Alt gegen Jung

Content-ID: 054|01 | Autor: Gerd | Stand: 10.6.2021

Alt gegen Jung

Wann wird das Berufsleben wieder planbar?

box = nähere Details finden Sie in der Fakten-Kiste am Ende dieses Beitrags.

Corona mag diese Entwicklung verstärkt haben, neu ist sie jedoch nicht! Was früher für ein ganzes Leben gegolten hat, hat heute ein überschaubares Haltbarkeitsdatum. Die zentralen Fragen zu Ausbildung, Beruf, Familie oder Lebensmittelpunkt stellen sich jungen Menschen alle paar Jahre aufs Neue. Und das nicht, weil die Jugend flexibler oder mobiler geworden wäre. Im Gegenteil: Neueste Studien zeigen eine Rückkehr der Jungen zu konservativen, planbaren Lebensmodellenbox. Lediglich halten die Angebote nicht mehr mit den Sicherheitsbedürfnissen dieser Generation mit. Insbesondere für Jobs und Lebensräume gibt es nur mehr langfristige Garantien, wenn ein Status ererbt wird. Der stete Zwang zur Neu-Orientierung und das Wissen, lebenslang in einem Verteilungskampf stecken zu bleiben, schafft hingegen Stress. Der wiederum befeuert einen Generationenkonflikt, der längst an die Oberfläche gelangt ist.

Für junge Menschen, die sich an der Schwelle zum Berufsleben und damit zu einer selbstfinanzierten Existenz befinden, sendet die Gesellschaft tatsächlich verwirrende Signale. Einerseits steht die Frage nach einer Ausbildung für einen möglichst aktuell nachgefragten und akzeptabel dotierten Job im Raum. Andererseits ist bereits jetzt klar, dass viele dieser Stellen nur eine gewisse Zeit attraktiv bzw. verfügbar sein werden. Aktuell sind die Chancen, irgendwann in dem Berufsfeld in Pension gehen zu können, für das man sich als junger Mensch entschieden hat, eher gering. Das wiederum macht spätere Umschulungen, Gehaltseinbußen, Standortwechsel und den Kampf um Perspektiven zur ständigen Begleitung im Berufsleben. Sich dabei ein akzeptables Lebensumfeld aufzubauen und zu finanzieren, wird ungleich schwieriger, als es die Eltern-Generation mit ihren Karrierepfaden und Lebensentwürfen hatte. Wehe also jenen Jugendlichen, deren Eltern die wirtschaftliche Zukunft nicht gleich für ihre Nachkommen mit regeln konnten. Das aber passiert immer weniger oft.

Generationen im Bedeutungswettbewerb

Glaubt man den Prognosen für die Arbeitswelt der Zukunft, überwiegt das Düstere längst die euphorischen Aussichten auf ein sorgenfreies Leben. Die letzten Jahre des Überflusses gehören noch jener Generation, die am meisten vom üppigen Wachstum an Lebensqualität und Wohlstand profitiert haben. Und sie werden auch im Ruhestand noch lange die bestimmende Generation auf dieser Erde bleiben. Wenn jedoch die „Boomer“ in Pension gehen, gehen auch viele gute Jobs verloren. Zwar wird oft versprochen, dass die Digitalisierung und Maßnahmen gegen den Klimawandel neue Arbeitsplätze schaffen werden. Viele Berufe, für die jetzt noch ausgebildet wird, werden jedoch aus dem Angebot fallen. Dazu verschwinden viele Leer- und Bull-Shit-Jobs, die dann abgebaut werden, wenn die Produktivität der Unternehmen unter Druck gerät. Und die Ersatzrate menschlicher Leistung im Rahmen der Digitalisierung geht gegen unendlich. Ein Schelm ist, wer glaubt, dass für jede KI-Instanz ein menschlicher Kontroll-Job geschaffen wird.

Es ist zudem ein offenes Geheimnis, dass bei schrumpfendem Stellenmarkt der Kampf um eine Anstellung mit Gehaltsverzicht verbunden ist. Künftig müssen aber auch noch mit weniger Einkommen, die Pensionen von immer mehr „Alten“ mitfinanziert werden. Und natürlich auch jener Teil der arbeitsfähigen Jahrgänge, die aus dem Arbeitsmarkt fallen werden. Die Generation der „Best-Ager“ lässt ihren Kindern tatsächlich weniger Chancen, ihr Leben selbstbestimmt zu leben, als sie selbst vorgefunden haben. Sie vererben noch zu Lebzeiten mehr Probleme und Verteilungskämpfe als Lösungen. Es sei denn, sie, die Jungen, oder besser noch WIR alle krempeln die Welt so um, dass sich die Selbst-Versorgungs-Grundrechnung aller Generationen irgendwie ausgeht. Dafür müssten wir jedoch ganz woanders beginnen als nur beim rechtzeitigen finanziellen Ausgleich zwischen den Generationen – wohlgemerkt allgemein und nicht nur innerhalb der Familie. Und trotzdem sollte das alles kein Grund dafür sein, verschiedene Altersgruppen gegeneinander aufzubringen: im Gegenteil!

Das Generationenkollektiv

Nur gemeinsam ist die Menschheit stark! Die Bewältigung der großen Probleme der Gesellschaft erfordert den Zusammenhalt aller. Daher kann das „First-come-first-serve“-Prinzip unter den Generationen nicht mehr zielführend sein. Auch deshalb, weil es keine Insellösungen für akute Probleme mehr geben kann. Entweder alle oder keine*r ist die schmerzhafte Botschaft an jene, deren Ego nicht loslassen kann. Aktuell zeigt die Klimabewegung vorwiegend junger Aktivist*innen wunderbar auf, wo die Stolpersteine im Generationen-Diskurs liegen. So wird die Botschaft von Schuld und Wiedergutmachung schier gebetsmühlenartig von Jung in Richtung Alt gerichtet. Demgegenüber steht der Beifall der Eltern-Generation, die dann doch an allem festhält, was als wohlerworbenes Recht der Besitzenden wahrgenommen wird. Damit werden Aufgaben, die im Hier und Heute gelöst werden müssen, mit einer Zeitachse versehen, die es nicht braucht. Niemand – weder das Klima noch die Wirtschaft oder die Gesellschaft – wartet auf die nächste Generation, um erfolgreich gemanagt zu werden. Das gilt auch für den Arbeitsmarkt.

Beginnen wir daher heute mit dem Bekenntnis, dass es ein Einkommen für alle geben muss – egal ob jung oder alt. Dafür heißt es, die Arbeitswelt rasch bedürfnisgerecht zu transformieren. Einerseits gilt es, den Menschen einen motivierenden Zugang zur Erwerbsarbeit zu bieten. Das erfordert eine enge Abstimmung mit den Lebenswelten der Betroffenen. Andererseits müssen auch die Unternehmen und der Staat ihre wirtschaftliche Schlagkraft behalten. Immerhin sind sie für Innovation, Wachstum und Rahmenbedingungen führend verantwortlich. Die dritte Säule am Arbeitsmarkt ist Bildung. Egal, wie rasch und komplex sich die Märkte entwickeln, Erfolg hat nur, wer im entscheidenden Augenblick am Ball bleiben kann. Die Sicherung von Expertise hat jedoch mehr mit Berufsbegleitung und weniger mit Schule oder AMS-Kursen zu tun. Daher ist lebenslange Aus- und Weiterbildung in jedes Arbeitsmarktszenario einzubeziehen – auch wenn dafür produktive Arbeitszeit geopfert werden muss. Erst dann verfügen die Unternehmen über Fachpersonal, wenn sie es brauchen, und Arbeitnehmer*innen über Optionen, wenn sie sich beruflich entwickeln wollen.

Es gibt zum Thema Arbeitswelten NEU bereits eine Vielzahl an Vorschlägen. Ich habe Ihnen drei davon herausgesucht, die direkt dafür sorgen können, dass die Menschen für ihr Berufsleben wieder Pläne schmieden können.

  • Begleitendes Grundeinkommenbox für Junge (beim Berufseinstieg) bzw. Alte (beim früheren Ausstieg aus dem Arbeitsleben) und Solo-Selbstständige – auch in Form von Sachleistungen.
  • Massive Erhöhung der Zuverdienstgrenzen für Pensionsbezieher*innen.
  • Erleichterung für eine Neben-Selbstständigkeit mit hohen Freibeträgen für lohnabhängige Abgaben und Lockerung des Gewerberechts für Solo-Selbstständige.

Und was sind Ihre Visionen für die Arbeitswelt von morgen?

 

Salzburg, 06|2021 – Gerd

box) = Fakten-Kiste
Jugendstudie Lebenswelten

Die Pädagogischen Hochschulen Österreich haben sich im Frühjahr 2020 mit einer Studie den Lebenszielen, Einstellungen und Lebensbedingungen junger Menschen (14-16 Jahre) gewidmet. Dabei wurde u.a. eine durchaus konservative Wertehaltung in Bezug auf Beruf, Sicherheit und Familie festgestellt. Diese bezieht sich jedoch auch auf Ängste, die durch den Klimawandel und Umweltverschmutzung ausgelöst werden.

Details zur Studie und den Ergebnissen finden Sie unter: https://jugendstudie.at/ »

Der Standard: https://www.derstandard.at/story/2000127099953/studie-skizziert-konservative-werte-bei-oesterreichs-jugendlichen »

 

Bedingungsloses Grundeinkommen

Gepuscht durch Corona hat auch die Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) wieder an Fahrt aufgenommen. Seit vielen Jahren wird von Befürworter*innen vehement gefordert und von Gegner*innen brüsk abgelehnt, Menschen (Steuer-)Geld zu überweisen, die dafür keine Gegenleistung erbringen. In der emotional geführten Diskussion geht es nicht nur um die (äußerst schwierige) Finanzierung dieser Leistungen inklusive umgekrempelten Staatshaushalten. Unterschwellig sehen viele Menschen ihre leistungsorientierten Lebensentwürfe massiv infrage gestellt. Das jedoch verunsichert. Dabei steht aktuell gar nicht ein „Entweder – Oder BGE“ zur Debatte, sondern die Frage, was in welchem Umfang und welchen Strukturen die Gesellschaft voranbringen kann. Denn eines hat Corona wieder einmal deutlich gezeigt: Jenes neoliberale Wirtschaftsmodell, dem wir bis dato gehuldigt haben, überholt sich gerade selbst. Ein tiefgreifendes Umkrempeln des bestehenden Systems ist daher das Gebot der Stunde. Nur in welche Richtung? Aktuell wurde in Deutschland ein Pilot-Versuch gestartet, in dem ausgewählte Personen für gewisse Zeit ein Grundeinkommen von 1.200,- monatlich erhalten. Und das, ohne dafür eine Gegenleistung zu erbringen. Was die Proband*innen damit und aus ihrem Leben machen, wird wissenschaftlich begleitet und soll Erkenntnisse darüber bringen, ob sich eher auf die faule Haut gelegt oder das Geld als Sprungbrett für wirtschaftlich zählbare Eigeninitiativen genutzt wird.

APA – BGE Studie startet in Deutschland: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20210601_OTS0146/1200-euro-monatlich-drei-jahre-lang-pilotprojekt-zum-bedingungslosen-grundeinkommen-beginnt-mit-der-auszahlung-foto »

Pilot-Projekt-Information (Deutschland): https://www.mein-grundeinkommen.de/ »

Tagesschau Info-Sammlung zum Thema: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/grundeinkommen-103.html »

ZDF – Grundeinkommen für Kulturschaffende: https://www.zdf.de/kultur/13-fragen/grundeinkommen-13f-100.html »

Unbehagen.at | Es regne Geld »

Hinweise

 Auffassungsunterschiede zwischen den Generationen sind nicht neu. Aktuell jedoch zeichnet sich ab, dass die Veränderung unserer Lebenswelten mehr an Fahrt aufnimmt, als uns lieb ist. Dazu kommt noch, dass die Zeitspanne, sich an den Wandel anzupassen, längst nicht mehr in Generationen gemessen werden kann. Das erzeugt Druck! Entweder mündet dieser grassierende Mangel an Chancen und Optionen tatsächlich in einem ernsten Generationenkonflikt oder die Gesellschaft ändert die Spielregeln. Nur schafft sie das? Ich bin mir da nicht mehr so sicher.

Leer-Jobs = Arbeitsplätze in der Produktion und im Vertrieb von Waren, die letztendlich nie in den Verkauf gelangen, sondern vernichtet werden (z.B. Mode oder Lebensmittel, mit bis zu 30 % Wegwerfrate).

Bull-Shit-Jobs = Arbeitsplätze ohne realen Beitrag zur Wertschöpfung, wie z.B. nicht benötigte Assistent*innen oder künstliche Management-Ebenen.

KI-Instanz = Arbeitsfeld für künstliche Intelligenz

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