Gesellschaft, Wirtschaft | Beitrag: 022 | Stand: 11.5.2026
Wandernd aussteigen
Wandern scheint einer der kommenden Freizeittrends in Europa zu sein. Die Zahl der mehr oder weniger weit Wandernden steigt kontinuierlich. Jene der einschlägigen Influencer*innen explodiert gefühlt. Und auch der Job der „Wanderführer*in“ gewinnt zunehmend an Zulauf. Zumindest hatte ich diesen Eindruck, als ich selbst an einem Ausbildungskurs zum Wander-Guide teilnahm.
Dabei ist das Anleiten von Wandergruppen kein klassischer Ausbildungsberuf jüngerer Semester mit langfristiger Karriereaussicht. Es sind überwiegend „Middle-Ager“ bis „Boomer“, die via Wandern den Absprung aus den unterschiedlichsten Brotberufen planen. Die Aussicht, zumindest eine Zeit lang in der Natur und mit Menschen Teile des Lebensunterhalts zu verdienen, unterläuft traditionelle lebenslange Karrieren. Berufsplanungen die zu oft auf Burnouts, Frustration und KI-Konkurrenz zusteuern. Oder aber: Das Führen zahlender Gäste soll die Pensionskasse aufbessern bzw. das eigene Hobby mitfinanzieren.
Dem gegenüber liegt eine Wanderführer*innenschaft, von der man leben kann, nahe an einem Fulltime-Job mit Hamsterradqualität. Ein Business, bei dem der Anteil an Overhead-Leistung hoch, die Saison jedoch kurz, die Verantwortung enorm und der Tagsatz im Buchungsfall überschaubar ist. Viele Wander-Guides leiten daher Gruppen in touristischem Auftrag auf gefühlt ewig gleichen Wegen. Oder sie bieten Sehnsuchtstouren durch fremde Länder an – so sie irgendwann dafür berechtigt sein werden. Oder aber sie sind auf den Verdienst nicht angewiesen bzw. haben mehr oder weniger stimmige Nebenjobs.
Genau da meldet sich in meinem Hinterkopf Unbehagen. Was treibt Menschen tatsächlich dazu, sich Wind, Wetter, Geschäftsrisiken, Gruppendynamiken und einem hohen Maß an Verantwortlichkeit und Haftung auszusetzen, wenn es sich nicht finanziell lohnt? Oder ist die Aussicht darauf, mit spannenden Leuten in schöner Umgebung selbstinszenierte Abenteuer zu meistern, Lohn genug? Ich weiß es nicht, aber es wird sich weisen!
Das Leben ist zu kurz, um nicht auf den Punkt zu kommen!
Gerd Sendlhofer
Info
Die Ausbildung zum/zur Wanderführer*in wird in Österreich unter anderem über den Verband der alpinen Vereine Österreichs (VAVÖ) angeboten. Die rechtlichen Grundlagen, wann wer in welcher Region entgeltlich Führungen anbieten darf, sind jedoch Ländersache. Wer quer durch Österreich Wandergruppen führen möchte, muss daher neben einer vieltägigen Standardausbildung noch unterschiedliche Zusatzkurse für einzelne Bundesländer absolvieren und regelmäßig Qualifikationen updaten.
Fest steht, dass Wanderführer*innen im Gegensatz zu Bergführer*innen ein weit geringeres Spektrum an alpinen Herausforderungen im Repertoire haben dürfen. Das ist – angesichts der im Vergleich zum Führen hochalpiner Touren in gefährlichem Gelände einfacheren Wander-Ausbildung – auch gut so. Hingegen ist die Haftung gegenüber den Kund*innen im Schadensfall nicht minder ausgeprägt.
Linktipp: https://vavoe.at/ »