More Power

Content-ID: 066|01 | Autor: Gerd | Stand: 16.9.2021

Selbst ist Österreich

Der Traum von Unabhängigkeit

Was tun, wenn Krisen wie Corona oder der Klimawandel die Grundversorgung Österreichs in Gefahr bringen? Sich dann, unabhängig von globalen Märkten, als Nation selbst zu versorgen, wäre für die meisten von uns die wohl erste Lösung. Wovon aber reden wir wirklich, wenn wir ernsthaft danach trachten, uns von anderen Staaten unabhängig zu machen? Auf keinen Fall davon, Österreich gegen irgendetwas verteidigen zu können – schon gar nicht militärisch. Aber auch für die lokale Version globaler Netzwerk-Effekte fehlen uns die Ressourcen. Insbesondere im Bereich Digitalisierung brauchen das Land und seine Unternehmen internationale Anbindungen, Zugang zu Innovation und weltweit ausgelagerte Infrastruktur.

Gleiches gilt für fehlende Rohstoffe und großvolumige Industrie-Branchen á la Auto, Chemie oder (noch) Erdöl und Erdgas. Was (jetzt) noch nicht lokal zur Verfügung steht, ist nicht mehr aufzuholen. Zu diesen Themen hieße es, die Kooperation mit anderen Ländern krisenfest zu machen, anstatt sich international abzuschotten. Hingegen ergibt die Diskussion um mehr Unabhängigkeit von globalen Märkten und Entwicklungen bei der Versorgung mit Energie oder Lebensmitteln durchaus Sinn.

Gerade in Krisen, wie Corona gezeigt hat und der Klimawandel gerade zeigt, sind autark agierende Schlüsselbranchen Gold wert. Erst das „Weiterfunktionieren“ der technischen Infrastruktur und die Versorgung der Bevölkerung mit dem Nötigsten lässt akute Phasen von Mangel und Not bewältigbar erscheinen. Dabei sind Horrorszenarien wie „Blackouts“, Umwelt-Katastrophen, Wirtschaftskrisen und Kriege heute sehr reale Bedrohungen. Sollte es hart auf hart gehen, werden alle Länder, gemäß dem Motto „Wir zuerst!“, die eigenen Produkte für die eigenen Märkte sichern. Ziel wäre es dann, im Lande ein Sortiment vorzuhalten, mit dem man zumindest die eigene Bevölkerung versorgen kann. Das wiederum ist für Volkswirtschaften mit Dienstleistungsüberhang, wie Österreich, jedoch weit schwerer machbar als für Industrienationen.

Reicht es wirklich für alle?

Um die Rahmenbedingungen für eine Selbstversorgung des Landes mit lebenswichtigen Produkten und Leistungen realistisch abschätzen zu können, helfen einige Daten. So stützt sich der regionale Konsum weit mehr auf importierte Produkte, als wir zugeben. Die jedoch werden im Falle einer Krise nicht mehr zur Verfügung stehen. Beispielsweise können sich die Österreicher*innen zwar vollständig mit Äpfeln selbst versorgen. Der Grad der Selbstversorgung mit Obst allgemein liegt hingegen bei gerade einmal 45 %. Kassenschlager wie Erdbeeren, Marillen, Zitrusfrüchte oder Bananen müssen (teilweise) importiert werden. Ähnliches gilt auch für Gemüse mit 63 % Versorgungsgrad. Demgegenüber scheint die nationale Fleischproduktion auszureichen, zumindest den Eigenbedarf zu decken. Jedoch nur mit importierten Futtermitteln. Müssten wir die zu 100 % im Lande produzieren, stünden Soja & Co auf den heimischen Äckern in massiver Konkurrenz zu pflanzlichen Lebensmitteln.

Besonders intensiv wird auch die Energie-Strategie der Zukunft diskutiert. Nach dem bevorstehenden Ende der fossilen Ära in der Energiewirtschaft, hat Österreich die Chance, sich komplett selbst mit grünem Strom zu versorgen. Vorausgesetzt, es werden die nötigen Kapazitäten und die erforderliche Infrastruktur geschaffen. Bereits im Jahr 2030 rechnet die E-Control Austria mit einem Plus an Strom-Bedarf (exkl. Netzverluste, Pumpstrom und Eigenbedarf) von rund 25 % gegenüber dem heutigen Stand. Damit müssten in 9 Jahren rund 86 TWh grüner Strom produziert werden. Das ist angesichts der rasanten Entwicklung der Digitalisierung bzw. hochtrabender Wasserstoff-Pläne ein, meiner Meinung nach, viel zu niedriger Planwert. Aber selbst zur Erreichung dieser Ziele sind große Investitionen und die aktive Beteiligung der Bevölkerung dringend gefragt. Für die Nutzung privater PV-Anlagen, zur Ergänzung fehlender Strom-Ressourcen, wurde deshalb ein Gesetz für erneuerbare Energien verabschiedet. Ähnliches gilt für die Versorgung mit persönlichen Dienstleistungen im Gesundheitsbereich. Aktuell sind in Österreich rund 127.000 Personen in der stationären Akut- und Langzeitpflege beschäftigt. Rund 76.000 werden bis 2030 noch zusätzlich benötigt. Nur ein Teil dieser Stellen wird künftig durch inländische Kräfte besetzt werden können. Was also tun, wenn ausländische Fachkräfte hier und in der Altenpflege wegfallen?

Die Power der Bevölkerung

Nationale Selbstversorgung hängt immer eng mit einer positiven Grundhaltung der Menschen zum Thema Gemeinwohl zusammen. Dazu gehört, neben einem teilweisen Verzicht, vor allem der Wille, Notfall-Kapazitäten auch in guten Zeiten vorzuhalten. Das geschieht entweder über mit Steuergeld subventionierte Betriebe. Oder aber beim Einkauf werden höhere Preise akzeptiert, um Schlüssel-Branchen für den Krisenfall einsatzfähig zu halten. Was aktuell z.B. für die Produktion von Bio-Lebensmitteln durch kaufkräftige Schichten boomt, müsste künftig für alle Versorgungsbranchen durch alle Menschen möglich sein. „Austria first“ aus Konsum-Sicht sichert den Standort und damit die lokale Produktion. Nur so können Grundversorger*innen und Know-how für den Krisenfall im Lande behalten werden. Es sind aber nicht nur Markt-Mechanismen, über die ein Vorhalten von Kapazitäten für schlechte Zeiten möglich ist.

Das Land profitiert zunehmend davon, dass die Menschen selbst für die Erfüllung staatlicher Pflichten einstehen. Beginnend bei der Freiwilligen Feuerwehr über Ehrenamt, Kultur- und Gemeinwohlarbeit bis hin zur Nachbarschaftshilfe übernimmt die Zivilbevölkerung schon jetzt zentrale Bereiche nationaler Selbstversorgung. Zudem werden, trotz hohen Aufwendungen für das Sozial- und Gesundheitssystem, ein Gutteil der persönlichen Dienste im familiären Umfeld erbracht. Care-Arbeit reicht von der Kinderbetreuung bis hin zur Altenpflege. Sie wird meist von Frauen, unentgeltlich und oft auch unbedankt, getragen. Zudem zeichnet die Bevölkerung zunehmend selbst für ihre Grundversorgung verantwortlich bzw. liefert an die Allgemeinheit. So werden künftig mehr und mehr Haushalte Strom für sich selbst produzieren, aber auch ins Netz einspeisen. Zudem hilft die kollektive Nutzung von Mangel-Ressourcen, mit weniger Einsatz zumindest gleiche Leistung zu erzielen. Erste Anzeichen des Verzichtes auf 100%ige Individualität beim Wohnen und in der Mobilität lassen darauf hoffen, dass künftige Modelle der Selbstorganisation gemeinschaftlich optimierte sein werden.

Summary

Wenn wir Bürger*innen also mehr über die Autonomie des Landes in Krisenzeiten nachdenken, bleibt der Staat die erste Adresse, an die Forderungen zu richten sind. Dort liegt, neben der sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Grundversorgung, vor allem die Verhandlungsmacht auf internationalem Parkett. Einen wichtigen Teil haben wir Bürger*innen aber wohl auch selbst in der Hand. Einerseits ist es nötig, verstärkt auf kollaborative Strategien zu setzen. Andererseits spielt die Solidarität mit den heimischen Unternehmen und Bürger*innen eine wichtige Rolle.

 

 

Salzburg, 09|2021 – Gerd

Hinweise

Teil 2 einer Serie zu Selbstversorgung auf verschiedenen Ebenen: Nationale Krisenvorsorge. In welchen Branchen und Versorgungsbereichen könnte Österreich, zumindest im Krisenfall, autonom bestehen? Dabei sollten wir uns bewusst sein, dass diesbezügliche Krisen-Strategien einer intensiven Vorbereitung bedürfen. Aktuell steht der Wirtschaftsstandort, aber auch die Rollenteilung zwischen Staat und Bürger*innen, für Herausforderungen á la Blackouts oder Klimakrise, auf eher wackligen Beinen. Es wäre daher höchst an der Zeit, auch daran zu arbeiten.

Blackout = englischer Begriff für (totalen) Stromausfall

86 TWh = 86 Terrawattstunden = 86 Milliarden Kilowattstunden KWh | 1 Haushalt verbraucht im Schnitt 10 KWh pro Tag

Netzverluste, Pumpstrom und Eigenbedarf = Strombedarf zur Aufrechterhaltung der Strom-Versorgung | In Österreich werden rund 10 TWh zusätzlich dafür benötigt.

Care-Arbeit = unbezahlte Pflege- oder Fürsorgearbeit wie Altenpflege, Kindererziehung, Arbeiten im Haushalt etc.

PV = Photovoltaik

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