No na ned

Content-ID: 064|01 | Autor: Gerd | Stand: 2.9.2021

Sommer-Bilanz

Crashkurs fürs weitere Leben

Vom Lockdown in die unbeschwerte Freiheit. So zumindest haben wir uns den vergangenen Sommer herbeigesehnt. Die Hoffnung darauf war berechtigt. Aber ist tatsächlich alles so verlaufen, wie wir uns das vorgestellt haben? Okay, es gab mit einem Jahr Verspätung eine Fußball-EM und Olympische Spiele, die wieder Lust auf Großevents und Sport gemacht haben. Auch ein Urlaub in der Fremde, erste Prisen Kultur und genussvolle Freizeitgestaltung standen wieder auf dem Programm. Die Wirtschaft hat an Fahrt aufgenommen, der Arbeitsmarkt signalisiert Entspannung und auch privat häuften sich die Möglichkeiten, sich dem andauernden Druck zu entziehen. Was aber bleibt uns tatsächlich von diesem Sommer 2021 in Erinnerung?

Das Klima macht tatsächlich ernst

Der Sommer 2021 hat der Menschheit drei wichtige Klima-Erkenntnisse gebracht. Erstens liefert Mutter Erde immer das, was sie ankündigt. Dieses Mal waren es Verwüstung, Tod, Not und echt miese Perspektiven. Zweitens wussten wir dank IPCC schon lange, dass genau das passieren würde. Ab jetzt wissen wir auch, dass wir uns noch auf viel Schlimmeres gefasst machen müssen. Drittens will es jetzt niemand gewesen sein. Im Gegenteil: Das Motto „Wer sich rührt, verliert“ scheint jegliche politische Gegenoffensive gegen den Klimawandel zu bremsen.

Corona bleibt ein Politikum

Zwar hat Bundeskanzler Kurz schon im Sommer 2020 Licht am Ende des Corona-Tunnels gesehen. Zwei Wellen und Mega-Lockdowns später wissen wir, das war nur schlecht geraten. Aktuell stehen die Zeichen wieder auf propagierte Hoffnung versus harten Realismus. Vor der 4. Corona-Welle diesen Herbst und neuen Virus-Mutationen stehen einander jetzt erbittert Impf-Willige und Impf-Gegner*innen gegenüber. Quasi als Avatare für das bislang dürftige Krisenmanagement auf politischer Ebene. Damit ist die Pandemie-Bekämpfung endgültig zur Demokratiefrage mutiert.

Politische Kontinentaldrift

Afghanistan ist nur das Schaufenster zu einer Entwicklung, die unser naives globales Verständnis längst unterwandert hat. Was aktuell, nach 20 Jahren Krieg am Hindukusch, mit einer krachenden Niederlage des Westens endete, ist auch das Ende der demokratischen Idee einer internationalen Gemeinschaft. Die USA verlassen „step by step“ die Welt-Bühne. Den neuen Freiraum nutzt China, um seine Macht global zu verankern. Russland versucht über Intrigen und Destabilisierung an Einfluss zu gewinnen. Im Nahen und Mittleren Osten eskaliert zunehmend der Religionskrieg. Alle außer Europa pfeifen auf den Klimaschutz. Und die EU-Mitglieder schlagen sich mit der Frage herum, wem man in den Allerwertesten kriechen soll, um nur ja nichts verändern zu müssen.

Virtuose Verdrängung

Die ersten Gehversuche der Gesellschaft und Wirtschaft in der Corona-Sommerpause haben wieder jede Menge Probleme an die Oberfläche gespült, die wir verdrängt hatten. So gibt es noch immer einen Mangel an Fachkräften und einen Pflegenotstand. Ebenso warten wir auf die Ökologisierung des Steuer- und die Justierung des Pensionssystems. Offene Fragen zu Menschenrechten und Fremdenwesen gehörten geklärt. Und es harren u.a. die Katastrophen-Infrastruktur, die digitale Aufholjagd, das Bildungssystem oder die direkte Demokratie rascher Impulse. Ach, wäre es toll, wenn wir doch heute schon erste Ergebnisse dazu hätten …

Ibiza-Erkenntnisse

Die wohl einzige gesicherte Erkenntnis aus dem Ibiza-Untersuchungsausschuss ist, dass im Begriff „Unschuldsvermutung“ das volle Gewicht auf „Vermutung“ liegt. Kein Wunder, ging es bei den hitzig geführten Befragungen vielfach offenbar nur darum, „aus Mangel an Beweisen“ nicht weiter belangt, nicht jedoch vom Verdacht reingewaschen zu werden. So konnte im Ausschuss ein zwar sehr reales unschönes Sittenbild von Politik, Verwaltung und Wirtschaft nachgezeichnet werden. Trotzdem überdeckt die rechtlich verordnete Unschuldsvermutung den bitteren Beigeschmack, dass Korruption und Postenschacher mit hoher Wahrscheinlichkeit doch zum politischen Alltag im Lande gehören.

Man kann dem Sommer 2021 nicht vorwerfen, dass es ein inhaltliches Sommerloch gegeben hätte. Im Gegenteil: Die Menschheit wurde permanent auf Trab gehalten. Leider aber nicht auf ihrem Weg in eine bessere Zukunft. Trotz der Vorsätze, aus der Pandemie heraus mit neuen Ansätzen starten zu wollen, führt der Weg nur in jene alte Normalität, die wir längst hinter uns geglaubt haben. Es geht aktuell definitiv wieder zurück in das Klima- und Verkehrschaos, in das politische Hickhack, in ein globales Ausgeliefertsein und in die radikale Polarisierung der Gesellschaft.

Bleibt als gewichtigste Erkenntnis des Sommers 2021: Populistische Sonntagsreden kompensieren weder fehlende Visionen noch mangelnden Lösungswillen für die Probleme der Zukunft.

Salzburg, 09|2021 – Gerd

Hinweise

IPCC = Weltklimarat

Avatare = digitale Stellvertreter

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