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Content-ID: 090|01 | Autor: Gerd | Stand: 21.4.2022

Putin erklären

Die neue Art des Zögerns

Es ist Tag 57 nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine. Seitdem dominiert der Name Putin die Medien. Er gilt als Inbegriff des Bösen: brutal, skrupellos, machtbesessen und verlogen bis ins Dorthinaus – zu Recht! Im Stunden-Takt geben anerkannte und selbst ernannte Expert*innen Einschätzungen, Diagnosen und Hintergründe zur Person Putin an die Medien weiter. Nicht, dass viel Neues dabei wäre, was nicht schon seit Tschetschenien, Syrien, Nawalny, Nowitschok, Krim & Co öffentlich bekannt wäre. Es ermöglicht jedoch den politischen Entscheider*innen in Ost und West, ihre unorthodoxe Vorgehensweise im Ukraine-Konflikt zu rechtfertigen. Solange Putin als psychisch angeschlagen gilt, wird immer noch eine zivilisierte Lösung des Konfliktes für möglich gehalten. Das hält die ur-nationalen Interessen der Länder auf den Zuschauerrängen der Geschichte am Leben. Dabei jedoch vergeht Zeit. Lebenswichtige Zeit, in der Wladimir Putin in der Ukraine gnadenlos Fakten schafft. Tatsachen, die die westliche Wertewelt schlichtweg überfordern und damit dem sinnlosen Töten unschuldiger Menschen weiter Vorschub leisten.

Das was uns aktuell an Putin-Diagnosen aufgetischt wird, scheint wahr zu sein. Nur ist es auch längst an der Zeit, angesichts dieser Erkenntnisse wirkungsvollere Maßnahmen in der Auseinandersetzung zu setzen als bisher. Allen voran die NATO. Für sie steht jedoch nicht die Ukraine selbst, sondern die neue Nähe Russlands zum „Bündnis-Gebiet“, im Zentrum des Interesses. Dann die EU-Länder, die nicht aus der Abhängigkeit von russischer Energie herausfinden können bzw. wollen. Sie sind die Zaungäste des Krieges und meiden jegliche direkte Konfrontation. Sie achten darauf, dass die Ukraine möglichst lange wehrhaft bleibt – mehr nicht. Das soll Putin mürbe machen und die eigene Verhandlungsposition für die Zeit danach stärken. Die Rettung der Ukraine als Staat scheint für diese Mächte zwar wünschenswert, stand aber angesichts der Schlagkraft Russlands nie ganz oben auf ihrer Liste. Die Ukraine, zumindest die Regierung, sieht die Rettung der Nation als oberste Prämisse ihres Handelns. Logisch – immerhin ist das Land auch Heimat von und Identität für 44 Millionen Menschen, die frei und in Frieden leben wollen. Dass daher der Präsident pausenlos durch die Parlamente dieser Welt tingelt und um Unterstützung bittet, ist ein kluger Schachzug. Nur reicht die gewährte Hilfe nicht zu mehr, als den Krieg zu verlängern. Zu wenig scheren Putin die Sanktionen gegen sein Land. Und zu wenig versetzen frische Waffen die Ukraine in die Lage, auf dem Schlachtfeld zu gewinnen.

Wenn also der Blitz-Überfall auf die Ukraine zu einem jahrelangen Kriegsdrama mit unzähligen Opfern mutiert, hat die westliche Welt ihr Potenzial nicht ausgeschöpft. Angesichts der globalen Wirtschaftslage und des geopolitischen Säbelrasselns wäre eine rasche Lösung des Konflikts durchaus eine Wohltat. Mehr noch aber gilt es, weiteres menschliches Leid und Tod zu vermeiden. Es stimmt schon: Es ist ausschließlich Wladimir Putins Verantwortung, wenn unzählige Zivilist*innen vertrieben, misshandelt und ermordet werden. Darüber müssen und sollen künftig internationale Gerichte mit aller Härte entscheiden. Es ist jedoch kein Zeichen der Schwäche, in der Situation das Böse auch als das anzuerkennen und im Sinne der Menschen darauf zu reagieren. Ein möglichst langer Krieg ist dabei nicht die einzige Option. Im Gegenteil: Es wird in Zukunft auch gefragt werden, warum die Massaker von Mariupol, Butscha & Co nicht verhindert wurden. Dafür hätte es entweder ein entschlosseneres Vorgehen der Weltgemeinschaft gebraucht. Oder die Ukraine wirft das Handtuch. Was daran heute noch zynisch und radikal klingt (und das tut es!), wird irgendwann der Erkenntnis weichen, dass viele ermordete Verwandte und Freunde noch leben könnten. Ich glaube sogar, den Angehörigen wäre es dann egal, ob auf ukrainischem oder auf von Russland annektiertem Gebiet. Wenn sich doch nur rechtzeitig jemand getraut hätte, eine schwierige Entscheidung zu treffen.

Liebe NATO, liebe EU!

Bitte hört endlich auf, euch in Ferndiagnosen zu Putins Geisteszustand zu verlieren und schafft endlich selbst Fakten. Entweder ihr beendet diesen Krieg aktiv. Oder ihr gebt die Ukraine, als Kollateralschaden eurer eigenen Interessen, dem Untergang preis. Es geht nämlich nicht nur um die Ukraine als Nation. Aktuell und die kommende Zeit geht es auch um abertausende Menschenleben. Und die zu retten ist auch eine Aufgabe!

Salzburg, 4|2022 – Gerd

Hinweise

[Persönliche Meinung] Selbstverständlich verurteile auch ich den Angriff Russlands auf die Ukraine auf das Schärfste. Ich fordere dazu auf, die begangenen Gräueltaten und Verletzungen des Menschen- und Völkerrechtes zu untersuchen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Zudem muss eine allfällige Nachkriegsordnung ein neues Verhältnis zu einem neuen Russland zum Ziel haben. Insbesondere geht es um Wiedergutmachung und die Absicherung der freien Welt vor weiteren Kriegsgefahren. Betreffend die Ukraine fordere ich jedoch eine rasche Lösung unter Führung der freien Welt. Jede Verzögerung verkompliziert die Lage und fordert das Leben unschuldiger Menschen. Ich sehe die aktuelle Situation in der Ukraine ähnlich wie einen medizinischen Notfall auf der Intensivstation. Sollte sich die Staatengemeinschaft nicht dazu durchringen können, JETZT alle nötigen Maßnahmen zur Rettung der Ukraine zu setzen, wird eine Abschaltung der lebenserhaltenden Systeme zur Option. Leider, aber jedes Zaudern bringt mehr Leid und Zerstörung!

Nawalny = Alexei, russischer Systemkritiker und aktuell (nach einem überlebten Giftanschlag) in Russland in Haft

Nowitschok = starkes Nerven-Kampfgift, u.a. von Russland gegen Nawalny oder den Ex-Agenten Skripal eingesetzt

Unorthodox = ungewöhnliche, eigenwillige

Annektiert = besetzt, sich gewaltsam angeeignet

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