Pflege Not Ruf

Content-ID: 081|01 | Autor: Gerd | Stand: 13.1.2022

Pflege in Not

Aus einer wahren Geschichte

Kürzlich hat einer meiner Ausritte mit dem Fahrrad recht abrupt geendet: Notbremsung – Abflug – Rettung – Krankenhaus – mächtig Autsch, aber sonst okay! Bei einer der fälligen Nachuntersuchungen wurde ich dann Zeuge einer Unterhaltung unter Krankenpfleger*innen. Es ging um das Image ihres Berufes in der Öffentlichkeit, außerhalb von Corona und Intensivstationen. Darum, was junge Menschen allgemein mit einem Pflegeberuf assoziieren und was im „Schwesternraum (sic!)“ davon für Fassungslosigkeit sorgt. Für die Mehrheit im Lande bedeutet Pflege immer noch „Hintern-Putzen“, „Füttern“, „Handerlhalten“ oder „Wagerlschieben“. Geht es nach ihnen, sollten bitte karrierescheue Empathie-Junkies diese Jobs erledigen. Im Softie-Pflege-Narrativ wird die knallharte Realität dieses Berufes schlichtweg totgeschwiegen. Kein Hinweis auf die extreme Verantwortung, die Pfleger*innen – in welchem Fachbereich auch immer – übernehmen. Kein Anerkennen der hohen Expertise, die es braucht, um Menschen in körperlich, geistig und seelisch prekären Situationen zu begleiten. Und kein Gespür dafür, dass Pflege nicht nur ein äußerst fordernder Beruf ist, sondern auch starke Identifikation braucht.

Jetzt bin ich selbst nicht gerade ein Pflege-Wissender. Abgesehen von Bekannten, die in den verschiedensten Bereichen der persönlichen Assistenz tätig sind, beschränken sich meine diesbezüglichen Erfahrungen auf diverse Abflüge mit dem Bike. In einem kurzen Rundruf bei Insider*innen des Pflege-Berufes und Personen mit privater Pflegeerfahrung wurde jedoch der oben geschilderte Eindruck bestätigt – leider. Sehr oft stehen Rettungskräfte oder studierte Mediziner*innen, die an vorderster Front kämpfen, im Rampenlicht. Die Pflege wird hingegen eher mit der Nachsorge der Heldentaten anderer in Verbindung gebracht. Da passiert es schon einmal, dass hochwertige Pflege mit einer freundlichen Serviceleistung des Hauses verwechselt wird. Dabei ist in der medizinischen Pflege, bei der Betreuung von Senior*innen, der Begleitung von beeinträchtigten Personen und bei vielen weiteren Assistenzleistungen Professionalität oberste Prämisse. Nur nimmt das die Öffentlichkeit nicht immer wahr. Jetzt, durch Corona sichtbar gemacht, gelangen Arbeitsbedingungen, Anforderungen und erbrachte Leistungen in der Pflege vermehrt an die Öffentlichkeit. Fast zu spät, denn der Wurm sitzt schon länger tief im System.

Der schnelle Überblick

Einige Zahlen, um Ihre Fantasie anzuregen. In Österreich leben knapp 9 Mio. Menschen. Etwa 10 % davon sind über 75 Jahre alt und in steigendem Maße von der Hilfe anderer abhängig. Dazu kommt, dass rund 1,3 Mio. Bewohner*innen mit einer Behinderung mit mehr oder weniger Assistenzbedarf kämpfen, Tendenz steigend. Rund 900.000 Privat-Personen sind in die Pflege von Angehörigen (meist älteren Personen) involviert. Für gut 150.000 Personen wird aktuell eine mobile Pflegeunterstützung in Anspruch genommen, knapp 100.000 sind in Pflegeeinrichtungen untergebracht. Dazu kommen noch rund 2,5 Mio. Spitalsaufenthalte pro Jahr mit einer Summe von rund 15 Mio. Krankenhaustagen im (teil-)stationären bzw. spitalsambulanten Bereich. Nimmt man noch die persönliche Begleitung für mehrfach beeinträchtigte Personen, Patient*innen im Hospiz- und Palliativ-Wesen oder in der Rehabilitation dazu, ergibt sich eine ganze Menge an Personal-Bedarf, den es zu decken gilt. Dabei sprechen wir von ausgewiesenen Fachkräften, die nicht nur in Corona-Zeiten permanent an ihren Leistungsgrenzen arbeiten müssen und auch wollen. Die aber sind immer weniger verfügbar. Sowohl dafür, um das das veraltete Gesundheitssystem zu tragen, als auch, um den Umstieg auf eine optimierte Pflegestrategie zu stemmen.

Kein Wunder also, dass von einem künftigen dramatischen Mangel an Pflegekräften, ja sogar von einem Pflegenotstand, gesprochen wird. So müssten bis 2030 rund 76.000 Personen zusätzlich bzw. ersatzweise für den Pflegeberuf begeistert und ausgebildet werden. Da hilft nur eine Reform des gesamten Pflegewesens, wie sie in der österreichischen Politik ganz oben auf der Agenda steht. Zumindest stehen sollte, denn wirklich weiter gegangen ist in den letzten Jahren eher wenig. Es liegt mir fern, mich in die laufenden Fachberatungen der Pflege-Professionist*innen und der Bundesregierung bzw. der Länder einzumischen. Ich gebe ihnen lediglich den Wunsch mit auf die Reise, für eine gerechte Entlohnung, stabile Strukturen, Lebensplan-konforme Karrierepfade, eine nennenswerte Work-Live-Balance und moderne Arbeitsbedingungen zu sorgen. Am Anfang aber sollte eine grundlegende Korrektur des Berufsbildes der Pflege in der Öffentlichkeit stehen. Und die beginnt nun einmal in den Köpfen der Leute allgemein und speziell in jenen der kommenden Pflegegenerationen.

Ideenbörse

Wie kommt man tatsächlich auf den Job-Wunsch-Zettel der Zielgruppe für eine künftige Pflege-Karriere? Über Offenheit, Erlebbarkeit, Vertrauen, Planbarkeit und Begeisterung inklusive Spannung. Das ist nicht einfach, aber ich hätte dazu ein paar Ideen.

  • Geben Sie der Pflege ein oder mehrere Gesichter. Schaffen Sie ein TV-Format, in dem aktuelle Themen und spannende Geschichten aus dem Pflege-Beruf verarbeitet werden. Sachlich, aber spannend! Keine Doku-Soaps, keine Ombuds-Sendungen, kein Partei-Sprech. Junge Leute mit Reportagen einmal pro Woche, eine halbe Stunde lang im Abendprogramm.
  • Schaffen Sie Social-MediaFormate mit Tiefgang. Keine Influencer*innen-Werbeattacken, sondern Erklär-Plattformen mit AHA-Effekten á la Mai Thi Nguyen. Nutzen Sie dafür alle relevanten Kanäle mit Videos, Blogs oder Podcasts, inklusive Info-Schnittstelle und Kontakt.
  • Verwenden Sie die Medienbudgets der Ministerien nicht für Eigenwerbung, sondern für eine langfristige PR-Kampagne zu Pflege-Themen in allen relevanten Tageszeitungen. Es geht auch dort um positive Storys und gegen die landläufigen Klischees zum Pflegeberuf.
  • Schaffen Sie örtliche Präsenz des Themas in Form von Büros für Pflegekoordination in allen Bezirken. Analog den Strukturen des AMS sollten diese Einrichtungen die Pflegethemen einer ganzen Region koordinieren. Vom Fachkräftemangel über ein kollektives Bedarfsmanagement, Akut-Fälle und die private Pflege bis hin zu Aus- und Weiterbildung, Pflege-Information und Pflege-PR. Das wäre eine einzige Adresse für Arbeitgeber*innen und nehmer*innen, Dienstleister*innen, Private, Interessent*innen, Schulen, Akademien, Institutionen etc. Ein „OneStopShop“ für alle Blickwinkel und Bedarfslagen.

Das alles ist mir durch den Kopf gegangen, als ich mit schmerzendem Kreuz und aufgeschundenen Knien im Schwesternzimmer saß und wartete. Leider aber habe ich es nicht gesagt, als ich mich ins Gespräch der Pfleger*innen eingemischt hatte. Von Anerkennung habe ich geschwurbelt. Und von Dankbarkeit. Nicht aber davon, dass ich sie mit der Ärzteschaft und anderen studierten Berufen auf Augenhöhe sehe. Dass sie, ob ihrer Expertise und ihrer Leistung, meinen Respekt, mein volles Vertrauen und hoffentlich angemessenen Lohn und Lob verdienen. Und dass Sie sich bitte nicht von einer ignoranten Stimmung in der Bevölkerung kirre machen lassen sollen. Klar gehört das geändert. Sie aber, bitte arbeiten Sie weiter so, wie bisher.

 

Salzburg, 1|2022 – Gerd

Hinweise

Sic! = lat. „so lautet die Quelle“ = Hinweis darauf, dass eine Auffälligkeit in einem wörtlichen Zitat eine Eigenheit der Quelle selbst ist und kein Versehen der/des Zitierenden

Empathie = die positive Bereitschaft und Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen

Narrativ = sinnstiftende Erzählung

Mai Thi Nguyen = junge deutsche Wissenschaftlerin und „Erklär-Ikone“ im Internet und TV

OneStopShop = englisch für eine Adresse für alle Angelegenheiten

Kirre = ugs. für nervös, kribbelig, beunruhigt

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