Menschenrechte

Content-ID: 077|01 | Autor: Gerd | Stand: 16.12.2021

We will be back!

Endlich raus aus der Komfortzone

Kennen Sie einen wie Bertram? Bertram ist, wie ich auch, ein Mittfünfziger. Er ist, ebenso wie ich, selbstständig tätig und berät Unternehmen in Zukunftsfragen. Daher ist er naturgemäß auch an den großen und kleinen Fragen unserer Zeit interessiert. Egal ob Corona, Klimakrise oder die aktuellen Umbrüche in der Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft: Sein Fokus liegt auf allem, was jede*n von uns mehr oder weniger direkt bedroht. Im Gegensatz zu anderen scheint jedoch Bertram besser mit den Unwägbarkeiten dieser Welt zurechtzukommen. Während viele versuchen, gegen die verschiedensten Bedrohungen anzukämpfen und sich dabei in gutgemeintem Aktionismus verzetteln, hat sich Bertram längst damit arrangiert. Es ist seine Strategie, auf sich selbst zu achten und für sich selbst vorzusorgen. Für die Allgemeinheit hingegen ist er als Mitstreiter gegen das drohende Ungemach längst verloren. Das tut weh. Damit wird die Zukunft definitiv düsterer, als sie sein müsste. Bertram aber ist dafür gut gerüstet.

Mein Kollege Bertram ist mit dieser Haltung nicht allein. Im Gegenteil: Viele von uns haben die Übel der Zukunft lieber akzeptiert, anstatt jemals dagegen anzukämpfen. Still zu halten und sich zu ducken ist heute Mainstream. Zu strampeln, zu kratzen und zu beißen hingegen führt nicht zwingend zum Erfolg und kostet zudem Energie. Ich weiß das, denn trotz meiner vielen Projekte für eine bessere Gegenwart und Zukunft steckt etwas Bertram auch in mir. Während ich die Vorreiter*innen für Systemerhalt, Frieden, Umwelt und Gerechtigkeit dabei beobachte, wie sie sich aufreiben, klatsche ich. Ich applaudiere dann, nicke wohlwollend und singe am Abend ein paar Strophen vom Balkon auf die Straße hinab. Die Frustration über den Wandel der Welt zu einem Ort der Ungerechtigkeit und des Hasses tue ich höchstens in den sozialen Medien kund. Selbst auf die Straße gegangen, um für irgendwas Besseres zu kämpfen, bin ich schon länger nicht mehr. Mich in Flüchtlingsfragen mit Behörden angelegt oder die politische Elite provoziert zu haben, war mein Äußerstes an zivilem Ungehorsam. Sonst habe ich mich eher hinter der zweiten Reihe versteckt und begeistert geklatscht.

Wir, die Passiv-Generation

Erklären, nicht entschuldigen, lässt sich diese Zurückhaltung mit meinem und Bertrams Dasein als Boomer. Wir wurden in den Jahren ungebremsten Wachstums, in einer Zeit des Friedens und der Unbekümmertheit, sozialisiert. Damals gab es Wohlstand, Perspektiven, lebenslange Pläne und jede Menge Glaubenssätze, die uns prägten. Unsere einzigen Aufgaben waren es, den „Tag zu pflücken“, die Regeln zu achten und diese Einstellung an Folge-Generationen weiterzugeben. Um den Rest würden sich der Staat und die freie Wirtschaft kümmern, uneigennützig und generös. Aber denkste! Es gab und gibt damals wie heute reichlich Gründe, sich als kritische Basis in die Ausgestaltung von Staat und Gesellschaft einzumischen. Lediglich geschnallt hat es die Mehrheit der Menschen nie. So wurden lange jene Aktivist*innen, die für uns die Demokratie und die Umwelt verteidigt hatten, von der Seite angeschielt und nur im Verborgenen bewundert. Wir, politische Spätentwickler*innen, mussten und müssen erst lernen, offen Kritik zu üben. Das stille, demütige Hinnehmen all dessen, was uns vorgesetzt wird, kann und darf nicht weiter unser einziger Beitrag für die Gesellschaft bleiben. Ganz besonders nicht in Zeiten, wo zerstörerische Bewegungen, wie das Leugnen von Corona oder des Klimawandels, die Straßen dominieren.

Auch die schweigende Mehrheit der Menschen, die für eine positive Entwicklung der Welt einsteht, braucht endlich ihre Ventile. Es ist egal, ob in Form von Bürger*innen-Bewegungen oder direkt auf der Straße und im Naturschutzgebiet. Selbst wir „Alten“ haben immer noch die Möglichkeit und den Auftrag, selbst zum Wandel der Gesellschaft beizutragen. Einerseits, indem wir die folgenden Generationen mit Bildung, Macht und dem nötigen demokratischen Handwerkszeug ausstatten. Und andererseits, indem wir selbst mehr Aktionismus gegen Fehlentwicklungen in unserem Umfeld entwickeln. Es reicht längst nicht mehr, unter Gleichgesinnten das Wiedererstarken von Nazis und Populist*innen zu monieren. Damit halten wir die Lawine nicht auf, die unsere demokratischen Grundwerte zu verschütten droht. Sich dagegen stemmen heißt die Devise, auch wenn es unangenehm und kräfteraubend wird. Es ist daher höchst an der Zeit, dass z. B. 6 Millionen gegen Corona geimpfte Menschen in den Ring steigen und der destruktiven Fraktion aus Chaot*innen und Schwurbler*innen ihre Meinung tröten. Denn es ist auch ein Menschenrecht, Solidarität und kooperatives Vorgehen im Krisenfall einzufordern.

Ich persönlich werde 2022 den arrangierfreudigen Bertram in mir überwinden und wieder mehr für meine Meinung und die Rechte der Solidargesellschaft einstehen. Vielleicht nicht gleich in der offensiven Konfrontation mit radikalisierten Demokratie-Feind*innen. Aber durchaus auch auf der Straße und in engagierten Gruppen. Für etwas zu kämpfen, macht nämlich glücklich, immer gegen etwas zu sein, frustriert hingegen. Sich jedoch mit allem gütlich zu arrangieren, lieber Bertram, stumpft ab. Und das ist von allen Optionen die (für mich) schlimmste!

Salzburg, 12|2021 – Gerd

Hinweise

[Persönliche Meinung] Freitag, der 10.12.2021 war Tag der Menschenrechte. Anlass genug, sich wieder einmal an den Kitt zu erinnern, der unsere Zivilisation zusammenhält: Freiheit, Gleichheit, Respekt und Solidarität. Gleichzeitig aber sollten wir aufpassen, dass radikale Gruppierungen und korrupte Organisationen nicht weiter die Menschenrechte als Schutzschild für antidemokratische Zielsetzungen missbrauchen. Wirksamstes Mittel dagegen sind, neben Wahlen, engagierte, kritische Bürger*innen, die sich aktiv in die Gestaltung der Welt und der Gesellschaft einmischen – im Sinne aller Bürger*innen.

Bertrams Name wurde aus Datenschutzgründen geändert.

Boomer = kommt von „Babyboom“ = Kind der geburtenstarken Jahrgänge Mitte des 20. Jahrhunderts

Pflücke den Tag = auch unter dem Schlagwort „Carpe diem“ bekannt

Linktipps

Organisationen, mit denen man sich getrost auf die Straße wagen kann:

Amnesty International: https://www.amnesty.at/ »

Fridays for Future: https://fridaysforfuture.at/ »

Greenpeace: https://news.greenpeace.at/ »

Omas gegen Rechts: https://omasgegenrechts.at/ »

SOS Mitmensch: https://www.sosmitmensch.at/ »

Global 2000: https://www.global2000.at/ »

One Billion Rising: https://1billionrising.at/ »

Und jede Menge lokaler Bürger*innen-Initiativen »

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