Umbruchsfantaien

Content-ID: 075|01 | Autor: Gerd | Stand: 25.11.2021

Umbruchsfantasien

Eine „Na dann gute Nacht“-Geschichte

Es sieht so aus, als hätten die Nazis den Chinesen ein Virus geklaut! Nicht, dass das stimmen würde, aber ganz ehrlich: Zu den vielen Verschwörungsgeschichten rund um Corona wäre diese wie das fehlende Puzzleteil im Big Picture der grassierenden Endzeit-Fantasien. Zum einen halten sich hartnäckige Gerüchte, dass Covid einem chinesischen Labor entsprungen sein soll. Was aber hat es dort sonst getan, wenn nicht seiner Bestimmung zum chemischen Kampfstoff zu harren? Zum anderen haben die Populist*innen rund um den Globus die Vertuschungsversuche der Chinesen genutzt und bestimmen jetzt die Rhetorik zur Pandemie. Es braucht dabei gar nicht den physischen Besitz des SARS-CoV-2-Erregers, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Für die große schweigende Mehrheit der Wissenschaftsgläubigen ist das Virus zwar echt und bedroht Leib und Leben. Für die umso lauteren, sagen wir einmal, „einfacheren Gemüter“ geht die Gefahr trotzdem von einer grausamen Elite aus, die mit einem Pandemie-Chaos die Weltherrschaft an sich reißen möchte. Und für die Nazis ist das die lange ersehnte Chance, wieder zu alter Stärke zu gelangen. So wie schon damals, mit Hilfe der „einfacheren Gemüter“.

Wie ich auf solche verworrenen Gedanken komme?

Ganz einfach: Was, wenn das Virus tatsächlich eine gefährliche Bedrohung für die Menschheit ist? Wenn es, so wie von der Wissenschaft nimmermüde gedeutet, als Pandemie Welle um Welle durch die Länder pflügt und gnadenlos Opfer fordert? Dann wäre die zentrale Koordination eines kollektiven Kampfes gegen das Virus die wohl vielversprechendste Strategie, oder? Nicht, was die bisherigen eher fruchtlosen Versuche einer Corona-Politik betrifft, wohl aber das Repertoire der besten Gesundheitssysteme der Welt. Aber wären dann die Behauptungen, Corona wäre nur ein Manöver, um die Demokratie abzuschaffen, nicht dreiste Lügen? Wenn aber das gelogen ist, warum gehen Menschen trotzdem dagegen auf die Straße? Und wer setzt diese Schauergeschichten in die Welt? Seit der letzten Anti-Corona-Demo Ende November in Wien habe ich darauf eine Antwort. Ich habe mindestens 40.000 eher „einfache Gemüter“ dabei beobachten dürfen, wie sie, einer Rattenschar gleich, ultra-rechten Menschenfänger*innen folgen und dabei auf einen politischen Kipppunkt zustreben, hinter dem Antisemitismus und Führerkult warten.

Warum aber mutieren dabei besorgte Eltern und verängstigte Esoteriker*innen, ohne es zu merken, zu Handlanger*innen des politischen Umsturzes? Zur Speerspitze der Wiederauferstehung radikalen, entmenschlichten Hasses auf Andersdenkende? Gehirnwäsche lautet die einfache Antwort auf diese, für künftige Generationen so entscheidende Frage. Es braucht gar keine digitalen Chips, um Menschen zu willfährigen Mit-Marschierer*innen zu machen. Es reicht, im Hirn einen Schalter umzulegen, um rationale Fähigkeiten auszuschalten und fremd-steuerbare Emotionen von der Leine zu lassen. Über Empörung und Panik lassen sich hervorragend Hass und offensive Aggressivität erzeugen. Rhetorik, Unverfrorenheit und Radikalität reichen dabei als Werkzeuge völlig aus. Wut ersetzt Bildung, Hass verdrängt Empathie. Damit haben einzelne die Gedanken abertausender Menschen gleichgeschalten und auf das Feindbild Demokratie eingeschworen. Das hat vor 75 Jahren funktioniert und tut es augenscheinlich heute wieder.

Diese Vorahnungen geben den Corona-Demos im November 2021 ein neues, erschreckendes Bild. Je mehr der Blick das große Ganze umfasst, umso mehr verdichtet sich der lockere Demonstrationszug zu einem organisierten Aufmarsch. Einzelne Grüppchen fallen durch uniforme, synchronisierte Auftritte auf. Ihre mitgebrachten Symbole aus Kriegszeiten ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich als die Spruch-Kartons der übrigen Teilnehmer*innen. Und der knallende Gleichschritt, in den diese Abordnungen zeitweise intuitiv verfallen, übertönt, zumindest in der inneren Wahrnehmung der Beobachter*innen, den üblichen Demonstrationslärm. Diese Zellen bilden das Rückgrat eines Aufmarsches, der sich, wenn es nach ihren Anführer*innen geht, in absehbarer Zeit ganz anders anhören sollte. Marschieren statt demonstrieren ist die Vision dieser Menschen, zu deren Erreichen sich viele Zivilist*innen so leicht haben vereinnahmen lassen. Jetzt lässt sich irgendwie nachvollziehen, warum Menschen wie z. B. die gütige Nachbarin plötzlich mit stierem Blick und hysterischen Rufen Vernichtung und Tod predigen. Oder der Kollege, der mit geballter Faust und ausladender Gestik eine Weltverschwörung zu dämonisieren sucht, die es so gar nicht geben kann. Das alles macht mir Angst!

Ich lasse mich daher jeden Tag zu einem kurzen Gebet hinreißen, diese Vision eine schaurige Gute-Nacht-Geschichte, jedoch niemals Realität sein zu lassen. Möge dieses Mal die besonnene Mehrheit der Menschen die nötige Reife und Zivilcourage aufbringen, ein nochmaliges Abgleiten der Gesellschaft in die Nazi-Barbarei zu verhindern.

 

Salzburg, 11|2021 – Gerd

Hinweise

[Persönliche Meinung] Nebenstehender Beitrag spiegelt ausschließlich meine persönlichen Erfahrungen zur aktuellen Corona-Politik und der gesellschaftlichen Reaktionen darauf wider. Vor allem bereitet mir Unbehagen, dass der Diskurs zur Lösung der Herausforderungen nicht sachlich und respektvoll, sondern schrill, hysterisch und aggressiv geführt wird. So, als wäre die Pandemie nur das Vehikel, um den Staat und die Gesellschaft nachhaltig zu destabilisieren. Was aber sind Ihre Eindrücke zur derzeit laufenden Auseinandersetzung zwischen Corona-Politik und Corona-Widerstand?

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