Klima-Ninja

Content-ID: 024|01 | Autor: Gerd | Stand: 22.10.2020

Voran in die Zukunft

Werden wir enkeltauglich oder zukunftsfit?

box = nähere Details finden Sie in der Fakten-Kiste am Ende dieses Beitrags.

In letzter Zeit wird viel von der Zukunft gesprochen. Und davon, dass wir schon heute gefordert wären, sie für unsere Folgegenerationen zu gestalten. So wie in einem Abenteuer-Spiel, in dem es Krisen zu meistern und Katastrophen zu vermeiden gilt. Nur halt knallhart, real und mit keiner akzeptablen Option eines Scheiterns. Das Klima muss demnach auch in 30 Jahren noch verträglich und die Umwelt intakt sein. Aber auch die Gesellschaft sollte ein Auskommen und Sicherheit für alle Menschen bieten. Heute, im Jahr 2020, nennt man diese Vision „enkeltauglich“. Aber ganz ehrlich, hat unsere Generation überhaupt das Zeug dazu, sie wahr werden zu lassen?

Also: Wagen wir den Ausblick. Kommen Sie mit auf eine gedankliche Reise ins Jahr 2050 und lernen Sie Manuel kennen. Manuel ist dann 30 Jahre alt, verheiratet, Vater von zwei Kindern. Er ist aber auch mein Enkel und mein Held. Er hatte es die letzten Jahre nicht leicht, sich ein würdiges Lebensumfeld zu schaffen. Aber das hatte kaum jemand aus der Generation „2020plus“. Schuld daran sind nicht nur jene Schwierigkeiten, die wir „Alten“ Anfang des 21. Jahrhunderts nicht meistern konnten. Die Welt ist zudem reich an neuen Bedrohungen für Leib und Seele geworden. So wie jede Generation davor, hat auch mein Enkel, neben den Herausforderungen seiner Zeit, die vergebenen Chancen der Eltern und Großeltern mit im Rucksack. Das Vermächtnis von uns Alten aber hat es in sich!

Die Zukunft bleibt ungemütlich

Rückblickend aus dem Jahr 2050 konnte die ganz große Klimakatastrophe tatsächlich abgewendet werden. Dank Greta und des Engagements vieler, vieler Jugendlicher rund um die 2020er gab es doch noch den großen Schulterschluss zur Rettung der Weltbox. Das bedeutet, dass das Klima zwar wie erwartet heißer geworden ist. Auch dass die Gletscher und Polkappen fast vollständig geschmolzen sind. Der Meeresspiegel ist deshalb gestiegen, einige Metropolen sind unter Wasser gesetzt und die Vegetationszonen der Erde haben sich verschoben. Jetzt sind Millionen Menschen auf der Flucht und befeuern die Verteilungskämpfe, die quer über den Erdball entbrannt sind. Trotzdem ist es nur halb so schlimm geworden wie befürchtet. Die Erde ist auch 2050 einigermaßen lebenswert, zumindest für uns auf der Nordhalbkugel. Aber für rund 2/3 der knapp 10 Milliarden Erdenbürger*innen schwinden die Chancen, tatsächlich alt zu werden!

Für Manuel waren die Veränderungen seines Lebensraums von Geburt an Alltag. Er hat sich damit arrangiert, um Chancengleichheit gerungen und letztendlich seinen Platz gefunden. Mehr Probleme bereiten ihm da schon andere Vermächtnisse aus den guten alten 2020ern. Nationalismus, Ungerechtigkeit, Gier, Hass und eine regelrechte Sucht der Menschen nach Konflikten machen das Leben ungemütlich. Auch die zunehmende Gleichschaltung der Bürger*innen über den Konsum und die Medien und der Abbau von Individualität gehen ihm gehörig gegen den Strich. Vor allem aber rutscht die Gesellschaft immer öfter in existenzielle Krisen. Pandemien (wie Corona), Wirtschaftskrisen, Klimaeffekte, Kriege und politische Verwirrungen folgen einander im Jahrestakt. Europa hat an Kraft verloren. Die Welt ist korrupter denn je und Menschenrechte sind ein Luxusgut. Damit sind Existenzängste und ein gewisser Kampfmodus zum ständigen Begleiter von Manuel und seinen Altersgenoss*innen geworden. Und das braucht es auch, um nicht unter die Räder zu kommen.

Manuel übernimmt Verantwortung

Als eine der stärksten Waffen gegen den Verlust der Selbstbestimmung haben Manuel und seine Generation die Kraft der Gemeinschaft wiederentdeckt. Angefangen bei funktionierenden Nachbarschaften, leben mittlerweile unzählige regionale Gruppen in enger Beziehung innerhalb und zueinander. Erst der reale Kontakt der Menschen ermöglicht Solidarität in der Gemeinschaft und macht die Leute wieder unabhängig. Egal, ob der Zugang zu Lebensmitteln, zu Mobilität oder Bildung: Die Zivilgesellschaft hat sich als belebende Ergänzung der maroden staatlichen Systeme etabliert. Sie hat sich einen grenzenlosen Lebens- und Wirtschaftsraum geschaffen, der den Einfluss von Regierungen drastisch zurückgedrängt hat. Was unter dem Stichwort „Glokalisierung“box in den 2010ern noch belächelt wurde, ist heute Realität. Und Manuel ist gemeinsam mit seiner Frau Flora eine der treibenden Kräfte bei der Gestaltung dieser Netzwerke.

Am meisten aber unterscheidet sich die Welt unserer Enkel von unserer durch die Erkenntnis, dass Hausverstand und Business blendend harmonieren. Nach zwei Jahrzehnten Disruption und Krisenstimmung hat Intelligenz der Gier endlich den Rang abgelaufen. So werden 2050 keine Lebensmittel mehr weggeworfen, alle Produkte können recycelt werden und lange Lieferwege sind die Ausnahme, nicht die Regel. Auch haben alle Menschen Beschäftigung und Einkommen, selbst wenn das nicht immer direkt zusammenhängen muss. 2050 sind Geld, Tausch-Produkte und Zeit gleichberechtigte Währungen. So versorgen sich Manuel und seine Familie teilweise aus einem regionalen Gemeinschaftsgarten. Sie teilen Infrastruktur und Mobilität mit anderen. Und sie gehören einem Hilfs- und Pflegenetzwerk in der Nachbarschaft an. Das verschafft ihnen auch den Freiraum, sich anderen Projekten zu widmen. So investieren Manuel und Flora Erspartes in regionale Gemeinschaften auf anderen Kontinenten. Sie tun das nicht nur aus Menschenliebe. Sie folgen damit auch der Aussicht auf eine kleine Rendite an Kapital oder Produkten und tun es für das Gefühl, die Welt näher zusammenzubringen. In seinem privaten Umfeld ist Manuel so etwas wie ein Influencer geworden, wenn auch in einer realen Welt, so doch durchaus mit Reichweite.

Manuel und seine Familie leben aber auch in einer Zeit der Gegenbewegungen. So hat sich die Menschheit lange einem regelrechten Wahn zur Digitalisierung hingegeben. Egal ob nützlich oder nicht, zwischenzeitlich war fast jeder Lebensbereich über eine App geregelt. Irgendwann aber ist der Einfluss des Digitalen auf alles und jede*n zu viel geworden. Heute geht der Trend wieder in Richtung menschlicher Verantwortung, intellektueller Freiheit und Privatsphäre. Damit ist, ähnlich wie beim Ausstieg aus dem fossilen Zeitalterbox, jetzt auch mit der Digitalisierung eine Kerntechnologie an die Grenzen des Sinnvollen gelangt. Manuel hat sich mittlerweile zu einem führenden Experten für Digital-Abbau gemausert. Er fahndet in internationalen Netzwerken nach digitalen Sinn-, Zeit-, Geld- und Energie-Fressern. Und sein erfolgreicher Kampf gegen autonom gewordene künstliche Intelligenzen bringt der Gesellschaft täglich ein Stück realer Wirklichkeit zurück.

Jede Generation hat ihre Zeit

Heute, am 22.10.2050, sitze ich entspannt auf einer Parkbank. Ja, es gibt sie noch, Parks und Bänke an der frischen Luft. Und ich warte darauf, dass mein Enkel Manuel vorbeikommt. So wie an vielen Donnerstagen vorher, werden wir uns dann über die Lage der Welt in die Haare kriegen. Das ist unser Spiel. Wir werden Pläne machen, Probleme von gestern wälzen und über böse Menschen schimpfen. Vor allem aber werde ich mich unendlich darüber freuen, was aus dem Burschen so geworden ist. Ich werde seinen Eltern dafür danken, dass sie ihn wachsen und reifen ließen. Dass er gegen den Strom schwimmen und seine eigenen Erfahrungen machen durfte. Und vor allem, dass sie vermitteln konnten, wie wichtig Bildung, Respekt, Freiheit und Gerechtigkeit für das Leben sind.

Ich habe selbst immer für diese Werte eingestanden, auch wenn ich nicht immer alles dafür getan habe. So hatte ich schon in den 2020ern ein gutes Gefühl dabei, meinen Kindern und ihrer Generation das Schicksal dieser Welt zu überantworten. Zu Recht: Sie haben es gut hingekriegt. Jetzt, Mitte des 21. Jahrhunderts, hat die nächste Generation das Kommando übernommen. Und die Jungen gehen dabei ihren eigenen Weg. Manuel und Flora werden ihren Kindern kein dickes Bankkonto hinterlassen. Besser noch: Sie bieten ihnen eine stets funktionierende Gegenwart, einen riesigen Sack an Chancen und das Wissen, sie zu nutzen. Rückblickend auf die letzten 30 Jahre, war der Versuch, eine enkeltaugliche Zukunft zu kreieren, reine Themenverfehlung. Manuel hat das begriffen! Als seine Zeit gekommen ist, hat er Verantwortung übernommen. Er war aktiv, als es galt, statt großer Visionen ein gutes Hier und Heute zu erschaffen. Die Welt ist heute sicher, lebenswert, spannend und, was mich betrifft, auch seniorentauglich. Danke dafür, Manuel!

 

Salzburg, 2020(50)/10 – Gerd

box = Fakten-Kiste
Glokalisierung

Kunstwort aus den Begriffen „Globalisierung“ und „Lokalisierung“. Gemeint ist dabei das Zusammenspiel weltweiter Netzwerke und lokaler Wertschöpfung – so etwas wie „Das Beste aus zwei Welten“. So bietet Globalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft eine Reihe von Vorteilen wie Produktivität, Volumen, Kapital und Vernetzung. Das fördert den Fortschritt, sichert die Versorgung und verteilt Arbeit und Wohlstand um. Globalisierung steht aber auch für Raubbau, Ausbeutung, Umweltzerstörung und Ungleich-Verteilung von Chancen und Vermögen. Dem gegenüber ist Lokalisierung nicht als nationalistischer Gegentrend zu verstehen. Im Gegenteil: Das Nutzen lokaler Ressourcen kann die Negativ-Spirale ungebremster Globalisierung durchbrechen. So ist es sinnvoll, die regionale, oft auch qualitativ hochwertige, Produktion bzw. Dienstleistung auch regional zu nutzen – sogar bei fallweise höheren Preisen. Es spart Lieferwege, schont die Umwelt und schafft Innovation, Wertschöpfung und Arbeit. Vor allem aber vermeidet es Folgeeffekte und -kosten der Globalisierung im Bereich Umwelt und sozialem Ausgleich.

Zu diesem Thema bereits veröffentlicht: RE-Globalisierung 01 » | RE-Globalisierung 02 »

Hintergrundwissen: https://de.wikipedia.org/wiki/Glokalisierung »

 

Fossiles Zeitalter | Abschied

Die Verwendung von Kohle hat im Rahmen der industriellen Revolution der Wirtschaft gigantische Möglichkeiten eröffnet. So wurde die Produktion von Stahl und damit von Maschinen, Zügen, Hochhäusern u.v.m. binnen kurzer Zeit vervielfacht. Der Bedarf an Elektrizität konnte nur mehr durch die Nutzung fossiler Brennstoffe gedeckt werden. Und mit der Erfindung der Benzin- und Dieselmotoren wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusätzlich ein enormer Schub an Innovation und Produktivität ausgelöst. Der große Nachteil dieser Energiespeicher ist, dass durch deren Nutzung die Umwelt bzw. Luft stark verschmutzt und riesige Mengen an Treibhausgasen in die Atmosphäre gepumpt werden. Wie wir heute wissen, erwärmt sich dadurch das Klima stärker als geplant und wird uns in absehbarer Zeit eine Menge an Schäden und Kosten bescheren. Deshalb ist es längst an der Zeit, andere Technologien zu nutzen, die keine derartigen Schäden verursachen. Dieser Abschied von fossilen Energieträgern fällt zwar schwer, aber alternative Formate sind längst verfügbar und warten auf deren Einsatz. So, „let’s go on!“

 

Der große Schulterschluss zur Rettung der Welt
  • 2015 | Pariser Klimaziel: Erwärmung der Durchschnittstemperatur auf der Erde um maximal 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit durch Senkung der Treibhausgas-Emissionen.
  • 2030 | Senkung des CO2-Ausstoßes gegenüber 1990 in Österreich -36%, in der EU -55%
  • 2050 | Vermeidung Treibhausgas-Emissionen in der gesamten EU
  • 2060 | Klimaneutralität (nicht mehr Emissionen als Speicherung) in China

Zu diesem Thema bereits veröffentlicht: Klimawandel Kompakt »

 

Erklärungen

Enkel (mein): Ich bin tatsächlich seit 17 Wochen stolzer Großvater eines Buben. Er heißt nicht wirklich Manuel, ich habe seinen Namen im Beitrag aus Datenschutzgründen geändert. Seine Geburt stellt jedoch einen Meilenstein in meinem Leben dar. Nicht nur deshalb, weil ein derart süßes Wesen längst verschüttete (groß)väterliche Instinkte wieder zum Leben erweckt. Auch, weil mit diesem Kerlchen meine Zukunftsvisionen ein reales Gesicht und meine Anstrengungen einen Adressaten bekommen haben. Es macht Sorgen und Spaß, sich die Babys von heute in der Welt von morgen vorzustellen. Ich habe dabei ein gutes Gefühl. Besonders deshalb, weil wir noch die Chance haben, Einfluss auf dieses „Morgen“ zu nehmen.

Leseliste:

Klare, lichte Zukunft | Paul Mason | Surhkamp Verlag 2019

Super Forecasting | Philip E. Tetlock, Dan Gardner | Fischer Verlag, 2016

Next Germany | div. Autoren | Zukunftsinstitut.de, 2017

Link-Tipps:

TAZ (Optimistisches): https://taz.de/2050–Alles-wird-gut/!5654135/ »

Wiener Zeitung (Szenariensammlung): https://www.wienerzeitung.at/dossiers/2050/ »

Bild.de (dream the future): https://www.bild.de/news/ausland/news-ausland/indoor-farmen-wald-hochhaeuser-koch-roboter-die-welt-im-jahr-2050-71179768.bild.html »

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