game over

Content-ID: 101|01 | Autor: Gerd | Stand: 25.8.2022

Zwischenbilanz 2022

Ein Jahr wie ein Endspiel

Als am 1.1.2022 in Salzburg ein Radl umfiel, dachte ich, es könne heuer nicht mehr schlimmer werden. Zumindest für mich. Gut, es war mein Radl und ich saß noch drauf, als es bockte. Aber nach einem schmerzhaften Bike-Überschlag, gleich zu Jahresbeginn, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Schlimmste für eine gewisse Zeit bereits überstanden wäre, eine hohe. Denkste, lautet nun die Zwischenbilanz eines Jahres, das einerseits zum Vergessen einlädt. Und das andererseits eine Fülle an Erkenntnissen bereithält, die mich sehr unsanft wieder in die Realität unserer verkorksten Welt zurückgeholt haben. Das Schlimmste daran aber ist, dass das meiste, das mich aktuell beschäftigt, nichts ist, was wir nicht hätten vermeiden können. Wir, damit meine ich die Menschheit generell. Im Speziellen aber uns reiche, verwöhnte und verweichlichte Europäer*innen, für die es schon ein Drama darstellt, wenn irgendwo ein Radl umfällt.

Was aber liegt wirklich an zur Jahresmitte 2022? Da hätten wir Corona, das wir als ständige Begleit-Pandemie bis ins Hier und Heute mitgezogen haben. Glücklicherweise als abgeschwächte Variante, aber immer noch gut für virologische Überraschungen und politisches Kleingeld. So bleibt mit Corona auch ein Vorwand für Demokratie-Feind*innen, diese Zug um Zug aus den Angeln zu heben. Auch wenn es bedeutet, gezielt unschuldige Menschen durch Hass und Verfolgung in den Tod zu treiben. Pandemie-gebeutelt zeigten sich zu Jahresbeginn auch noch die globalen Lieferketten. Die dadurch teilweise schwächelnde Weltwirtschaft ist bis heute geblieben. Lediglich halten eine Energie-Krise, eine dramatische Inflation und geopolitische Spannungen vom Feinsten zusätzlich jeglichen Aufschwung im Würgegriff. Dahinter steht unter anderem Wladimir Putin, der im Februar ohne Not einen brutalen Angriffskrieg auf die Ukraine vom Zaun gebrochen hat. Aktuell erleben wir damit direkt hinter der Ostgrenze der EU eine Auseinandersetzung, in der auch die NATO inklusive Europa aktiv mitmischt. Vordergründig sind es kaum mehr als juristische Spitzfindigkeiten, die nach außen von einem Krieg zwischen zwei Staaten sprechen lassen. Wirtschaftssanktionen, Waffenlieferungen und finanzielle Zuwendungen aus dem Kreis der NATO lassen jedoch anderes vermuten. Tatsächlich befindet sich Russland, unter Duldung von China und anderen wirtschaftsstarken Ländern der zweiten Reihe, in einer direkten Konfrontation mit den USA und Europa. Wir erleben deshalb so etwas wie einen Stellvertreter-Weltkrieg, lediglich dass sich die Kontrahent*innen auf den Schauplatz Ukraine geeinigt haben.

Ebendiese internationale Auseinandersetzung, in der die UNO als Friedensinitiative kläglich versagt, hat sich zum realen Versuch entwickelt, die Kräfteverhältnisse der Welt neu zu ordnen. Dabei verweist die westliche (also unsere) Deutung der Vorkommnisse auf die aggressive Rolle des geopolitischen Ostens. Dieser (also die Bösen) wiederum bezichtigt die NATO, unter Führung der USA, einer Neuauflage hegemonialer Strategien. So stehen Zugänge zu Märkten und Rohstoffen in Asien, Afrika und Südamerika nur an zweiter Stelle auf den Eroberungsplänen aller Weltmächte. Aktuell geht es für Putin jedoch um die Rückabwicklung des Zerfalls der UdSSR. Und für XI Jinping scheint die Zeit für eine Rückholung Taiwans ins chinesische Staatsgefüge gekommen. Aber auch die USA schüren diese Auseinandersetzungen, um innenpolitische Spannungen zu übertünchen und das Schutzbedürfnis des restlichen Westens zu steigern. Die europäischen Länder nutzen die Situation, um sich als Staatenbund zu konsolidieren und Einigkeit zu üben. Vorrangig deshalb, weil ihnen nichts anderes übrigbleibt. Die EU braucht ohnehin mehr eigene Power in militärischen Fragen gegenüber den USA. Am besten noch bevor die anstehenden Zwischenwahlen und ein möglicher Machtwechsel 2024 die USA in eine neue, selbstzentrierte Rolle auf internationalem Parkett drängen. Europa, allen voran Deutschland, spielt in diesem Konzert der Eskalation eine eher unrühmliche Rolle. Vollmundige Forderungen, halbherzige Taten und jede Menge Opportunismus, wenn es um die Abfederung der Folgen der eigenen Courage geht, prägen die Außenpolitik der neuen Gutmenschen aus dem Zentrum Europas.

Durch den Ukraine-Krieg (RUS vs. UKR) und die Taiwankrise (USA vs. CHN) sind zudem schwere Verwerfungen an anderen Schauplätzen hierzulande ins Hintertreffen geraten. So verübt China weiterhin Verbrechen an Millionen von Uiguren. In Myanmar wird die Volksgruppe der Rohingya mit unverminderter Härte verfolgt und deportiert. Im Jemen und einigen Regionen Afrikas lodern noch immer bittere Bürgerkriege. Die USA verwandeln sich unter höchstrichterlicher Anleitung sukzessive in einen illiberalen Staat. In Afrika wütet zudem seit Jahren eine Dürre- und Hungerkatastrophe, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Afghanistan hat sich, nach der Flucht des Westens, unter der Herrschaft der Taliban zu einem Ort des Grauens entwickelt. Weltweit werden Lebensmittel knapp und selbst in Mitteleuropa macht die grassierende Inflation Armut wieder zu einem bestimmenden Thema. Afrika als Rohstoff-Zentrum entzieht sich zunehmend dem westlichen Einfluss und kooperiert mit China und Russland. Und wäre das alles noch nicht genug, hat der Westen begonnen seinen Wertekanon umzuschreiben. So werden zum Beispiel selbst Schurkenstaaten wieder salonfähig, solange sie in der Lage sind, Gas oder Öl zu liefern. Nichts ist mehr mit der neuen Chance, aus der Krise schneller und fairer die Energiewende zu schaffen. Im Gegenteil: Der Kampf gegen den fortschreitenden Klimawandel scheint tatsächlich ruhend gestellt. Und dabei sprechen wir von der größten Bedrohung für die Menschheit „ever“! Nicht dass wir nicht jammern würden. Und dass wir es nicht dramatisch fänden, dass 2022 z.B. allein in Europa rund 700.000 Hektar Wald Bränden zum Opfer gefallen sind. Auch, dass es eine bedrohliche Wasserknappheit inkl. Brandkatastrophen gibt, die eine Spur der Verwüstung in vielen Ländern und deren Wirtschaft hinterlässt. Und doch haben wir aller Dramatik zum Trotz beschlossen, den Kampf gegen die eigene Zerstörung, zumindest eine Zeit lang, auszusetzen.

Aber es wird auch gejubelt. Von dieser Kette an politischen und umweltspezifischen Verwerfungen profitiert beispielsweise die fossile Energie-Industrie, die mangels ökologischer Alternativen das Gros des globalen Energie-Bedarfs stemmen darf. Übrigens zu horrenden Preisen, was viel Geld in die Taschen der Konzerne spült. Dadurch verteuern sich aber auch die Produktion und der Transport von fast allem. Das wiederum macht das Leben unerschwinglich und trägt das Thema Hunger und Armut bis in die Mitte unserer Gesellschaft. Es spielt dabei keine Rolle, ob es um russisches Gas oder Öl geht, oder um jenes aus den USA oder Schurkenstaaten anderer Regionen dieser Erde. Hauptsache die Einnahmen sprudeln. Weitere Gewinner*innen sind die Konzerne der Rüstungsindustrie, deren Auftragsbücher innerhalb von 5 Monaten für die kommenden Jahrzehnte prall gefüllt wurden. Statt dem Zocken an Krypto-Börsen tragen nun Fabriken für Mehrfach-Raketenwerfer, Flugabwehrsysteme und Panzerhaubitzen die Renditeerwartungen des internationalen Kapitals. Und das, obwohl sich, bildlich gesprochen, an der ukrainischen Grenze jeweils rund 6.000 Atomsprengköpfe gegenüberstehen. Wohlwissend, dass schon einer reichen würde, um die Welt endgültig aus den Angeln zu heben. Irgendwie scheint – entgegen allen Warnungen – das „Atom“ als Energielieferant, aber auch als Vernichtungswaffe wieder in den Alltag unserer Gesellschaft zurückgekehrt zu sein.

Kein Wunder, wenn nach einem zudem auch privat beschwerten Sommer jetzt noch Endspielstimmung beim Match um die Zukunft der Welt aufkommt. In den nur wenigen Monaten seit Jahresbeginn hat sich die Zahl der spürbaren existenziellen Bedrohungen für jede*n Einzelne*n und die gesamte Menschheit vervielfacht. Zudem hat die Intensität einzelner Krisen enorm zugelegt. Und es ist weit und breit niemand unter den Lenker*innen dieser Welt zu finden, der bzw. dem der entscheidende Spielzug gegen den drohenden Verlust unserer Existenz zuzutrauen wäre. Vielleicht aber braucht es ein Wunder, um im finalen Match um Sein oder Nichtsein von Frieden, Lebensqualität und Wohlstand eine krachende Niederlage abzuwenden. Das bereitet mir ehrlich Unbehagen!

Salzburg, 8|2022 – Gerd

Hinweise

Die nebenstehende Auflistung bedrohlicher Sachverhalte und Entwicklungen ist eine exemplarische. Selbstverständlich sollten auch Themen wie die steigende Gewalt gegen Frauen, der schleichende Austausch von Fakten gegen Fake-News und Verschwörungstheorien oder das weltweite Artensterben ganz oben auf unseren Projektplänen stehen. Ebenso: der Fachkräftemangel | die ständig weiter klaffende Schere zwischen Arm und Reich | der stille Abgesang auf die Demokratie als Staatsform | unzählige Menschenrechtsverletzungen weltweit | der Kampf reaktionärer Eliten gegen Andersseiende und -denkende | die Unterdrückung der Selbstbestimmung von Frauen weltweit | die politische und religiöse Radikalisierung bis hin zum Terrorismus | die mangelnde Bereitschaft der Menschen, Verantwortung für sich und eigene Taten zu übernehmen | die ungebremste Flut an Plastik und Pestiziden | und vieles, vieles mehr …

Hegemonie = Vorherrschaft eines Staates über andere Staaten

Fossile Energie = Kohle, Erdgas, Erdöl

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