Klimabilanz

Content-ID: 047|01 | Autor: Gerd | Stand: 22.4.2021

Klima-Bilanzverluste

Wann reagieren, wenn nicht sofort?

box = nähere Details finden Sie in der Fakten-Kiste am Ende dieses Beitrags.

Gegen Ende des ersten Quartals eines Jahres ist es immer so weit. Dann haben Umweltorganisationen und Forschungseinrichtungen das Datenmaterial des Vorjahres so aufgearbeitet, dass sie Bilanz ziehen können. Aktuell liegen der Klimastatusbericht, der österreichische Gletscherbericht und der aktuelle Rechnungshofbericht 2019 zur Klimapolitik vorbox. Besonders zum Klimaschutz wurden die Beobachtungen aus 2020 mit gesteigerter Spannung erwartet. Immerhin konnten wir durch die Corona-Lockdowns weltweit Hinweise darauf sammeln, wie stark die Einflüsse des Menschen auf die Umwelt tatsächlich sind. Zusammengefasst gibt es drei Erkenntnisse aus dem Jahr 2020, auf die wir künftig aufbauen können: Die Forschung hatte immer recht, wir sind nur kleine Schritte weiter und was zurzeit am Laufen ist, wird der gestellten Aufgabe nicht gerecht. Und wir spüren, dass jede Maßnahme, die uns trotzdem ans Ziel bringen könnte, mit jeder vergeudeten Gelegenheit radikaler ausfallen wird. Fakt ist, dass wieder einmal jetzt der beste Zeitpunkt ist, die Herausforderung „Klimawandel“ anzunehmen.

Die Fakten zum Jahr 2020 relativieren auf jeden Fall das geschäftige Getue der Politik um „CO2-Reduktion“, „Green Deals“ und „Öko-Comebacks“. Vor allem deshalb, weil sie deutlich machen, dass selbst den schönsten Plänen tiefgreifende Veränderungen folgen müssen, sonst wird das nix. Ich stelle dazu gar nicht in Abrede, dass nicht versucht würde, Veränderungen herbeizuführen. Auch nicht, dass schon wichtige Schritte gesetzt sind, zumindest längst in diversen Konzepten stehen. Letztendlich hat sich die Aufgabe, die Erwärmung der Erde zwischen 1850 und 2100 auf 1,5 Grad zu begrenzen, nicht verändert. Genau das gilt es zu lösen, nicht 3 oder 4 Grad oder gar nur „was leicht geht“. Deshalb bleibt auch dieses Mal wieder nur, die Lehren aus einem ungenutzten Jahr zu ziehen und mutig für die Zukunft zu planen.

Erkenntnis 1: Die Forschung hatte schon immer recht.

Wie jedes Jahr, zeigen die Bestandaufnahmen zum Zustand unserer Erde, dass die Vorhersagen der Wissenschaft richtig sind. Seit gut 30 Jahren werden Entwicklungen vorausgesagt, die, wo immer es ging, angezweifelt wurden, jedoch stets eingetroffen sind. So unbestechlich, wie ein Schweizer Uhrwerk. Egal ob Unwetter, Gletscherschmelze oder Auswirkungen auf die Flora und Fauna dieser Welt: Die Klimakrise ist wie eine Zeitbombe, von deren Wirkung wir seit Langem wissen. Durch Corona sehen wir jetzt klarer, dass der Mensch die brennende Lunte in der Hand hält und nicht wirklich versucht, sie zu löschen.

Erkenntnis 2: Wir sind nur kleine Schritte weiter.

Es ist eigentlich keine Überraschung, aber bedrückend ist es doch. Nach den ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 haben Luftgüte-Messungen und Satellitenbilder gezeigt, wie stark der Mensch auf seine Umwelt Einfluss nimmt. Ein paar Tage kein Industrie-Feuer und die Welt von oben sieht ganz anders aus, nämlich sauberer. Nur wirkt das nicht nachhaltig. So wird bereits emittiertes CO2 erst nach rund 10 Jahren klimaaktiv und verbleibt dann bis zu 100 Jahre in der Atmosphäre. Das heißt, die klimarelevante CO2-Konzentration wird in rund 10 Jahren wegen Corona für gerade einmal 2-3 Monate nicht weiter ansteigen. Die langfristige Klimakatastrophe baut sich hingegen unbehindert weiter auf.

Erkenntnis 3:  Die Planungen reichen (noch) nicht aus, um den Klimawandel zu bremsen.

Ein AHA-Effekt ist noch keine Bewusstseinsänderung. Obwohl wir jetzt ganz, ganz sicher wissen, wie die nächsten Jahrzehnte ablaufen werden, tun wir nur, als ob. Große Gesten und wohlklingende Worte sind alles, was zurzeit die Medien beherrschen. Im Hintergrund wird weiter eifrig „relativiert“ und darauf gewartet, dass eine unerwartete Wendung doch noch die Rettung bringt. Dabei vergessen wir, dass z.B. die Digitalisierung nicht nur Teil der Lösung, sondern auch Teil des Problems sein wird. Natürlich ist es wichtig, die schon heute bekannten Klima-Risiken in den Griff zu bekommen. Es geht aber auch darum, neue Gefahren zu vermeiden. Dazu müsste man aber die Erkenntnisse der Klimaforschung mit den langfristigen Plänen für die Digitalisierung, Technik, Wirtschaft oder die gesellschaftliche Entwicklung kreuzen. Dann würde auffallen, dass wenn selbst alle CO2-Emissionen aus heutiger Technik entfallen, die Menschheit trotzdem Treibhausgase produzieren wird. Und zwar mehr, als für uns gut ist.

Klima-Bilanz-Analyse

Nicht berauschend, aber auch noch nicht ganz hoffnungslos. Aktuell bieten einige Studien einen Blick auf den Zustand der Welt und hinter die Kulissen der Machtzentralen der Klimapolitik.  

Rechnungshofbericht 2019 zur Klimapolitik

Darin haben sich die RH-Expert*innen die Klimapolitik der Jahre 2015 bis 2019 genauer angesehen und ein harsches Urteil gefälltbox. Die grundlegende Erkenntnis ist, dass aus heutiger Sicht die (ohnehin bescheidenen) Klimaziele, die aktuell für Österreich gelten, nicht erreicht werden. Daraus erwachsen nicht nur jene Kosten, die wir als Gesellschaft zur Finanzierung von Klimaschäden ohnehin in Kauf nehmen. Es stehen bis 2030 zusätzlich Strafzahlungen in Milliarden-Höhe ins Haus. Gegengerechnet hätte man dieses Geld auch in Klimaschutz investieren können und bekäme bedeutend mehr dafür als nur Schwierigkeiten.

Gletscherbericht 2019/20

Die Gletscher-Expert*innen des Alpenvereins haben auch 2020 wieder 92 Gletscher vermessenbox. Dieses Mal wurde bei 85 Eisfeldern ein Rückzug der Eismassen um durchschnittlich 15 Meter (Länge) festgestellt. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit weiter, dass in den (Ost-)Alpen in der 2. Hälfte dieses Jahrhunderts nur mehr vereinzelte Eisreste zurückbleiben. Dabei geht es jedoch um mehr als nur um den Eintausch einer Naturschönheit gegen Wachstum. Verschwinden die Gletscher, verschwinden auch die Trink- und Brauchwasserreserven für die kommenden Dürre-Sommer. Aber auch die Berge bröckeln ab und gefährden Lebensräume und die lokale Erwärmung über dem Fels steigt und fördert Extremwetterlagen.

Klimastatusbericht 2020box

Das Jahr 2020 war in Österreich das fünftwärmste der Messgeschichte. Das wäre nicht so schlimm, wäre es eines der fallweisen Extremjahre, die über die Jahrhunderte verteilt stattfinden. Da jedoch 15 der 16 wärmsten Jahre der Messgeschichte in den Zeitraum seit 2000 fallen und auch 2018 und 2019 zu den Top 5 gehören, bedeutet die aktuelle Erkenntnis nichts Gutes. Fakt ist, dass wir seit einigen Jahren erleben, wovor seit 30 Jahren die Vordenker*innen unserer Zeit gewarnt hatten. So hat es auch 2020 eine Reihe von Wetterphänomenen gegeben, die enorme Kosten verursacht und unser Leben bzw. unsere Gesundheit belastet haben.

Politik-Bashing ist auch nicht die Lösung

Zumindest muss man den aktuell Polit-Verantwortlichen zugestehen, dass sie ein düsteres Erbe früherer Generationen aufarbeiten müssen. Da laut Forschung jene Effekte, die unser Leben in Zukunft massiv beeinträchtigen werden, schon Wirklichkeit werden, ist Eile geboten. Hätten die Entscheider*innen der Vergangenheit die Klimapolitik konsequent Schritt für Schritt vorangetrieben, wären die heute notwendigen Maßnahmen überschaubar. So aber bleibt den im Amt befindlichen Regierungen der ganze Problemballast auf einmal zu lösen. Das macht nicht nur die Aufgabe riesig und erzeugt Frust und Widerstand. Es überfordert auch viele Amtsträger*innen. Reicht das Repertoire in den Nationalstaaten oder auf EU-Ebene meist nur für rückwärtsgewandte Klientelpolitik, bräuchte es visionäre, innovative und konsequente Programme, um weiterzukommen. Daher führt der erste Schritt weg vom Ankündigen und hin zum Tun. Übrigens auch in Österreich!

Salzburg, 04|2021 – Gerd

PS | NACHTRAG: Einen guten Überblick über den Stand der Entwicklungen zum Klimawandel bietet der Climate-Action-Tracker. Das ist eine unabhängige wissenschaftsbasierte Analyseplattform zum Klimawandel. Im aktuellen Beitrag wird zwar ein ernüchterndes Bild über die bisherigen Fortschritte im Kampf gegen den Klimawandel gezeichnet. Durch die weltweit verschärften Vorgaben zur Reduktion von Treibhausgasen, scheint das Klimaziel von Paris (+1,5 Grad bis 2100) jedoch wieder in Schlagdistanz zu geraten.

Climate Action Tracker Presseaussendung »

Climate Action Tracker Analyse-Bericht »

box) = Fakten-Kiste

Details zu den im Beitrag erwähnten Studien und Bilanzen finden Sie hier:

 

Klimastatusbericht 2020:

Climate Change Centre Austria – CCCA | Universität für Bodenkultur Wien – BOKU | Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik – ZAMG

https://www.klimafonds.gv.at/wp-content/uploads/sites/16/print_Klimastatusbericht-Oesterreich_20210407.pdf

 

Bericht des Rechnungshofes zum Klimaschutz in Österreich:

Maßnahmen und Zielerreichung 2020 | Klimaschutz wird in Österreich nicht zentral koordiniert | Kompensationszahlungen von bis zu 9,214 Milliarden Euro drohen.

https://www.rechnungshof.gv.at/rh/home/home/Bund_2021_16_Klimaschutz_in_Oesterreich.pdf

 

Gletscherbericht 2021:

Sammelbericht über die Gletschermessungen des Österreichischen Alpenvereins im Jahr 2020.

https://www.alpenverein.at/portal_wAssets/docs/service/presse/2021/gletscherbericht/Alpenverein_Bergauf-2-21_Gletscherbericht.pdf

 

Hinweise

[Persönliche Meinung] Die Ergebnisse der neuesten Klima-Analysen und die aktuellen Vorhersagen für die Zeit nach Corona lassen befürchten, dass mit Wiedererstarken der Wirtschaft auch der Klimawandel wieder an Tempo gewinnen wird. Dagegen gilt es, rechtzeitig etwas zu tun. Jedoch nur darauf zu vertrauen, dass die während der Pandemie verschärften Zielsetzungen für den CO2-Ausstieg ausreichen werden, um weltweit die gewünschten Effekte zu erzielen, wäre sehr riskant. Zwar steckt im Wiederaufbau selbst eine Chance, endlich die Trendwende zu schaffen. Dazu aber müssten die Regierungen auf eine radikale Ökologisierung und nicht nur auf die Rückkehr zu alten Mustern setzen.

Link-Tipps

Nachtrag | ORF.at – 2020 war das wärmste Jahr in Europa seit Messbeginn: https://science.orf.at/stories/3206109 »

Nachtrag | Die Presse.at (nur mit Abo) – Die Klimabilanz seit Paris ist verheerend: https://www.diepresse.com/5969275/klimaforscher-latif-die-bilanz-seit-paris-ist-verheerend »

ORF.at zum Klimastatusbericht: https://science.orf.at/stories/3205908 »

Gletscherbericht 2021: https://fm4.orf.at/stories/3013626/ »

Der Standard.at: https://www.derstandard.at/story/2000125872772/rechnungshof-warnt-vor-milliarden-kosten-wegen-verfehlter-klimaziele  »

Presseaussendung Rechnungshof: https://www.rechnungshof.gv.at/rh/home/news/Klimaschutz_wird_in_Oesterreich_nicht_zentral_koordiniert.html »

ORF.at – 2020 = 3.-wärmstes Jahr: https://science.orf.at/stories/3206049/ »

OE3.ORF.at – Corona und der Klimawandel: https://oe3.orf.at/stories/3012944/ »

Wienerzeitung.at: https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wissen/klima/2097842-Trotz-Pandemie-CO2-Konzentration-auf-Rekordhoch.html »

ORF.at – IEA rechnet mit CO2-Anstieg: https://www.orf.at/stories/3209886/  »

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