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Politik & Gesellschaft | Beitrag: 014 | Stand: 6.3.2026

Opportokratie

Aufmerksame Leser*innen wissen natürlich, dass es diesen Begriff gar nicht gibt. „Opportokratie“ ist ein, an den Ausdruck „Opportunismus“ angelehntes, Kunstwort. Es beschreibt eine ganz spezielle Form der Staatsführung. Laut Google Gemini wird Opportunismus nämlich als die zweckmäßige Anpassung an die jeweilige Lage bezeichnet, um persönliche Vorteile zu erlangen, oft unter Aufgabe fester Grundsätze oder Überzeugungen. Folgerichtig wäre ein opportokratischer Staat einer, der sich im internationalen Kontext wegduckt, andient und alles nimmt, was andere übrig lassen.

Wem (außer mir) kommt das bekannt vor? Vielleicht hilft es, die derzeitige Performance der politischen und wirtschaftlichen Elite Deutschlands unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten – rein hypothetisch wohlgemerkt! Doch aus dieser Perspektive erhält das duckmäuserische Auftreten gegenüber den wirklich Mächtigen dieser Welt einen Sinn. Auch die Wiederbelebung des fossilen Zeitalters, die De-facto-Absage an den Klimaschutz oder die still hingenommene Spaltung Europas passen plötzlich ins Bild. Ebenso wie die Entscheidungsscheu der Regierung, die Wehleidigkeit der Unternehmen oder das demonstrative Achselzucken der Bevölkerung, wenn außerhalb der eigenen Wohlfühlmeile alles den Bach hinunterzugehen droht.

Ist jetzt tatsächlich die Ära der willfährigen Claqueur*innen im politischen Umgang mit den selbsternannten Führer*innen dieser Welt gekommen? Vorbei ist die Zeit ehemaliger deutscher Tugenden wie Zielstrebigkeit, Leistungsbereitschaft, Entrepreneurship oder Teamgeist. Opportun, also von Vorteil, ist, was wenig kostet, viel bringt und ausgelagert werden kann. So hat sich Deutschland zur drittgrößten Volkswirtschaft und zu einem der sichersten Länder der Welt regelrecht hochgekuschelt. Und wird es langfristig auch weiter tun, um „Sugar Daddy Donald Trump“ oder den „reichen Onkel aus Fernost“ bei Laune zu halten. Die müssen es bitteschön richten. Selbst wäre man dazu zwar durchaus in der Lage. Das aber wäre zeitaufwendig, teuer, mühsam, lästig und würde im Gegenzug nur langsam noch wohlhabender machen.

„Opportokratie“ geht aber auch vom Volke aus. Die Deutschen sind satt, sie sind reich und haben eine Fülle an ersessenen Rechten auf ihrer Seite, die sie selbst zu verteidigen zu bequem geworden sind. Die Ansprüche der Menschen an ihre Umwelt gehen längst über das für ihre Regierung Machbare hinaus. Dekadenz und Selbsterhöhung beherrschen die öffentliche Szenerie. Gepaart mit einem abgrundtiefen Desinteresse an einer Welt, die außerhalb der eigenen Wahrnehmung zunehmend zur Bedrohung wird. Das wiederum erinnert an die großen früheren Hochkulturen wie das Römische Reich oder das antike Ägypten. Besser gesagt: an deren Untergang, auf einen wie diesen Deutschland langsam, jedoch beharrlich zumarschiert – wie bereits erwähnt, rein hypothetisch natürlich.

PS: Österreich ist in diesem Beitrag vollinhaltlich mitgemeint.

Das Leben ist zu kurz, um nicht auf den Punkt zu kommen!
Gerd Sendlhofer