Die Rettung ist nah

Content-ID: 103|01 | Autor: Gerd | Stand: 15.9.2022

Die Rettung naht

Gedanken zum Club of Rome-Bericht „Earth 4 All“

50 Jahre nach dem ersten Bericht zum Zustand unserer Erde („Die Grenzen des Wachstums“) legen die Wissenschaftler*innen des Club of Rome jetzt nach. Mit „Earth 4 All“ liegt erstmals eine umfassende Checkliste vor, wie wir unsere Welt, trotz anhaltender Krisen, noch einmal fit bekommen könnten. So weit, so gut! Jetzt brauchen wir diese, unter Anleitung unserer Politiker*innen, nur mehr Punkt für Punkt abzuarbeiten. Möglichst schnell, wie uns geraten wird, und wenn geht quer durch alle Völker und Anspruchsgruppen dieser Welt koordiniert. Eigentlich wären das gute Nachrichten. Nur will und will sich bei mir die angesagte Euphorie nicht einstellen. Irgendetwas passt nicht in diesem motivierenden „Big Picture“ der Rettung der Welt. Oder, wie Lilly Aldrin fragen würde: „Wo ist das Häufchen?“

Grundsätzlich ist das Werk „Earth 4 All“ eines, auf das die Welt tatsächlich gewartet haben sollte. Immerhin benennt es klar und nachvollziehbar jene Ansatzpunkte, über die die meisten Krisen unserer Erde bewältigt werden könnten. Und es versprüht die nötige Motivation, die es braucht, den beschwerlichen Weg zur Genesung unseres Planeten auch tatsächlich in Angriff zu nehmen. Dabei muss die Vision einer Erde für ALLE Menschen, nicht nur für ausgewählte Eliten, gar nicht aus den Augen verloren werden. Es könnte sogar klappen, ohne zu sehr am Wohlstandsglauben zu rütteln, wie er in den Ländern des entwickelten Nordens seit Generationen zelebriert wird. Und auch ohne die Hoffnung des globalen Südens auf eine sichere und gesicherte Existenz zu zerstören. Es braucht lediglich das Problembewusstsein aller Menschen dieser Welt und den Willen, etwas gegen den drohenden Untergang zu tun. Und sei es nur, zugunsten anderer etwas Verzicht zu üben. Dazu aber wäre ein Umdenken, besser noch ein Umlernen festgefahrener Glaubenssätze, notwendig. Oder verkürzt gesagt: Der bzw. die Einzelne wäre dann nicht mehr länger der Nabel der Welt.

Immerhin wissen wir, dass wir wirksame Instrumente hätten, um dem Klimawandel, den Gefahren für unsere Umwelt, der wirtschaftlichen Krisenanfälligkeit und der sozialen Spaltung der Gesellschaft wehrhaft entgegenzutreten. Für die Gelehrten des Club of Rome spielt sich die Rettung der Welt dabei über folgende 5 Kehrtwendungen auf unserem Weg in die Apokalypse ab:

  • Die Beseitigung von Armut
  • Die Abschaffung von Ungleichheiten
  • Die Ermächtigung (also das „Empowerment“) von Frauen
  • Ein für Menschen und die Umwelt verträgliches Nahrungsmittelsystem
  • Der ausschließliche Einsatz sauberer Energieformate

Gelänge es uns Menschen – allen voran jenen aus dem reichen Norden des Planeten –, einen globalen Ausgleich des Vermögens und der Möglichkeiten zu schaffen, bekämen wir (fast) alle Krisen dieser Welt rasch in den Griff. Aber: „Hier ist das Häufchen!“

Als eine der größten Bedrohungen für die Menschheit hat die zunehmende Unfähigkeit der Einzelnen, zwischen Fakten und Fake zu unterscheiden, dem Klimawandel längst den Rang abgelaufen. Damit aber haben sich auch ehemalige Stärken, wie ein kollektives Problembewusstsein oder solidarisches Handeln, aus den „Tool-Kits“ der Gesellschaft verabschiedet. Vielmehr geraten immer mehr Demokratien ins Kreuzfeuer populistischer Destabilisierung. Und der Wettlauf der Industrienationen um die Reste angenehmen Lebens auf dieser Welt hat längst begonnen. Zudem haben sich neoliberale und/oder ultra-rechte Netzwerke über alle Landesgrenzen hinweg gebildet, um vom Kapitalismus das zu retten, was noch zu retten ist. Zumindest, um für die letzten Jahre Gewinne zu schreiben, bevor das ganze System crasht. Während jedoch die Eliten den Kampf gegen die Ansprüche der Armen dieser Welt längst aufgenommen haben, sitzt der industrialisierte Mittelstand zuhause und wartet ab. Oder anders formuliert: Die Reichen kämpfen gar nicht gegen den Klimawandel, sondern nur gegen jene Menschen, die ihnen Konkurrenz um die schwindenden Ressourcen machen könnten. Und wir, die via Kaufkraft und Produktivität für das Kapital von größter Bedeutung sind, scheinen zu hoffen, dass in unruhigen Zeiten die Armen, Hungernden und Ausgebeuteten ruhig bleiben oder von der Bildfläche zu verschwinden.

Das klingt jetzt sehr radikal und verletzend. Bitte entschuldigen Sie meine vorangegangene Wortwahl, sollten Sie sich ehrlich auf den Schlips getreten fühlen. Selbstverständlich unterstelle ich niemandem, den Tod unschuldiger Menschen herbeizusehnen. An der Konsequenz aber, dass wir, die schweigende Mehrheit der Welt, es nicht auf die Barrikaden schaffen, um für das Wohl aller Menschen zu kämpfen, ändert das nichts. Auch wenn es vielen von uns noch nicht bewusst sein sollte: Ohne unser Engagement wird die Welt kollabieren. Es werden viele, viele Menschen sterben und die Zeiten friedlicher Koexistenz werden vorbeigehen. Wir, also jene, die bis heute ganz besonders von der Ausbeutung der Erde profitiert haben, sind auch die Stolpersteine der „Earth 4 All“-Vision. Es ist tatsächlich unsere Trägheit, die es verhindert, dass der globale Wandel endlich Fahrt aufnimmt. Wir hätten die Macht, die Möglichkeiten und auch die Kaufkraft, die Politik und den Kapitalismus in die richtige Spur zu drängen. Warum nur tun wir es nicht?

Salzburg, 9|2022 – Gerd

Hinweise

Der erste Bericht des Club of Rome, zum Zustand und zu den Perspektiven der Welt erschien, unter dem Titel „Grenzen des Wachstums“ bereits 1972. Dabei sagte eine Gruppe von Wissenschaftler*innen, in verschiedenen Szenarien, die Entwicklung der Welt voraus – mit erstaunlicher Treffsicherheit, wie sich heute zeigt.

Lilly Aldrin = Figur aus der Fernsehserie „How I Met your mother“, die immer, wenn Sie das Gefühl hat, dass ihr etwas verschwiegen wird, die Frage stellt: „Wo ist das Häufchen?“.

Tool Kit = englisch für Werkzeugkoffer

Links | Lesetipps

Earth for All | Ein Survivalguide für unseren Planeten | ISBN: 978-3-96238-387-9 | Herausgeber: Club of Rome | oekom -Verlag 9/2022

Link:  https://www.welt.de/wissenschaft/article240884933/Club-of-Rome-Es-ist-noch-nicht-zu-spaet-die-Menschheit-zu-retten.html »

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