Sitten wo seid ihr

KOMMENTAR | Content-ID: 133|01 | Autor: Gerd | Stand: 19.10.2023
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Sitten, wo seid ihr?

Wenn das rechte Augenlid zuckt

Eigentlich bin ich ein angenehmer Mensch. Aber manchmal gibt es so Tage, da geht mir so ziemlich alles auf den Sack. Und genau heute ist so einer. Immerhin gibt es Dinge, die sich gehören, und Dinge, die das eben nicht tun. Vielleicht bin ich sonst etwas nachlässiger, sagen wir toleranter, oder ich übersehe einfach die Ungeheuerlichkeiten, die rund um mich passieren. Aber seien wir uns ehrlich. Sind die Leute heute nicht anmaßender und undankbarer als noch früher? Hält sich wirklich nur mehr eine Minderheit an Recht, Gesetz und gutes Benehmen? Und sind „Bitte“ und „Danke“ tatsächlich Fremdwörter geworden?

Als ich jung war, habe ich noch den Blick und das Haupt gesenkt, wenn mich Respektspersonen getadelt hatten. Und das tu ich noch immer! Heute aber kriegst du maximal eine „Goschen“ angehängt, wenn du jemanden zur Rede stellst. Entschuldigung, aber wo sind wir eigentlich?

Ist Ihnen aufgefallen, dass kaum mehr geblinkt wird, wenn er oder sie mit dem Auto abbiegen möchte? Oder dass erst gehupt und dann gebremst wird, wenn sich im Straßenverkehr Ungemach anbahnt? Also wie geht es Ihnen, wenn vor Ihnen ein Wohnmobil auf der Autobahn mit 80 auf die Überholspur wechselt, um nicht auf einen LKW zu krachen? So wie es aussieht, herrscht Anarchie auf den Straßen und Gehwegen dieses Landes. Einfach wild die Fahrbahn queren, obwohl sich einige Meter weiter ein Zebrastreifen befindet. Mit dem Rad auf dem Gehsteig bzw. mit dem Roller auf der Fahrbahn unterwegs sein oder mit beidem einen der raren Parkplätze dieser Stadt verstellen. Oder dass alle, alle, alle(!) unendlich langsam über den Zebrastreifen schleichen, obwohl sie vermutlich in höchster Eile sind. Immer dann, wenn Leute demonstrativ nebeneinander unterwegs sind und auch noch frech werden, wenn ich sie darauf anspreche, beginnt mein rechtes Augenlid zu zucken. Dann startet ein innerer Film, in dem sich in rasend schnellen Sequenzen all das Unrecht, das vor meiner Haustür passiert, bei mir in Erinnerung ruft.

Dabei kommen wieder Szenen in mir hoch, in denen die Nachbarin einen ungefalteten Karton in die Altpapiersammelbox wirft. Oder von den Jungs, die immer den neuesten Tratsch aus der Schule vor meinem Küchenfenster austauschen. Dazu noch jene Leute, die regelmäßig fünf nach Abholtermin den Plastik-Sammel-Sack zum leer geräumten Sammelplatz bringen. Also geht’s noch? Steht damit für vier Wochen ihr Müll auf der Straße, nur weil die Uhr zuhause falsch läuft? Wenn ich nur daran denke, dass seit Wochen ein fremdes Fahrrad-Fragment ohne Kette und Sattel im Keller steht. Dass beim Weißglas-Container regelmäßig eine grüne Falsche aus dem Einwurf lugt. Und dass die Nachbarskinder laut sind, ihr Hund unmotiviert bellt und die Neuen von nebenan zu oft Gäste haben. Das sind Fremde, die wiederum die Parkplätze „nur für Mieter*innen“ blockieren, obwohl das verboten ist. Das alles bringt mich in Rage und treibt meinen Blutdruck in derartige Höhen, dass ich mich hinsetzen muss. Stillhalten und ruhig durchatmen.

Ganz allmählich dringt wieder die Welt zu mir durch, wie sie tatsächlich ist. Es ist eine Welt voller Kriege und Nöte, die sich in einer Düsterheit über mein Gemüt legt, die mich bis in die Tiefen meines Herzens lähmt. Eine Welt, in der Unrecht andere Dimensionen annimmt, als nicht höflich gegrüßt oder mit Du statt Sie angesprochen zu werden. Ich erkenne dann, dass das Leben, wie es mir vergönnt ist, der Jackpot ist. Und dass mich die Kleingeistigkeit, die mich ab und an heimsucht, stören sollte und nicht die Umwelt, die mich, anders als umgekehrt, so annehmen kann, wie ich bin.

Dann wird mir klar, dass ich mit meinen hausmeisterlichen Ausritten nicht mehr als ein Nörgler und gestandenes Arschloch bin. Aber glücklicherweise nur manchmal, denn eigentlich bin ich ein angenehmer Mensch.

Salzburg, 10|2023 – Gerd

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