Nachkriegsordnung

Content-ID: 088|01 | Autor: Gerd | Stand: 7.4.2022

Nachkriegsordnung

Von der Demontage der Weltordnung

Vor einigen Minuten bin ich schweißgebadet aufgewacht. Es ist noch dunkel draußen. Zu früh zum Aufstehen und doch ist an Einschlafen nicht mehr zu denken. Ein Albtraum zum Ukraine-Krieg hat mich die letzten Stunden verfolgt. Gottlob ging es nicht um die schrecklichen Bilder des Butscha-Massakers durch die russische Armee. Auch nicht um die kriegerischen Grausigkeiten, die in den kommenden Monaten noch auf die Ukraine und die Weltgemeinschaft zukommen werden. Es ging um die Zeit danach. Um düstere Vorahnungen einer Nachkriegsordnung, die unsere Welt radikal verändern wird. Zumindest dann, wenn sich das bewahrheitet, was sich seit Jahren andeutet und wonach es aktuell auch aussieht. Vor allem aber zeichnet sich ab, dass ein Teil der Weltmächte ihre wohl letzte Chance nutzen könnte, das globale Steuer herumzureißen. Das wiederum kann einem bzw. einer schon den Angstschweiß auf die Stirn treiben.

Ein Rückblick auf die letzten Jahre, legt den Schluss nahe, dass sich Russland, China & Co schon länger Gedanken darüber machen, wie die Welt nach Corona und dem UkraineKrieg aussehen soll. Kernpunkte einer neuen Weltordnung scheinen eine Abkehr von demokratischen Strukturen und ein Hin zur skrupellosen Politik der Stärke und Macht zu sein. Wenn daher Europa ankündigt, der Weltgemeinschaft im Kampf um Menschenrechte und gegen den Klimawandel „werteorientiert“ voranzugehen, schrillen im fernen Osten die Alarmglocken. Übrigens auch in den USA: Dort betreiben Donald Trump, Peter Thiel & Co längst einen Machtwechsel von der Politik zum Kapital. Moral, Fairness und Solidarität sind dabei die natürlichen Feinde des Neoliberalismus. Wir Europäer*innen sind hingegen selbstbewusst und reich genug, uns moralisch und zivilisatorisch an ganz oben zu orientieren. Jetzt aber zu glauben, den Rest der Welt missionieren zu müssen, scheint sich als Trugschluss zu erweisen. Den wahren Supermächten und den ärmeren Ländern dieser Erde scheint Europas Kreuzzug für das Gute eher lästig, denn Priorität zu sein.

Wie aber wollen jene Mächte, die mit unserer Wertewelt wenig anfangen können, aus dem Prozess globaler Willensbildung entkommen? Aktuell scheint sich ein spezieller Trend bei Supermächten und Großkonzernen durchzusetzen: Nur mehr kurzfristige, bilaterale Deals aushandeln und in keine langfristigen Abhängigkeiten geraten. Schon gar nicht mit Partner*innen, die harte Bedingungen diktieren wollen. Historisch gesehen, hat sich die Weltgemeinschaft hingegen langfristig, demokratisch und integrativ organisiert. Zentrale Einrichtungen bestimmen die Spielregeln an allen Ecken und Enden dieser Erde. Allen voran die UNO, ein freiwilliger Zusammenschluss der Staaten dieser Welt, mit dem Ziel, den Frieden auf Erden zu sichern. Dazu kommen Organisationen für den Welthandel, die Gesundheit, die Flüchtlings- und Kinderhilfe, wirtschaftliche Zusammenarbeit und vieles, vieles mehr. Zudem sind Währungen und Märkte derart miteinander verzahnt, dass die wichtigsten Parameter der Wirtschaft nur mehr global entstehen. Es geht dabei um Lieferketten, Weltmarktpreise, Fördermengen, Rohstoffe, Börsenwerte, Investitionen u.v.m. Internationale politische Teilhabe ist längst eine Frage der Kompromissbereitschaft und des Rückstellens eigener Stärken und Interessen geworden. Es gibt jedoch Länder, denen schmeckt das ganz und gar nicht (mehr).

Was also, wenn sich einige Nationen und Bündnisse einen Teil der Welt zu ihren Bedingungen sichern möchten? Könnten dann die internationalen Reaktionen auf die Gräueltaten in der Ukraine Präsident Putin dazu veranlassen, die Weltordnung aufzukündigen? So wenig Platz diese Denkweise in unseren westlichen Vorstellungen hat, dem Diktator im Kreml wäre sogar das zuzutrauen. Nämlich dann, wenn sich eine Allianz, die für die nötige Mindestgröße einer eigenen, autonomen Einflusswelt nötig ist, bereits gebildet hat. Lassen Sie uns doch einige hypothetische Schritte zur Spaltung der Welt aus der Sicht Russlands, Chinas und anderer einflussreicher Nationen durchexerzieren:

  • Austritt aus der UNO und Gründung eines eigenen Bündnisses mit eigenen Standards. Gleiches gilt für Institutionen betreffend Welthandel, Gesundheit Damit wird die UNO zum Weststaatenklub mit eingeschränktem Sanktionsmandat.
  • Entflechtung der Wirtschafts-, Finanz- und Börsenräume mit dem Ziel, Alternativen zu Weltmarktpreisen und globalen Lieferhürden zu schaffen. Dann gäbe es z.B. Westmarkt- und Ostmarktpreise und die Möglichkeit, Waren aus dem Osten an den Westen zu Westpreisen zu liefern, während für Oststaaten Ostpreise gelten.
  • Das Prozedere würde sich auch im Sport anbieten, wo Weltverbände in West- und Ost-Verbände getrennt würden. Dann gäbe es West- und Ostrekorde, -meisterschaften und -ranglisten. Wir hätten aber auch separate Kulturräume, Internet, Wissenschaft und technische Standards.
  • Die Hauptverursacher von Treibhausgasen würden das Klimaabkommen und andere Umwelt-Deals kündigen und der globale Ausstieg aus fossiler Technik wäre vom Tisch.Werteorientierter Welthandel wäre etwas für Träumer*innen und die atomare Aufrüstung der Bündnisse ginge ins Unendliche.

Die großen Machblöcke der Welt scheinen auf dieses Szenario längst vorbereitet zu sein. Lediglich wir Europäer*innen würden dann, statt entschlossen zu handeln, immer noch reden und reden und reden. So wie es scheint, ist uns entgangen, dass zwei Drittel der Welt nicht so ticken wie wir. Für diese Länder, zumindest deren Führungen, sind unsere Ziele und Visionen nicht maßgeblich. Sie schwören auf die Macht der Stärke und die Unterwerfung der Schwachen. Und dagegen wirken schöne Worte so wenig, wie Brunnenkresse gegen Panzer.

An dieser Stelle bin ich aufgewacht, glücklich dass die Welt vom geträumten Zustand noch ein Stückchen entfernt ist. Mit im Bett lag aber auch bleischwer die Erkenntnis, dass die Nachkriegsordnung nach russischer Version keine ist, in der wir Europäer*innen leben wollen. Also tun wir endlich etwas dagegen! 

Salzburg, 4|2022 – Gerd

Hinweise

Butscha-Massaker = Morde an ukrainischen Zivilist*innen durch abziehende russische Truppen aus dem Kiewer Vorort Butscha (3/2022).

Peter Thiel = amerikanischer Investor mit der Vision, Demokratien durch die Herrschaft von Unternehmer*innen zu ersetzen.

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