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Content-ID: 067|01 | Autor: Gerd | Stand: 23.9.2021

Keimbelastet

Wenn das Essen krank macht

box = nähere Details finden Sie in der Fakten-Kiste am Ende dieses Beitrags.

Kaum zu glauben, aber auch abseits von Corona werden Menschen krank. Zwar scheinen viele Bedrohungen für die Gesundheit längst durch die Fortschritte der Medizin gebannt zu sein. Es geht jedoch noch immer eine Gefahr von ihnen aus. Vor allem dann, wenn große Errungenschaften der Forschung dem Streben nach Gewinn geopfert werden. Konkret gerät die Versorgung mit Antibiotikabox durch eine zunehmende Resistenz von Keimen in Gefahr. Einerseits hinkt die Forschung nach Ersatzstoffen dem Tempo der wachsenden Bedrohung hinterher. Andererseits scheitern die Versuche, verbliebene Reserven der Humanmedizin zu erhalten, am Gewinnstreben der Industrie. Dabei werden seitens der Lobbyist*innen alle PR-Register gezogen, um strengere Regeln zu verhindern.

Im Sommer dieses Jahres ging es in einem Vorstoß einiger EU-Parlamentarier*innen darum, eine Handvoll Antibiotika-Stämme ausschließlich für die Humanmedizin vorzuhalten. Quasi als eiserne Reserve der Menschheit. Ergänzend dazu sollte eine Anwendung für Tiere in Einzelfällen möglich bleiben, um akute Krankheiten zu bekämpfen. Damit wären Haus- und Nutztiere in tierärztlicher Behandlung auf der sicheren Seite. Lediglich der präventive Einsatz dieser Reserve-Stämme in der Massentierhaltung würde zurückgefahren. Damit würde die Wahrscheinlichkeit, dass gefährliche Keime Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln, stark reduziert. Das wiederum wäre gut für das Gesundheitswesen, ist aber schlecht fürs Geschäft.

Fake or not Fake?

Der Umstand, dass die Auseinandersetzung offen mit fragwürdigen Argumenten geführt wurde, zeigt das enorme Gewinnpotenzial, das in einer Fleischproduktion in unwürdigen Verhältnissen steckt. Auch wenn versichert wird, es wäre nicht so: Beengte und unhygienische Massentierhaltung und Tiertransporte fördern Krankheiten. Der unmäßige Einsatz von Antibiotika gegen diese fördert Resistenzen. Und Antibiotika-unempfindliche Keime gelangen über die Nahrungskette auf den Teller der Menschen. Dadurch fordern sie Todesopfer. Wer jetzt aber meint, das alles wäre Grund genug, künftig mehr auf die Wirksamkeit von Medikamenten zu achten, irrt. So wurden von der Agrar- und Pharma-Lobby Tierärzt*innen mit dem Gerücht verunsichert, die Versorgung von Hund und Katz wäre dann nicht mehr gewährleistet. Diese Behauptung ist zwar Fake, hat aber dazu geführt, dass der Politik das Thema zu heiß wurde. Ergo wurde der erwähnte Antibiotika-Antrag abgeschmettert.

Die Diskussion um antibiotikaresistente Keime ist auch ein Stellvertreter-Kampf der konventionellen Landwirtschaft gegen Veränderungen. So sind im Frühjahr 2021 Umschichtungen von EU-Fördergeldern weg von Massen-Betrieben und hin zu nachhaltiger, biologischer Landwirtschaft am Veto der lobbytreuen Parteien gescheitert. Ebenso bleibt der Einsatz von Pestiziden inklusive Glyphosat in der Lebensmittelproduktion in Europa weitgehend erlaubt. Es scheint zwar nur eine Frage der Zeit zu sein, bis in der Landwirtschaft Ökologie und Ökonomie wieder zueinander finden. Je länger aber auf bedenklichen Produktionsmethoden beharrt wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Unbelehrbaren an neuen, ökologisch sensibleren Märkten nicht mehr teilhaben werden. Bis dahin drängt die Zeit, konkrete Regeln für eine nachhaltige Landwirtschaft festzulegen.

Vom Recht auf gesunde Lebensmittel

Das politische Nein zur Rückversicherung der Gesellschaft gegen negative Entwicklungen in der europäischen Lebensmittelindustrie stimmt nachdenklich. Besonders weil nicht nur im Kampf gegen antibiotikaresistente Keime den Konsument*innen mehr Rechte eingeräumt werden müssten als bisher. Auch gegen den Einsatz anderer potenziell giftiger Substanzen in der Landwirtschaft braucht es klarere Regeln. Ich fordere daher:

  • EU-weites Verbot für den Einsatz von Reserve-Antibiotika in der Massentierhaltung.
  • Intensivere Forschung nach neuen Antibiotika-Stämmen – auch in Österreich.
  • EU-weites Verbot von Pestiziden für den Einsatz in der Lebensmittelproduktion.
  • Umlenkung der EU-Agrarsubventionen auf Produktionsformate, die einen Einsatz von Pestiziden und Antibiotika nicht erfordern.
  • Ersatz von Umstellungskosten und Erlös-Einbußen – besonders für größere Betriebe, die vom Ausstieg aus der Massenproduktion wirtschaftlich stark betroffen sein werden.
  • Schutz der EU-Landwirtschaft vor Billigimporten aus Ländern ohne vergleichbare Umwelt- und Produktionsstandards (CO2-Importabgabe, Lieferkettengesetz).
  • Sicherung der Lebensmittelversorgung durch Regeln gegen Verschwendung und Leer-Produktion. Immerhin wird in Europa ein Drittel aller produzierten Lebensmittel weggeworfen.
  • Rasche Entwicklung von „Home-Kits“ für den Nachweis von antibiotikaresistenten Keimen, Pestiziden, Schwermetallen u.v.m. in privat gekauften Lebensmitteln.
  • Zivilrechtliche Möglichkeiten gegen unklare oder falsche Informationen zum Einsatz von Pestiziden, Antibiotika und anderen potenziell giftigen Substanzen.
  • Zwang zur Kennzeichnung von Produkten und Produkt-Bestandteilen aus Betrieben und Lieferketten, die Antibiotika in der Massentierhaltung und Pestizide im Anbau einsetzen.
Glauben Sie mir!

So radikal diese Forderungen klingen, es würde bei ihrer Umsetzung mit finanziell ansprechender Begleitung kein Produktionsbetrieb existenzielle Nachteile erleiden. Auch jene nicht, die sich aktuell am intensivsten von der Chemie- und Pharma-Lobby gegen schärfere EU-Regeln einspannen lassen. Lediglich die Menschen würden von sicheren und hochwertigen Lebensmitteln profitieren. Und das, wenn alles gut geht, zum vertretbaren Preis.

Salzburg, 09|2021 – Gerd

box) = Fakten-Kiste
Kleines Antibiotikum-1×1

Antibiotika helfen gegen Infektionen, die durch Bakterien hervorgerufen werden (NICHT gegen Viren wie Corona!). Dazu zählen Krankheiten wie Lungen- oder Blasenentzündungen, Borreliose, akute eitrige Entzündungen, Blutvergiftungen, Krankenhauskeime u.v.m. Eines der gängigsten Antibiotika ist Penicillin. Wie aus der aktuellen Diskussion rund um Corona bekannt, entwickeln auch Bakterien Resistenzen gegen Medikamente. Dabei umgehen die Erreger ihre Gegenmittel und können sich trotz Behandlung ungehindert weiter ausbreiten.

Für die Gewinnung von Antibiotika steht der Medizin nur eine begrenzte Anzahl von Stämmen zur Verfügung. Gegen einen Großteil dieser Stämme haben einzelne Bakterien bereits Resistenzen entwickelt. Resistenzen entstehen dann, wenn viele Bakterien die Chance erhalten, Abwehrstoffe gegen Antibiotika zu entwickeln. Das geschieht vor allem beim übermäßigen Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung. Dort werden nicht einzelne Tiere im Krankheitsfall mit Antibiotika behandelt, sondern vorsorglich alle Tiere regelmäßig mit Medikamenten „vollgepumpt“. Die dort entstehenden Super-Keime gelangen über das Fleisch direkt in die Nahrungskette des Menschen.

Die Wissenschaft weiß um dieses Problem und möchte ausgewählte Antibiotika-Stämme als Reserve zurückhalten, die nur für Menschen bzw. zur Einzelbehandlung von Tieren angewendet werden dürfen. Damit könnten Mutationen von Keimen stark reduziert werden. Ein entsprechender Antrag im europäischen Parlament wurde jedoch auf Betreiben der Agrarindustrie abgelehnt.

Antibiotika-Infos: https://www.infektionsschutz.de/infektionskrankheiten/behandlungsmoeglichkeiten/antibiotika.html »

Anwenden und Resistenzen vermeiden: https://www.gesundheitsinformation.de/antibiotika-richtig-anwenden-und-resistenzen-vermeiden.html »

UNBEHAGEN | 07 2020: https://unbehagen.at/010-das-antibiotika-dilemma/ »

Hinweise

Home-Kits = gemeint sind zu Hause einsetzbare Tests zum Nachweis von diversen Substanzen, z.B. in Geflügelfleisch, Feldgemüse oder verarbeiteten Lebensmitteln.

Keime vs. Viren = Antibiotika helfen NICHT gegen das Corona-Virus, wohl aber gegen Infektionen, die durch Keime/Bakterien hervorgerufen werden.

Resistenz = Widerstandsfähigkeit (von Keimen gegen Medikamente)

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