zu viel

Content-ID: 108|01 | Autor: Gerd | Stand: 03.11.2022

Zu viel ist zu viel

Was, wenn der Kapitalismus scheitert?

Aufgepoppt ist bei mir diese Frage bei der Lektüre von Ulrike Herrmanns letztem Buch mit dem apokalyptischen Titel „Das Ende des Kapitalismus“. Wobei es sich bei dieser Überschrift weniger um das Verbreiten von Panik als um eine reine Feststellung geht. Eine Erkenntnis, dass die Art und Weise, wie wir alle jetzt leben, in keine rosige Zukunft führen kann. Gut, das wissen wir schon länger, aber ignorieren es trotzdem. Es handelt sich daher eher um ein Mutmach-Buch, in dem aufgezeigt wird, dass es Wege gäbe, die am Selbstmord der Menschheit durch Übernutzung der Erde vorbeiführen könnten. Knapp vorbei, aber eben vorbei.

Eine der entscheidenden Ansagen dazu ist, dass wir so etwa auf dem Stand von 1978 leben müssten, um eine Chance zu haben. Die damalige Wirtschaftsleistung verbrauchte nämlich gerade noch so viele Ressourcen, wie es für diesen Planeten langfristig verkraftbar wäre. Also steht uns eine Reise in die Vergangenheit bevor. Das klingt doch gar nicht so übel, oder? Besonders dann, wenn Ulrike Herrmann den technischen und medizinischen Fortschritt seit jener Zeit nicht per se infrage stellt. Ihr geht es eher um das Überbordende, das Unmäßige, das seither in unser aller Alltag Eingang gefunden hat. Um die Nutzung von Techniken in einem Maße, das jegliche Ressourcengrenzen sprengt. Da sind einerseits die großen Übeltäter*innen, die für wenig Effekte immense Treibhausgasemissionen generieren oder Ressourcenverbräuche verursachen.

Dazu zählt u.a. der Flugverkehr und damit auch das Reiseverhalten der Menschen. Andererseits sind es die vielen Statussymbole, die unablässig und in Milliardenstärke die Erde überfordern. So gerät auch die individuelle Mobilität via PKW unter besondere Beobachtung. Auch dann, wenn alles auf E-Technik umgerüstet würde. Dabei steht nicht nur zur Diskussion, auf welchen Teil des Über-Wohlstandes beispielsweise wir Europäer*innen verzichten müssten. Es muss auch gelöst werden, wieweit staatliche Lenkung private Initiativen und unternehmerische Freiheiten beschränken soll. An dieser Stelle der Diskussion wird von den Kapitalismus-Fans vor einer Rückkehr zum Sozialismus gewarnt. Zu Unrecht. Jetzt ist zwar bekannt, dass der Sozialismus sowjetischer Bauart schon einmal gescheitert ist. Dass aber auch der Kapitalismus im Begriff ist abzudanken, erleben wir gerade mit. Es wird wohl irgendwo dazwischen oder ganz woanders gesucht werden müssen, um ein taugliches Wirtschaftsmodell für die Zukunft zu finden. Ulrike Herrmann hat dazu eine spannende, lesenswerte Idee!

Wo liegt die Grenze zwischen Wohlstand und Dekadenz?

Wo glauben Sie, zieht sich in unserer Gesellschaft die Trennlinie zwischen verdient wohlhabend und unmäßig? Sind es Dinge, Leistungen oder Annehmlichkeiten, auf die wir uns ein vermeintliches Recht ersessen haben, ohne sie wirklich zu brauchen? Da fallen mir, ohne zu zögern, das Drittauto, die Kreuzfahrt oder unsere Essgewohnheiten ein. Das alles kostet Geld und Ressourcen. Wobei das Geld sich trotz Krisen und Neiddebatte in den Börseln und Budgets der Europäer*innen wiederfindet. Wer dieses Geld jetzt wofür ausgibt, sollte demnach die Sache der Besitzer*innen bleiben. Immerhin braucht der allgegenwärtige Kapitalismus den rasanten Mehrfach-Umschlag von verfügbarem Einkommen. Nur so kann er jenes Übermaß an Konsum generieren, auf den die weltweite Produktion ausgerichtet ist. Die Grundregel ist (noch): Wird nicht gekauft, verlieren Menschen ihre Jobs. Was natürlich auch daran liegen könnte, dass zu viele Menschen die falsche, weil nicht wirklich benötigte, Arbeit verrichten. Immerhin werden Unmengen an Lebensmitteln weggeworfen und Produkte geschreddert, die zwar produziert, jedoch nie genutzt wurden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Was aber, wenn statt in ideenlose Ressourcenverschwendung künftig in nachhaltige Effekte investiert würde? Wenn statt Dingen mehr Bedingungen, im Sinne von erstrebenswerten Zuständen, auf der Wunschliste stünden? Auch damit könnten wir mit unserem Geld etwas erkaufen, das wir so noch nicht bekommen. Tun wir aber nicht. Beispiele gefällig?

 

  • Wir leben in einem Europa, das alle Bausteine für ein umfassendes und leistungsstarkes Gesundheitswesen hätte. Inklusive massenhaft Kapital und Know Das ist ein starkes Wohlstandsmerkmal. Dass wir jedoch seit Jahrzehnten von einem Versorgungs- und Pflege-Notstand getrieben werden, zeugt nicht gerade von Effizienz. Derart viel Geld auszugeben, ohne die offenen Probleme zu lösen, obwohl wir es könnten, das ist dekadent.
  • Ähnlich verhält es sich mit dem Bildungssystem und dem Stellenwert von Wissenschaft und Forschung in Österreich. Im Vergleich zu anderen Ländern sollten diese Themen auf der Habenseite unserer Gesellschaft stehen. Tun sie aber nicht. Wiederum, weil zu wenig Geld und Hirnschmalz in die notwendigen Dinge investiert werden. Auch das ist, angesichts der leichtfertig vergebenen Chancen für künftige Generationen, schlichtweg dekadent.
  • Zudem hätten wir mächtig viel Kapital und Kapazitäten, die Transformation unserer Wirtschaft und Gesellschaft in ein klimafreundliches System ambitioniert voranzutreiben. Und zwar so, dass niemandes Existenz in Gefahr gerät! So, wie es aktuell aussieht, werden wir uns aber erst dazu aufraffen, wenn noch viele, viele Euros in klimafeindliche Technik und Infrastruktur gesteckt wurden. Wir leisten uns ja sonst nichts, oder?

Beginnt Dekadenz nicht schon damit, dass trotz verfügbarer Möglichkeiten Chancen leichtfertig vergeben werden? Durchaus! Deshalb sollten wir uns, in Anbetracht der multiplen Bedrohungen unserer Welt, schleunigst damit beschäftigen, die Deals der Zukunft klarzumachen. Lebenswichtige Ressourcen in die Fehler der Vergangenheit zu stecken, ist einfach nicht schlau. Auch dann nicht, wenn wir vieles davon noch als Zeichen eines traditionellen Wohlstandes missverstehen.

 

Salzburg, 11|2022 – Gerd

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