Festtagsbananen

Content-ID: 058|01 | Autor: Gerd | Stand: 8.7.2021

Festtagsbananen

Von der Gewohnheit zum Verzicht

Superfood ist heutzutage in aller Munde. Nicht nur real, weil wir es gerade essen. Vielmehr hat ein Run auf exotische Wunder-Nahrungsmittel eingesetzt, die erst über den halben Globus in unsere Supermarktregale gekarrt werden. Das mag eine blendende Marketingidee sein, ökologisch ist es eher bedenklich. Und es ist alles andere als neu. Seit dem 19. Jahrhundert wird die Banane in tropischen Regionen Ostasiens und Südamerikas angebaut und in Riesenmengen nach Europa geliefert. Und das, angesichts ihrer ernährungstechnisch unerreichten Werte, aus gutem Grund. Die Banane als ältestes Superfood ist auch das einzige, das durch regionale Lebensmittel nicht vollständig ersetzt werden kann. Und trotzdem ergibt es Sinn, aus dem Hype um Bananen auszusteigen. Nur wie gelingt ein Verzicht, insbesondere aus ökologischen Motiven, ohne rasch wieder rückfällig zu werden?

Als in die Jahre gekommener Mountainbiker habe ich die Vorzüge der Banane in der täglichen Sport-Ernährung früh schätzen gelernt. Mit ihrem perfekten Mix aus Kohlehydraten, Fruchtzucker, Vitaminen und Mineralstoffen versorgt sie den Körper mit allem, was er für Höchstleistungen benötigt. Wenn sie jedoch auch für den schnellen Snack mehrmals am Tag herhalten muss, wird die Sache ungesund. Ich meine damit nicht nur die Unausgewogenheit bei der Ernährung. Vielmehr drängt sich beim (nunmehr) täglichen Kauf eines ganzen Bananenbündels automatisch auch der ökologische Aspekt in den Vordergrund. Immerhin werden diese Wunderfrüchte in riesigen Monokulturen fernab Europas gezüchtet und mit gigantischem CO2-Fußabdruck über die Ozeane geschippert. Zudem zählt die bei uns nachgefragte Banane schon jetzt zu einer aussterbenden Art. Besonders deshalb, weil jene Pilzkrankheit, die diese Sorte weltweit hinwegrafft, nicht unter Kontrolle zu bringen ist. Da als letzter Ausweg aus diesem Bananen-Sterben wohl nur Gen-Technik in Betracht kommt, war es an der Zeit für mich, Bananen von meinem Ernährungsplan zu verbannen. Mit (leichten) Entzugserscheinungen!

Von der Herausforderung, loszulassen

Natürlich ist mein Verzicht auf die Banane nicht mit dem Aufhören des (Ketten-)Rauchens vor 17 oder dem Verzicht auf Fleisch vor 13 Jahren zu vergleichen. Beides übrigens von einem Tag auf den anderen. Der Bananenentzug ist mir unendlich schwerer gefallen. Etwas aufzugeben, scheint irgendwie leichter zu gehen, wenn persönliche Betroffenheit und körperlicher Schaden die Motive sind, und nicht „nur“ das Gewissen. Entscheidend dafür mag sein, ob der Veränderungsdruck als Schicksal oder als ungebührliches Eindringen Dritter in unser Leben empfunden wird. So tragen viele der Forderungen, unseren Lebensstil aus Klimagründen zu ändern, den Geruch der Öko-Diktatur. Folgt man der Diktion der Klima-Aktivist*innen, befällt eine*n immer das Gefühl, gerade entmündigt zu werden. Und obwohl wir wissen, dass Fridays for Future & Co recht haben, stellen sich unsere Nackenhaare auf. Unser Leben allgemein, jetzt noch verstärkt durch Corona, wird durch eine Unzahl an Verordnungen und Regeln in enge Bahnen gepresst. Es ist daher verständlich, wenn viele sich in ihrer persönlichen Entscheidungsfreiheit eingeengt und bevormundet sehen. Und das brauchst Du als erwachsener Mensch wie einen „Kropf im Sommer“.

Ich persönlich entziehe mich diesem Gefühlsdilemma dadurch, dass ich meine Schritte zu mehr Klima-Freundlichkeit im Alltag sehr bewusst setze. Ich versuche jedes Thema klar abzugrenzen, mögliche Optionen auszuloten, die Konsequenzen abzuschätzen und dann nur für mich zu entscheiden. Dieses „nur für sich selbst“ meine ich ernst. Ich erzähle Ihnen in diesem Beitrag tatsächlich nur eine Episode aus meinem Leben – maximal als Anregung, jedoch nicht als Anleitung. Ob und wie Sie ihre Klima-Entscheidungen treffen, bleibt Ihre Sache. Ich hoffe nur, dass Sie es tun. Es kann dabei helfen, sich neutral über Möglichkeiten zu informieren, kritische Gewohnheiten zu ersetzen. Besonders aber der Austausch mit anderen Menschen wirkt Wunder. Diskutieren Sie mit Leuten, die in einer ähnlichen Situation stecken wie Sie selbst. Ich meine damit Freund*innen, Nachbar*innen und Gleichgesinnte aus unterschiedlichen Interessengebieten. Personen, die auch gerne etwas ändern wollen, jedoch ohne sich schulmeistern zu lassen. Egal ob Mobilität, Lebensmittel, Energie oder sonst etwas: Es braucht keine erhobenen Zeigefinger, um im Alltag zu kooperieren, zu teilen, sich zu unterstützen und gemeinsam auf klimaschädliche Dinge zu verzichten. Meist aber gibt es ein gutes Gefühl.

An dieser Stelle muss ich gestehen, dass die Rücknahme einiger klima-sensibler Angewohnheiten zwar immer radikal, aber selten eine vollständige war. Den Lebensstil an die Erfordernisse im Kampf gegen den Klimawandel anzupassen, braucht dringend erste Schritte und nicht unbedingt die totale Askese. Es reicht oft ein Seitenblick auf die Produktionsbedingungen und die Lieferwege klima-kritischer Güter, um bewusster zu konsumieren. Und es hilft ein schrittweiser Ausstieg aus fragwürdigen Gewohnheiten, um einem Rückfall vorzubeugen. Deshalb gibt es auch für mich noch (handverlesene) Anlässe, zu denen ich mein Auto mit Verbrennungsmotor starte. Ebenso, wie manchmal auch ein Meeresfisch auf den Teller oder ein Buch via Versandhandel kommt. Auch bei Bananen gibt es zwei Ausnahmen von der No-Go-Regel. Hier jedoch ersetzt die Vorfreude auf eine Banane zum Geburtstag oder zu Weihnachten sehr effektiv den Drang, sich gleich eine zu schälen. Damit aber haben meine Frau und ich unser klima-schädliches Alltagsverhalten nennenswert reduzieren können, ohne von Entzugserscheinungen und Wehmut geplagt zu werden. Das ist doch ein guter Anfang, oder?

Salzburg, 07|2021 – Gerd

Hinweise

Superfood = englischer Sammelbegriff für Lebensmittel die (angeblich) einen besonderen gesundheitlichen Nutzen haben

Monokultur = Anbau immer der gleichen Pflanzenart auf einer Bodenfläche

Kropf = Verdickung des Halses durch eine Vergößerung der Schilddrüse

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