kurz für Collaboration = enge Zusammenarbeit z.B. in Projekten

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